Politik

KOMMENTAR | 28.04.2000 00:00 | Marina Achenbach

wer hat was gegen rituale

Die beharrlichen Ostermärsche

Dass es sie noch gibt, ist aufschreibenswert: die mal anwachsenden, mal schrumpfenden Friedensmärsche zu Ostern. Ihnen sind ja die Themen keineswegs ausgegangen, nur die Aktionsform - ist sie verstaubt? Entleert, weil ritualisiert? Als sie vor fast 40 Jahren in England begannen, waren sie politische Wanderungen durchs Land bei Wind und Wetter. For Nuclear Disarmement. Auch in der Bundesrepublik ging es oft über Stock und Stein, durch Dörfer, deren Bewohner nicht einmal aus dem Fenster schauten, über matschige Feldwege zu den städtischen Zielen, drei oder vier Tage lang. Und so entwickelte sich allmählich eine eigene Protestkultur. Bis sie wiederum in den inneren Auseinandersetzungen der Linken fast zerrieben wurde. "Friede - Freude - Eierkuchen". Nachdem die Leute so langsam gelernt hatten, dass es gar nicht peinlich ist, in so einem bunten Haufen, mit Transparenten und gar singend durch die Straßen zu ziehen, konnten es dann viele nicht aushalten, von den "eigenen Leuten" lächerlich gemacht zu werden wegen der Teilnahme an einer so unrevolutionären Aktion. Die Entschlossensten versuchten sich zwei, drei Jahre lang darin, den Ostermarsch in eine Kampfdemonstration umzufunktionieren. Er überstand es, wenn auch lädiert.

An diesem Ostermontag tönen in Berlin vor der Humboldt-Universität, wo sich die Leute sammeln, aus dem einzigen Lautsprecher, den die IG Medien zur Verfügung stellt, Lieder, die vor 20, 30 Jahren entstanden sind. Sie sind noch da, noch im Gebrauch, noch anhörbar. Neue Lieder sind irgendwann nicht mehr hinzugekommen. Einige junge Leute halten eine mehrlagige seidene weiße Fahne, auf der im blauen Feld eine perfekte Picasso-Taube aufgenäht ist. - Wie seid ihr an diese Taube gekommen? "Zu Hause aus dem Schrank geholt", antwortet ein Mädchen und fügt hinzu: "Ich glaube, sie kommt aus Vietnam." Die Fahne wirkt trotz ihrer Feinheit so stabil, als würde sie ewig halten. Da sagt das Mädchen: "Sie wird auch noch hundert Jahre gebraucht werden." Ein langer Blick: Fast wie ein Vorwurf, dass nun auch ihnen der Krieg als Problem übergeben wird. Vielleicht drückt der Blick aber auch den Willen zur nüchternen Einschätzung der Wirklichkeit aus. Keine Illusionen.

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So setzt sich der Zug in Bewegung zum Brandenburger Tor, vielleicht 1.000 Beteiligte. Gegen Rüstungsexport. Gegen NATO-Einsätze. Die Gruppe mit der Friedenstaube skandiert: "Deutsche Waffen, deutsches Geld, mit dabei in aller Welt." Aber nur dreimal. Bevor andere, die anfangen leise mitzurufen, in Fahrt kommen, hören sie wieder auf. Es kostet sie Überwindung. Wir sind kein sehr begabtes Volk, was selbstbestimmte, öffentliche Auftritte angeht. Es fehlt die Übung. Zum Üben braucht es die Anlässe, auch die Rituale, die etwas von Gefäßen haben, die immer wieder neu gefüllt werden.

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