der Freitag

Kultur

VOM ZAUBERBAUM ZUM HYPERMAN | 27.08.1999 00:00 | Beat Mazenauer

Goethe paßt immer

Der Meister aus Weimar zerkocht zu Bits und Bytes

Im ersten Buch seiner Romantischen Schule hat Heinrich Heine den »König unserer Literatur« Johann Wolfgang von Goethe mit einer »hundertjährigen Eiche« verglichen, die das dichterische Junggehölz über alle Maßen verschatte und ihm zugleich als erhabenes Vorbild diene. Die Orthodoxen, schreibt Heine, ärgerten sich daran, »daß in dem Stamme des großen Baumes keine Nische mit einem Heiligenbildchen befindlich war, ja, daß sogar die nackten Dryaden des Heidentums darin ihr Hexenwesen trieben«. Deshalb hätten sie ihn wohl am liebsten umgeholzt. Die Liberalen dagegen beklagten, »daß man diesen Baum nicht zu einem Freiheitsbaum und am allerwenigsten zu einer Barrikade benutzen konnte«. Allein, kommt Heine anschließend zum entscheidenden Punkt, das große Publikum »verehrte diesen Baum, eben weil er so selbständig herrlich war, weil er so lieblich die ganze Welt mit seinem Wohlduft erfüllte, weil seine Zweige so prachtvoll bis in den Himmel ragten, so daß es aussah, als seien die Sterne nur die goldnen Früchte des großen Wunderbaums.« Weltanschauliche Dispute vermögen dem Weimarer nichts anzuhaben, der über allen Wolken auf seinem Parnass thront und bloß von minderen Talenten angefochten wird. Keiner hat dies tiefer gespürt als Heine und keiner hat sich ausgiebiger, widersprüchlicher auch damit auseinandergesetzt. Das »große Publikum« nannte er die tonangebende Fangemeinde. Sie könnte auch das »bürgerliche Publikum« genannt werden.

Seit den Tagen Heines hat sich die Anhängerschaft des Weimarers laufend vergrößert - über alle Grenzen der sozialen Schicht und der kulturellen Distinktion hinweg. Er wurde gewissermaßen auf den Thron des unangefochteten Klassikers herniedergehoben. Oder, um bei Heines Metapher zu bleiben: Der Zauberbaum wurde systematisch abgeerntet, seine Früchte zu Kompott verkocht und seine Blüten zerpflückt fürs Poesiealbum, den volksmundigen Kalender oder das Trostbüchlein. Johann Wolfgang von Edel sei der Mensch, hilfreich und Goethe, munitionierte fortan wacker die Volkspädagogik. Der Betroffene selbst zeigte sich solchen »Schatzkästlein und ähnlichen Erbauungswerken«, »wodurch wir Gefühl und Ereignis als ewig wiederkehrend bezeichnen und aussprechen«, durchaus wohl gesinnt, wie er im West-östlichen Divan bekräftigte. Seine Früchte freilich, mahnt er in Wilhelm Meisters Wanderjahren, scheinen »demjenigen leer und dunkel, der sich keiner Erfahrung dabei erinnert«. Goethe paßt immer. Sein Werk gleicht einer prall gefüllten Fundgrube von Spruchweisheiten, ja mitunter scheint es gar nur aus solchen zu bestehen. Dafür mitverantwortlich ist ein Oberlehrer namens Georg Büchmann, der 1864 nach französischem und englischem Muster seine legendären »geflügelten Worte« zusammenstellte und so dem »großen Publikum« einen patenten Schlüssel zu diesem literarischen Fundus in die Hände gab.

