der Freitag

Kultur

IMMER NOCH REGIERT DAS DAMALS | 19.05.2000 00:00 | Werner Jung

Im Nebel der Erinnerung

In ihrem neuen Roman "Frühstück mit Max" zeichnet Ulrike Kolb ein nüchternes Bild der Gegenkultur der siebziger Jahre

Je mehr Zeit vergeht", bemerkt eine der beiden Erzaehler gleich zu Beginn von Ulrike Kolbs neuem Roman, "desto öfter passiert es mir, dass ich vergesse, wann sich was ereignet hat, wie auf einer großen Wasserflaeche wippt es durcheinander, Bojen der Erinnerung, kaum in der Ferne schaukelnd, in verhangener Luft". Sie müsse wie durch "Nebel tauchen", um Dinge, Personen, Ereignisse aus den Katakomben der Erinnerung zu holen. Veranlasst worden ist Nelly dazu durch ein zufälliges Treffen mit Max, dem nunmehr erwachsenen Sohn ihres früheren Freundes. Und sie tauschen sich aus darüber, wie es damals war in der Mommsenstraße in Berlin/W. während der siebziger Jahre, damals, als die Welt vermeintlich noch in Ordnung war, der Feind erkennbar und benennbar, die Hoffnung auf die große Ordnung und Utopie noch ganz real, als es auf alle Fragen eine klare Antwort und zu jedem Topf sogleich der passende Deckel bereit lag. Damals.

"Wir rannten überall hin, zu jedem Teach-in, Die-in, Sleep-in, zu jedem Prozess und jeder Demo, keine Aktion ließen wir aus, dazu jede Woche Elternabend, danach Kneipe beim Griechen oder Algerier, und fast täglich stritten wir darum, wer abends Babysitter sein sollte." Eine schöne Zeit, als die zentnerschweren Leerformeln noch den meisten als Lehrformen dienten - auch wenn sie natürlich maßlos an allen gesellschaftlichen Verhältnissen und Realitäten vorbeizielten. Sichtbares Ergebnis solcher auf der reinen Lehre basierender, dabei strikt antiautoritär inszenierter Erziehungsprozesse ist dann Max, der schon als Kind von all den gut gemeinten Ratschlägen und dem dialektisch-historisch-materialistischen Geschwafel gründlich die Schnauze voll hat und sich nach Ruhe, Ordnung und Geborgenheit sehnt, wie es sich ihm im proletarischen Elternhaus seines Freundes zeigt - da trägt man nämlich noch Krawatten und ist auch sonst proper!

Es kommt, was zwangsläufig kommen muss, wenn die Kinder gegen die Erwachsenen berechtigterweise rebellieren: Max geriert sich in allem als Gegenteil dessen, was seine verschiedenen Erzieher in der WG ihm soufflieren. Sein Wunsch nach Ordnung und Genauigkeit bestimmt auch seinen Berufswunsch; er möchte nämlich Architekt werden, und gerade im Land des Bösen schlechthin, in den USA, möchte er diesen Wunsch realisieren.

Als sich dann Max und Nelly wieder begegnen, kreisen ihre Frühstücksgespräche schnell wieder um jene alten Zeiten, werden die unterschiedlichen Perspektiven ausgetauscht, was Kolb auch durch ein personales Erzählen, mal aus dem Blickwinkel Nellys, dann aus demjenigen von Max, unterstreicht. Über den Altersunterschied hinweg wird im Verlauf der Gespräche ein gemeinsamer Punkt immer deutlicher: ein Empfinden des Ungenügens über die künstliche Welt der Begriffe und Ideologien, die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, ganz konkret: von Denken und Empfinden. Max steigen aus dem Nebel seiner Erinnerungen plötzlich nächtliche Szenen auf, in denen das schlaflose Kind vom lauten Gerede der Erwachsenen in der Küche heimgesucht wird: "alles in mir reckte sich und rüstete sich für den Angriff, bis ich losstürmte und mit schriller Stimme Ich will das nicht! schrie." Nelly ihrerseits erinnert sich an Alpträume: "die ich immer noch nicht ganz los bin, über die ich fast nie gesprochen habe und in denen ich abstürze, an Fenstern, Wänden, Kanten entlang".

Kolb zeichnet in ihrer Geschichte ein nüchternes Porträt jener Tage des postrevolutionären Aufbruchs in den 70er Jahren, eigentlich ein Bild der Statik, der Erstarrung, jedenfalls meilenweit entfernt von jenen anderen Erinnerungstexten, die die Thematik entweder im milden heroischen Glanz verklären oder mit nicht weniger milder Ironie zu destruieren versuchen. Allerdings, recht eigentlich neu ist das, was Kolb uns - diesseits wohl des ein wenig konstruierten Plots ihres Romans: der Andeutung einer Liebesnacht zwischen der betäubten Nelly und dem damals 17jährigen Max in Nellys neuer Wohnung - erzählt, auch wieder nicht.

Es scheint vom Ende her vielmehr so zu sein, dass wir mit der Erzählerin, der das letzte Wort vorbehalten bleibt, in einer "bleiernen Zeit" gestrandet sind, denn immer noch regiert jenes Damals - "als ich nicht mehr weiter wusste und mit meinen herausgeschrienen Wahrheiten, oder was ich dafür hielt, den Scherbenhaufen ausrollte, auf dem ich dann meinen unwiderruflichen Abgang machte." Nichts Neues in Sicht, New York ist lediglich ein kleiner Raum "outerspace", extraterrestrisch.

Ulrike Kolb: Frühstück mit Max. Roman. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2000, 197 S., 36,- DM.



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