Kultur

SELTENHEITSWERT | 03.03.2000 00:00 | Balduin Winter

Einer aus den Bergen

Lyrik des albanischen Dichters Martin Camaj

Martin Camaj (1925-1992) ist der wahrscheinlich wichtigste albanische Dichter dieses Jahrhunderts. Aufgewachsen in der nordalbanischen Gebirgslandschaft des Dukagjin ist er bestens vertraut mit den oralen Traditionen, mit Liedern, Märchen, Legenden, Rätseln und Sprüchen der Berghirten, unter denen er seine Jugend verbracht hat. Diese Volksliteratur ist der Wurzelgrund für seine elliptische Lyrik, eine ständige Konfrontation von Archaik und Moderne. Ausserdem knüpft er in seinem Werk an verschiedene Traditionen albanischer Literatur an: an die ersten eigenständigen literarischen Äusserungen der sogenannten »Dichter von Shkodra« und an die Dichtung der Arberësh, jener Exilanten, die vor den osmanischen Eroberungen nach Kalabrien und Sizilien geflüchtet waren und dort eine eigenständige Kultur entwickelt haben. Die Studienjahre in Rom haben Camaj eine prägende Erfahrung mit der italienischen Literatur beschert, sowohl mit der klassischen, mit Dante Alighieri, als auch mit der modernen, den hermetischen Gedichten eines Giuseppe Ungarettis. Camaj ist ein poeta doctus mit erstaunlicher Spannbreite, der sich jedoch nie vom Literaturbetrieb vereinnahmen lässt, sondern seinen individuellen Weg geht. Ein Weg, der ihn freilich schon früh ausserhalb des Landes führt: 1949 flieht er nach Jugoslawien, übersiedelt 1956 nach Rom und lehrt seit 1961 Albanisch an der Universität in München.

Mit einiger Konsequenz hält Camaj an seinen Themen fest, Moden oder Zeitgeistereien sind ihm fremd. Auch Weißgefiedert wie ein Rabe - Me pendlat e korbit të bardhë ist sozusagen ein echter Camaj. Es handelt sich um einen Zyklus, der verschiedene Motive lose miteinander verschränkt. Eines der zentralen Themen ist die Einsamkeit als Konflikt zwischen der Öffnung zur äusseren Welt und dem Verschließen in sich selbst.

HARTER MONAT DER EINSAMKEIT
Erde, Fichte und Bergweide beladen mit Schnee
und Kerzen aus Eis.
Das wilde Tier im eigenen Brustkorb gefangen
kauert sich zusammen und schläft
ohne Spur hinter sich
die Klauen in die Haut gekrallt
unter das Fleisch.
Ein Zaun eingestürzt auf dem Weg
und die Nacken der Bergpässe
ringsum
versperrt von Wolfszähnen
wie irr.

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Das Motiv der Frau versteht Camaj selbst weniger als ein sinnliches, vielmehr sieht er darin ein Heraustreten aus der Einsamkeit, ein Kommunizieren mit dem Leben. Das ist allerdings keine Liebeslustlyrik, zahlreiche Versuche der Verständigung misslingen (Die Legende von Shota; Vergessene Haut). Auch das Motiv der Dunkelheit ist mehr als eine Metapher, denn hier drückt sich existenzielle Verzweiflung aus. Sie wird noch gesteigert in der »Angst vor dem Zu-Ende-Gehen«, das mehrfach in verschiedenen Formen poetisiert wird: Tod - Rascheln / eines trockenen Blattes im Laubgeflatter / du sollst dort am Ende der Welt / ohne Rauschen von Chrysanthemen auf mich warten. // Warte, erstarrte Schwalbe / flatternd über der Welle / auf meinen Hauch // um aufzusteigen in die Lüfte / gefiedert wie ein weißer Rabe.

Eine Reihe weiterer Motive wären noch zu nennen, Flucht, Sehnsucht nach dem Süden, spezifische italoalbanische Motive. Eine große Rolle spielt bei seinen Gedichten auch Camajs Exilsituation: Zahlreiche seiner Gedichte beschwören das Dorf seiner Jugend herauf. Denn obwohl er mehr als 50 Jahre seines Lebens ausserhalb seines Landes verbracht hat, erschafft er es sich immer wieder in seinen Versen, ohne auch nur eine Spur rückwärts gewandter Sentimentalität zu zeigen. Gegenüber dem süßlichen Pathos und der nationalen Rhetorik in den Hoxha-Hymnen eines Kadaré ist sein Stil äusserst lapidar, lakonisch verknappt, alles Unwesentliche wird weggelassen, und den Gedichten wird die Rhythmik der Volksdichtung unterlegt.

Wie wenig der Prophet im eigenen Land geschätzt wird, zeigt die Mitteilung im Anhang des Bandes. 1996 erscheinen fünf Bände einer auf neun Bände angelegten Ausgabe Gesammelter Werke. Als nach den Wahlen 1997 die Exkommunisten gewinnen, heißt es: »Camaj wird nicht mehr gedruckt.« Spätfolgen der Roten Spinnen?

Martin Camaj: Weißgefiedert wie ein Rabe. Me pendlat e korbit të bardhë. Gedichte Albanisch - Deutsch. Herausgegeben und aus dem Albanischen übersetzt von Hans-Joachim Lanksch. Wieser-Verlag, Klagenfurt/Celovec 1999, 206 S., 38,- DM.

 
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