Doch das ist Schnee von gestern. Zum Leidwesen der wahren Verfechter des gutbürgerlichen Bildungskanons hat unlängst ein neues Medium den Johann Wolfgang von der Goethliche für sich entdeckt: die CD-ROM. Die Weimarer-Ausgabe (aus der Preisklasse um 10.000 Mark) ausgenommen, konkurrieren momentan vier digitale Goethe-Editionen miteinander. - Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka gibt eine gute Auswahl aus Goethes Werk für den Preis von weniger als 100 Mark, nebst einem soliden Querschnitt durch die gesamte Literatur des 19. Jahrhunderts. - Vom selben Herausgeber stammt eine etwas erweiterte Auswahl in einem Mix aus Hamburger und Berliner Ausgabe, angereichert mit der illustrierten rororo-Monographie. - Sie wird hervorragend komplettiert durch Goethes Briefe, Tagebücher, Gespräche nach der Weimarer Ausgabe. - Schließlich kommt vom Aufbau-Verlag die digitale Goethe-Edition, Zeit Leben Werk, nach der 22-bändigen Berliner Ausgabe, inklusive Auszügen aus dem Goethe-Handbuch (Metzler Verlag) sowie weiteren Text- und Ton-Materialien. Alles für 100 Mark. Diese vier CD-ROM-Ausgaben enthalten, was das Leserherz begehrt, auch wenn sie in der Nutzung unterschiedlich effizient sind. Der Aufbau-Goethe präsentiert eine wunderbare Fülle an Materialien, doch zeigt sich die CD-ROM in der Handhabe etwas arg umständlich und langsam. Die anderen drei CD-ROM (alle von directmedia Berlin) zeichnen sich durch dieselbe übersichtliche Oberfläche sowie laufend perfektionierte Suchfunktionen aus, dafür fehlt es ihnen an Bildern und Kommentaren. Notorische Büchernarren und somit Computermuffel werden natürlich einwenden, daß Goethes Werk inkompatibel sei mit derart seelenlosen Silberscheiben, die von einem kalten Laserstrahl abgelesen werden. Daran ist etwas Wahres, doch gilt es nicht nur für Goethe. Eine konzentrierte Lektüre am strahlenden Bildschirm ist Unsinn. CD-ROM steht für Compact Disc - Read Only Memory - eine treffliche Bezeichnung. Kompakt sind diese potenten Datenträger, die bis zu 70.000 Buchseiten (Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka) fassen können. Und Read Only Memory könnte frei übersetzt werden als: Nur lesen, um die Erinnerung aufzufrischen. Damit ist ihre vornehmste Aufgabe umschrieben. CD-ROM bilden eine Konkurrenz für das Buch, nur wenn es darum geht, rasant Wortfelder abzutasten, bestimmte Stellen zu finden oder textuelle Bezüge herzustellen. In ihrer Funktionalität aber gleichen die CD-ROM-Editionen erstaunlicherweise den beliebten Erbauungswerken à la Goethe fürs ganze Jahr, Die Weisheit Goethes oder Trost bei Goethe, in denen das opulente Oeuvre in Kleinportionen fein abgepackt ist. »Sie bringen doch manch gute Wirkung hervor«, schrieb Eduard Engel 1921 in dem zweiten der oben genannten Schatzbücher.

Wie klug, mundgerecht und so allgemein gültig orakelt es da vom Blätterwerk des kanonischen Zauberbaums herunter. Allerdings, wendet Engel verständig ein, »darf diese Vermittlung nicht in der vielfach beliebten Weise geschehen, daß aus zehn, aus zwanzig Sammlungen Goethischer Sprüche und Aussprüche die elfte, die einundzwanzigste zurechtgeschnitten wird, mit der Schere und dem Kleistertopf.« Genau dies aber geschieht laufend und in unverfrorener Manier. Etwa in Trost bei Goethe aus dem Jahr 1937. Johann Wolfgang Ach-du-meine-Goethe wird hierin frei von jedem Kontext und von allen Quellenvermerken zerlesen und verkocht. Irrend lernt mann, heißt es da zum Beispiel moralisch gewichtig. Gewiß eine kluge Aussage, die wir in einem Brief an August von Goethe vom 14. Januar 1814 finden. Von ihrem Kontext befreit, wird aus dieser beiläufigen Bemerkung indes eine fundamentale Lebensweisheit herausdestilliert, als die sie nie gemeint war. Ein anderes Muster der Beliebigkeit demonstriert der Fünfzeiler: Nach ewigen, ehrnen, / großen Gesetzen / müssen wir alle / unsres Daseins / Kreise vollenden. Es handelt sich offensichtlich um eine Strophe aus dem Gedicht Das Göttliche. Auf diese Weise werden Gedichte zerpflückt und zu Lebensweisheiten sterilisiert, ohne Verfallsdatum. Damit nicht genug: besonders arg wird es erst da, wo mit der goethischen Weisheit der bürgerliche Tugendkatalog aufgepeppt wird. Ist es nur Zufall, daß die digitale Wünschelrute bei auffallend vielen der zufällig ausgesuchten Sentenzen versagt, sie sich in keiner der vier CD-ROM-Editionen auffinden ließen? Zum Beispiel die Sentenz: »Arbeite nur, die Freude kommt von selbst!« Das höchste, was dazu aus Goethe herauszukitzeln ist, stammt aus einem Brief an Johann Heinrich Meyer von 1796: »fahren Sie in allen Ihren Wesen und Arbeiten nur immer nach Ihrer eigensten Überzeugung fort, und alles wird zum besten gehen«. Und zuguterletzt: »Alles Verständnis fängt mit Bewunderung an«. Wie ließe sich im Jahr 1937 schöner das Vertrauen in den »Führer« bestärken! Doch wo bitte steht das? In den Gesprächen, Briefen und Tagebüchern findet sich zwar viel »Bewunderung« (rund 150 Mal), doch kein »Verständnis«. Die Frage bleibt offen. Wie klug wußte doch dieser Dichter zu sprechen! Und wie viel klüger noch, wenn man ihm ein bißchen nachhilft?

