der Freitag

Politik

Österreich | 29.01.1999 00:00 | Franz Schandl

»Für eine gute Sache«

Beim Grazer Briefbombenprozeß steht mit Franz Fuchs kein »eigenartiger Sonderling« vor Gericht

Im Februar 1995 tötete ein Sprengsatz vier Roma in der burgenländischen Gemeinde Oberwart. Der rechtsextreme Briefbombenterror in Österreich hatte damit seinen Höhepunkt erreicht. Anfang Februar 1999 beginnt nun der Prozeß gegen den mutmaßlichen Mörder, den Bombenbauer Franz Fuchs, in Graz. Zur Last gelegt werden ihm Mord, Mordversuch, Körperverletzung, Nötigung. 28 Bombenanschläge seiner Bajuwarischen Befreiungsarmee (BBA) hat es insgesamt gegeben, 25 Briefbomben und drei Sprengfallen.

Auch wenn mehr für die Einzeltäterschaft von Franz Fuchs sprechen mag, ist es doch interessant, mit welcher Vehemenz sich die Ermittlungsbehörden auf jene kapriziert haben. Indizien, die in eine andere Richtung weisen, finden von offizieller Seite keine Berücksichtigung. So bleibt es pikanterweise vor Gericht ausgerechnet dem Pflichtverteidiger von Fuchs vorbehalten, die Widersprüche zur Einzeltäterhypothese aufzulisten.

Franz Fuchs - geboren 1949 in der steirischen Gemeinde Gralla - wird nicht als personifizierte Ausgeburt und Zuspitzung rassistischer und xenophober Stimmungen betrachtet, sondern als wirrer Einzelgänger behandelt. Dementsprechend soll er auch - so die Anklage, nicht die Verteidigung!- in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen werden. Fuchs zeige, so die Anklageschrift, das »Wahnsyndrom einer geistig-seelischen Abartigkeit von höherem Grade«. Abartiger als diese Einschätzung ist nur noch Jörg Haiders überschlaue Abstammungstheorie, die, um alle Zusammenhänge zwischen der Programmatik seiner FPÖ und den Ansichten von Fuchs von sich weisen zu können, den Bombenleger kurzerhand zu einem linken Terroristen machte. Schließlich komme dieser aus einem sozialdemokratischen Elternhaus, engste Familienangehörige hätten sogar für die SPÖ im Gemeinderat gesessen.

Indem man Fuchs jedenfalls zum Irren erklärt, verklärt man die gesellschaftlichen Verhältnisse, auf denen solche Füchse wachsen. Wer die Stammtische kennt, nicht nur jene in der finsteren südoststeirischen Provinz, weiß, so isoliert ist dieses Schimpfen und Fühlen, Verwünschen und Fluchen nicht. Fuchs hat nur verwirklicht, wovon andere unentwegt phantasieren: ausmisten, rausschmeißen, wegputzen. Der »kleine Hitler«, der hergehört, hat in Franz Fuchs sein österreichisches Exemplar gefunden.

Fuchs ist freilich alles andere als irr. Wenn er etwas in den vergangenen Monaten bewiesen hat, dann, daß er genau gewußt hat, was er tat und wollte. Er hat durchaus ein Gespür für die mediale Inszenierung seiner Person. Er werde zwar zum »Spektakel« nichts beitragen, läßt er wissen, doch daß dieses auf jeden Fall eines wird, auch das weiß er. Seiner Sendung ist sich der Attentäter durchaus bewußt, dementsprechend zelebriert er sie auch: »Wenn alles ein bißchen im Dunkeln bleibt, ist es besser. Ein gewisser Mythos soll zurückbleiben«, heißt es im Vernehmungsprotokoll, aus dem hier zitiert wird.

Einsicht und Entschuldigung waren jedenfalls nicht zu erwarten, im Gegenteil, die »Aktionen waren so lustig wie das Kriegführen«, sagt Fuchs. Und tatsächlich, der Mann war im Krieg. »Eigentlich bin ich der Meinung, daß mir ein Orden umgehängt gehört,« meint er, der sich selbst als »fundamentalistischen Katholiken«, »österreichischen Patrioten«, aber auch »österreichischen Terroristen« sieht. Terror mache er für sein Land, oder zumindest, was er darunter versteht: »Die Abwehr einer Diskriminierung der Volksgruppe der Deutschösterreicher ist eine gute Sache. Wenn es nicht anders geht, auch mit Waffengewalt. Es war notwendig, etwas zu unternehmen.« Die Überfremdung müsse schließlich aufgehalten werden. »In der Ministerliste gab es fast nur slawische Namen.« Kurzum: »Die Aktionen waren notwendig, um etwas zu bewegen. Ich würde diese Aktionen wieder machen, wer für einen moslemischen Hilfsverein oder so etwas arbeitet, lebt halt gefährlich.«

Natürlich ist da eine Unmenge von rassischem und nationalem Wahn vorhanden. Aber erwächst der nicht auf diesem ressentimentgeladenen Boden der Normalität? Ist diese notorische Ausländerphobie nicht deren bester Dünger? Wer den Bombenleger ausschließlich zum Wahnsinnigen erklärt, spricht nur einen Teil der Wahrheit aus. Diese Sicht weigert sich nämlich beharrlich, den Zusammenhang von Wahnsinn und Normalität auch nur zuzulassen. Wahnsinnig sind die Taten des Franz Fuchs, doch sein Bewußtsein ist normaler, als einem lieb sein kann.

Daß anläßlich des Prozeßbeginns laufend Drohungen beim zuständigen Grazer Gericht eingehen, sollte schon zu denken geben. Selbst wenn diese Ankündigungen in concreto wenig ernst zu nehmen sein sollten, lassen sie jedoch schließen, daß Fuchs nicht nur ein »eigenartiger Sonderling« ist, wie Medien und Innenministerium unisono behaupten.

Eines steht jedenfalls fest: Hätte sich Fuchs im Herbst 1997 nicht zufällig bei einer Fahrzeugkontrolle ertappt gefühlt und in einer Panikreaktion - er zündete einen Sprengsatz, der ihm beide Hände abriß - selbst überführt, dann hätte sein Treiben wohl noch weitere Opfer gefordert. Die Adressen von Schulen, die er gesammelt hat, lassen ahnen, daß Fuchs möglicherweise nicht einmal vor einem Attentat auf »überfremdete« und »umgevolkte« Schulklassen, also auf Kinder und Jugendliche, zurückgeschreckt wäre. Das streitet er zwar ab, nicht aber, daß er für das Phantom der Bajuwarischen Befreiungsarmee die Ausländeranteile ebenjener ermittelte.



der Freitag Artikel-URL: http://www.freitag.de/politik/9905-fuer-sache

Copyright © der Freitag Mediengesellschaft mbh & Co. KG