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Louis Begleys fünfter Roman »Mistlers Abschied«
Mister Mistler, in New York ansässiger Weltbürger, liebt Venedig, und besondere Aufmerksamkeit widmet er bei jedem seiner Besuche in der Lagunenstadt den alten Meistern, all den berühmten Werken der Tintoretto, Tizian & Co., wie sie dort durch die Museen und Kirchen verstreut hängen und mittels eines 500-Lire-Stücks für zwei Minuten in ein dürftiges Licht getaucht werden können. Zwar kommt die Geschäftigkeit der Folterknechte auf den Gemälden der Italiener nicht immer an das protestantische (und Mistlersche) Arbeitsethos heran, wie man es auf den Kreuzigungsbildern der Niederländer bewundern kann, wo der Betrachter »ringsum das Kreuz geschäftige, schwer arbeitende Männchen sieht, die unglaublich konzentriert am Werk sind. Eifrige Schweinsäuglein, rote Hüte über die Ohren gezogen, mit einem Strick unter dem faltigen Kinn zusammengebunden. Und was haben sie vor? Sie hämmern eifrig Nägel in Jesu Füße!« Aber auch Tizians »Folterung des Heiligen Laurentius« zum Beispiel ist nicht zu verachten. Etwa der »stramme Typ mit der riesigen Fleischgabel«, der Laurentius genußvoll in die Leber piekt, um sie nachher auf dem Grill zu rösten ...
Mistlers junge Freundin Lina ist empört über seine Bemerkung, all diese wackeren Männer täten »die Arbeit des Herrn«, der das Böse schließlich geschehen lasse, weil es ihm irgendwie in den Kram paßt. »Menschen haben einen freien Willen«, insistiert sie. Aber Mistlers Redekunst, seinem mephistophelischen Sarkasmus ist die junge Dame nicht gewachsen. Sie weiß nichts von dem Krebs, der sich in Mistlers eigener Leber ausbreitet, nichts von der apokalyptischen Dimension dieser höchstwahrscheinlich letzten Venedig-Visite, die der gut 60jährige bewußt ohne seine Ehefrau Clara exerziert, um seine Ruhe zu haben und sich auf das Abschiednehmen von Freunden und Geschäftspartnern in New York vorzubereiten.
Die Arbeit des Herrn - die hat auch Mistler ein Leben lang mit Hingabe und zu seiner eigenen höchsten Befriedigung verrichtet. Kalifornischen Rotwein, italienische Mode und französische Kosmetikartikel hat er unter die Leute gebracht, und entscheidend für den Erfolg seiner Werbekampagnen war das sogenannte »Mistler-Element«: nicht nur seine Begabung für einnehmende Worte und Bilder, sondern darüber hinaus die Fähigkeit, »auch hartgesottene Kunden zu bezaubern oder einzuschüchtern«. Ein Leben lang mußte Mistler der Beste sein, darunter ging es nicht. Schon als junger Schnösel im Internat, als Filius eines angesehenen Bankers, war er perfekt und unnahbar. Vielleicht konnte er deswegen kein Schriftsteller werden, weil ihm so etwas fehlte wie das »humane Element«. Also machte er es zu seinem Lebensinhalt, »eine strukturierte Leere« herzustellen, wie er es einmal selber nennt - und damit das bereits vorhandene Vermögen um ein Beträchtliches zu vermehren. Nun ist er dabei, die Agentur zu verkaufen und den Kreis zu schließen: Was Geld war, wird wieder zu Geld und nichts als Geld. So will es das Gesetz des Marktes.
Und der Rest des Lebens? Die Frauen? Mit ihnen verfährt Mistler so pragmatisch und effizient wie mit allem anderen auch: Er nutzt die Gelegenheiten, die sich bieten. Clara hat er geheiratet, »weil nichts dagegen sprach.« Seitensprünge sind selbstverständlich gestattet, wenn sie opportun sind, was für Claras Verhältnis mit Mistlers Teilhaber Peter Berry leider nicht gilt. Mistler verbietet die Liaison mit knappen Worten am Frühstückstisch und nutzt die einmalige Chance, den unproduktiven Partner aus der Firma zu kegeln. Wie alle ausgeprägten Machtmenschen ist Mistler allergisch dagegen, wenn man seinen Plänen in die Quere kommt. Ein Mann geht seinen Weg.
