(Foto: NASA Earth Observatory)
Die Welt ist ungerecht. Immer schon. Aber so ungerecht wie derzeit war sie lange nicht. Das sollten wir ändern. Jetzt. Auch gegen Widerstände. Denn viele wollen, dass es so bleibt. Und noch mehr können sich nichts anderes vorstellen. Hier entwickele ich kurz, warum Änderungen zwingend sind und wie diese aussehen können.
Die meisten kulturellen Gruppen in der Geschichte nahmen anderen weniger weg als wir. Derzeit lebt eine Milliarde in Saus und Braus. Der Rest darbt. Alle sieben Milliarden hingegen betreiben – unterschiedlich intensiv – eine Ausbeutung, Versklavung und Vernichtung anderer Arten, die ebenfalls historisch neu ist. Durch zentralisierte Energiegewinnung mittels Hochtechnologie leistet sich die eine Milliarde einen Energieverbrauch, der Luxus und Macht, aber auch allen eine Frist von wenigen Jahrzehnten beschert, nach der das so nicht mehr möglich sein wird. (Von Staatsschulden soll hier keine Rede sein.) Diese drei gewaltsamen Aneignungsphänomene setzen militärische Hierarchien, hochdifferenzierte Arbeitsteilung und Rücksichtslosigkeiten voraus, denen durch kulturelle Zerstreuungs- und Kompensationsindustrien – u.a. durch Theater, Musik, Kino und Profisportveranstaltungen – der Anstrich von Zivilität und einer prinzipiell auf alle ausdehnbaren Kultur des Friedens gegeben wird. Gegen die kombinierten Interessen von 193 bei den Vereinten Nationen organisierten „Staaten“, militärisch verfassten Interessenverbänden mit Grundbesitzansprüchen, ist praktisch kein Widerstand möglich. Unsere militärischen Uniformen haben keine Schulterstreifen, Baretts und Orden mehr, sondern Anzüge und Kostüme, Krawatten und Blusen, Uhren, Autos, Handys und Fernurlaube. Das Problem: Gut gemeinte Appelle oder Kaufboykotts ändern daran – nichts.
„Das Jahrzehnt nach dem ersten 'Tag der Erde' [1970],“ schreibt Alan Weisman 2010, drei Jahre nach seinem Bestseller „Die Welt ohne uns“, mit einer Prise Zynismus, „wird nicht so sehr in Erinnerung bleiben durch das gesteigerte Bewusstsein über die bedrohte Umwelt, sondern vielmehr durch den Anstieg des plötzlich unerhört homogenen Weltmarkthandels auf der Welle neuer Welthandelsabkommen. Die unbeabsichtigte Antwort auf die Botschaft, dass die Ressourcen der Erde begrenzt seien, war ein Sturm freier Unternehmer auf alles das, dessen sie noch habhaft werden konnten, solange es diese Ressourcen noch gab.“
Wir sollten daher statt auf Einsicht und Vernunft lieber auf „Gier und Selbstsucht“ setzen, provoziert Weisman weiter in seinem Beitrag zu einem Sammelband von 80 Umweltaktivisten unter dem Titel: „Moralische Begründungen: Ethische Handlungen zugunsten eines bedrohten Planeten“, der im vergangenen Jahr erschienen ist. „Es dauert einfach zu lange um die Auffassungen von hinreichend Menschen zu ändern und sie aus Respekt für einen Wert handeln zu lassen, der den ihrer individuellen Existenz übersteigt. Nicht, dass der Versuch es nicht wert wäre. Wenn wir aber alle unser Hauptaugenmerk darauf richten, die Bewusstseine der vielen über ihre Umweltsünden zu verändern, wird der Planet sehr wahrscheinlich zerstört sein, bevor wir eine Mehrheit zu uns herüber ziehen konnten. Wo aber die Umwelt betroffen ist, entscheidet die Mehrheit.“ US-Autor Richard Manning schilderte, dass die Erschließung agrarischen Netto-Neulands 1960 geendet habe. Seither müsse der Zugewinn neuer Flächen durch Rodung mit Erosion anderer bezahlt werden.
Die Alternative: „Wachstum“ (Anstieg der Menge verkaufter Güter und Dienstleistungen) vermeiden, Werbung, internationalen Handel und Verkehr einschränken, Bevölkerung reduzieren statt vermehren, Industrieanlagen und Gebäude kontrolliert abreißen und recyceln, Nach-Auto-Zeitalter einleiten, Versklavung aller Tiere beenden, militärische Machtpotenziale gleichzeitig abrüsten.