Das bürgerliche Gemüt bedarf keines Kontextes, um sich mit dem wohlfeilen Baldrian Goethe über die drängendsten Daseinsängste hinwegzuhelfen. Dies ist praktizierte Postmoderne lange vor ihrer Erfindung, eklektisch nach dem herrschenden Gusto, und sogar ein bißchen dekonstruktivistisch. Das Prinzip, Goethesche Sentenzen frei zu kompilieren, ist allerdings älter als Büchmanns geflügelte Worte. Schon Eckermann bediente sich fleißig aus dem Fundus. Für den 12.2.1829 notierte er: »Sodann, ich weiß; nicht mehr, in welcher Verbindung und welchem Bezug, sagte Goethe folgendes sehr Bedeutende. ›Alles Große und Gescheite‹, sagte er, ›existiert in der Minorität. Es hat Minister gegeben, die Volk und König gegen sich hatten und die ihre großen Plane einsam durchführten. Es ist nie daran zu denken, daß die Vernunft popular werde. Leidenschaften und Gefühle mögen popular werden, aber die Vernunft wird immer nur im Besitz einzelner Vorzüglicher sein.‹«

Schere und Kleister sind hinfällig geworden. Original-Goethe kann mit dem technischen Gestell nun digital abgekupfert werden. Andererseits aber vermag das neue Medium auch die Auseinandersetzung mit Goethe zu fördern. Wie Heine auf süffisant respektvolle Weise kundtat, steckt im Meister aus Weimar ebenso ein kanonischer Sprücheklopfer wie ein berückender Poet. Mit der CD-ROM lassen sich die einzelnen Blüten und Früchte möglicherweise besser erkennen, ohne daß sie dafür vom Baum gerissen werden müssen. Darunter auch jene, die dem braven Bürger wenig reiz- und geschmackvoll erscheinen mögen. Im Klassiker wird ja nicht unbedingt der »große Heide« Goethe gefeiert, »der gefährlichste Feind des Kreuzes«, das ihm, wie er sagte, »so fatal war wie Wanzen, Knoblauch und Tabak« (Heine) und der Gegner des unnatürlichen Ehejoches. »Es geht mit allen Geschäften wie mit der Ehe, man denkt wunder was man zu Stande gebracht habe, wenn man copulirt ist und nun geht der Teufel erst recht los«, schrieb er in einem Brief 1802. In einer rechten Blütenlese (Die Weisheit Goethes) indes fehlt dieses Zitat, zugunsten etwa von: »Die Ehe ist der Anfang und der Gipfel aller Kultur« (Die Wahlverwandtschaften). So geht das mit dem Klassiker, wenn der gute Bürger zuhause und der Soldat an der Front bei Trost und Laune gehalten werden sollen. Tabubrüche sind dafür gewiß nicht verlangt. Von Goethe als erotischem Dichter und Sammler von Priapea läßt sich getrost schweigen. Und so ist durch all diese Spruchsammlungen ein etwas langweiliger, moralinsaurer Oberlehrer herausgekommen, ein fader Abklatsch nur des Universalmenschen Goethe, der als Dichter und Dramatiker ebenso wie als Naturwissenschafter und Politiker eine gute Figur zu machen wußte. Nur diesen Universalmenschen interessierte Heine, nicht den allerwelts Johann Wolfgang nach Goethe drängt, am Goethe hängt doch alles. »Es ist was Schreckliches um einen vorzüglichen Mann, auf den sich die Dummen was zugute tun. Es gibt, sagt man, für den Kammerdiener keinen Helden. Das kommt aber bloß daher, weil der Held nur vom Helden anerkannt werden kann.« His Master's voice natürlich, aus den viel gepriesenen Wahlverwandtschaften.

PS.: In einem Brief an Karl August Varnhagen schrieb Heine 1827: »Wolfgang Göthe mag immerhin das Völkerrecht der Geister verletzen; er kann doch nicht verhindern, daß sein großer Name einst gar oft zusammen genannt wird mit dem Namen H. Heine.« Dieser behielt insofern recht, als beider Werk heute wie kein anderes auf CD-ROM inventarisiert ist.



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