Lina, eine höchst flüchtige Partybekanntschaft, sitzt bei Mistlers Ankunft in Venedig im Bademantel in seiner Hotelsuite, als hätte er sie herzitiert. (Woran er sich nicht erinnern kann.) Sie will diesen gutaussehenden älteren Herrn photographieren, sagt sie, aber wie sich herausstellt, ist sie auch durchaus bereit, sich »nageln« zu lassen. Es mag Zufall sein, daß der grobe Ausdruck als Synonym fürs Vögeln sich in diesem Roman systematisch breitmacht, aber die Assoziation zu den Kreuzigungsbildern mit all ihren handwerklichen Details drängt sich doch unwillkürlich auf. Mistler macht sich auch in diesem Fall recht gründlich an die Arbeit des Herrn, obwohl der Auftrag, Linas Brüsten zur Laktation zu verhelfen, ihm anfangs widerstrebt. Doch nach dem Tizian-Streit, beim Eisessen, wirft Lina ihm vor, er interessiere sich nur für sich selbst. Es nützt nichts mehr, daß der Geschmähte sich auf die berühmte »Mistler-Diskretion« herausredet: Wenig später verhilft Lina ihm zu der allerbesten Gesellschaft, die sich denken läßt - der mit sich allein.
Mistler, der Mistkerl. Oder auch, wie Peter Berry beim Abschied sagte: »das Arschloch«. Louis Begley porträtiert in diesem, seinem nunmehr fünften Roman wiederum einen Menschen, den man nicht unbedingt mögen mag, den man kaum besonders liebenswert finden wird, und der dennoch - jenseits aller Sympathie-Skalen - als eminent zeittypische Persönlichkeit das Interesse des Lesers beansprucht. Es ist keineswegs der Mitleids-Sog der Krebskrankheit, der dies bewirkt (denn der Held geht weder heldenhaft noch sentimental damit um, sondern, seiner Lebensorder entsprechend, besonnen und pragmatisch). Es ist auch nicht nur die kühle Aufmerksamkeit des Bildbetrachters für die Männchen mit Schweinsohren, die die Arbeit des Herrn tun und mit unermüdlicher Hingabe ihren Mitmenschen Nägel ins Fleisch treiben.
Was den Mistkerl Mistler trotz allem interessant macht, ist wohl eher die Tatsache, daß dieser »coole und höfliche« Geldaristokrat, dieser reichlich versnobte Bildungsbürger, pathetisch gesprochen, eine Seele hat; weniger pathetisch: ein Sensorium dafür entwickelt, welche unwiederbringlichen Verluste sich auf der Soll-Seite seines Lebens angesammelt haben. Man wird dies das »Begley-Element« nennen dürfen: die vom Handwerklichen her nur schwer nachzuvollziehende Meisterschaft, mit der der Autor das schnöde Gewinn- und Erfolgsstreben seines Helden - nein, eben nicht dekonstruiert oder desavouiert, sondern lediglich mit einer feinen bitteren Beinote versieht. Oder auch mit einem recht vornehmen Trauerrand umgibt. Denn dieser Mensch hätte anderes und mehr vollbringen können, als ein Leben lang auf einen großen Haufen Geld zu scheißen.
Vielleicht müßte man den Meister dafür tadeln, daß er es mit der Komposition der Zufälle in seinem Roman überraschend weit treibt; dergestalt, daß gegen Ende auch noch die unerfüllte Jugendliebe Bella auf den Plan tritt und dem armen alten Toren erlaubt, ein einziges Mal ihre melonenhaften Brüste zu berühren. Muß das sein, darf das sein? Nun ja, diese eine einzige Sentimentalität ist legitim, wenn der »Subtext Tod« so diskret, so wenig pathetisch mitstrickt an einer Geschichte, die im wesentlichen von den prosaischsten Dingen des Lebens handelt. Und davon, wie man seine Zeit unerbittlich nutzt und sie dabei unwiederbringlich vertut.
Louis Begley: Mistlers Abschied. Roman. Aus dem Amerikanischen von Christa Krüger. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998. 284 S., 39,80 DM.
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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