Noch stellen Industrienationen in UN-Gremien eine kritische Masse, im Sicherheitsrat die Mehrheit. Mein Vorschlag: Revitalisierung des Trusteeship-Council, des Treuhandrats. Eingerichtet nach dem Ersten Weltkrieg, um besonders überseeische Kolonialgebiete mit zu Beginn 700 Millionen Menschen langsam in die Unabhängigkeit zu entlassen, ist dieses Gremium des Völkerrechts (Kap. 8 der UN-Charta) seit 1994 suspendiert, aber nicht abgeschafft. Länder, die freiwillig Gebiete unter UN-Treuhandschaft stellen wollen, können dies seit 1945 nach Art. 77c der UN-Charta tun. Hat bisher aber keiner. Deutschland sollte damit anfangen, um seine landwirtschaftlichen Flächen systematisch zu reduzieren und um zugleich andere, größere Ländern zu demselben Tun auffordern zu können. Dazu müsste der 2011 gewählte Vorsitzende des UN-Treuhandrates, ein im Bankensektor sozialisierter britischer Diplomat, abgewählt und ersetzt werden durch einen vielsprachigen Macher etwa aus Bolivien oder Venezuela.
Die Landfreigabe könnte durchaus eine ja jetzt offenbar ausstiegsfreundliche Bundesregierung beschließen und dann durch die Ausrufung einer Rückbauwirtschaft stützen: „Inverse Erschließung!“. Abbruchprämien wie in ostdeutschen Plattenbaugebieten auf 100 Prozent der Fläche anbieten, Grundsteuern erhöhen, Wohnungsmindestbelegschlüssel wie in der Nachkriegszeit ausgeben, Grenzen für ALLE öffnen und abgabeunwilligen Eigentümern ihrerseits die mittellose Flucht nahelegen. Jährlich fünf Prozent der Staatsfläche frei räumen und unter UN-Treuhandschaft stellen. Derzeit stehen 0,54 Prozent der deutschen Landfläche als Wildnis-(entwicklungs)gebiet in Nationalparks unter Schutz. Bisher soll laut Nationaler Strategie zur Erhaltung der biologischen Vielfalt (2007) diese Fläche bis 2020 nur vervierfacht werden. Demontage- und Recyclingaktivitäten könnten aber problemlos vier Millionen bisherige Arbeitslose sowie weitere Flüchtlinge an sämtlichen Orten dieser Republik beschäftigen.
Werbung sollte sofort eingestellt werden, Profisport und dessen Berichterstattung sowie grenzüberschreitender Tourismus nach und nach eingeschränkt werden. Einer Schließung der Zoos könnte ein Reproduktionsverbot für Haus- und Labortiere folgen und dann der „Nutztiere“. Nach dem Tod der letzten Tiergenerationen in Gefangenschaft würden Wertschätzung und Kochideen für lokale Gemüse ansteigen. Langfristig reduzierte sich weltweit die Besiedelungsdichte bis zur Jäger- und Sammlerkapazitätsgrenze (unter 0,01 Person pro Quadratkilometer). Attraktive Lebensbeendigung für Hochbetagte (z.B. durch Totlachen, s. Foto) und die Wiedereinführung des legalen Waffenbesitzes für alle.
Wo die staatliche Flächenreduktion nicht ausreicht, können von privat Flächen der üblichen Nutzung entzogen werden durch die Anlage ausgedehnter Friedfhofsneuflächen in gering bevölkerten Landstrichen. Die Legalität und Wirtschaftlichkeit dieses Konzeptes wurde untersucht. Seit 1995 können Privatgrundbesitzer mit einem progressiven Bestattungsunternehmen bei Genehmigung auf Friedhofsneuflächen mittels eigener Bestattung auf großen Flächen diese staatlicher Nutzung entziehen.
Liberale Freitod-Gesetzgebungen und non-reproduktive neue Familienzusammenhänge könnten eine Staateninitiative z.B. Deutschlands, Spaniens und Italiens stützen (mit schrumpfender Bevölkerung), nur noch schrumpfendenden Staaten Kredite zu gewähren. Die weltweite mittlere Temperatur ist durch den Klimawandel gestiegen, jetzt ist auch für politisch Aktive die Aufräumtemperatur errreicht: Aufräumen°! Haben Sie ein Wald-, Wiesen- oder „Unland“-Grundstück? Spenden Sie es doch für die neuen Friedhofsflächen, um darauf Interessierte je nach Geschmack stilecht ableben und sich bestatten lassen zu können für eine Bevölkerungsreduktion!
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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