der Freitag

Politik

PROSTITUTION | 01.09.2000 00:00 | Im Gespräch

Lebefrauen

Gabriela Leite von der brasilianischen Prostituiertenorganisation »Davida«

FREITAG: Der Name Ihrer Organisation »Davida« ist sicher nicht zufällig schillernd: Er klingt nach weiblicher Form von David, er meint auf portugiesisch »gibt Leben« und spielt auf »Mulheres da Vida«, Frauen des Lebens, an, also einen brasilianischen Ausdruck für Prostituierte ...

GABRIELA LEITE: Wir, das heißt meine schwarze Kollegin Dora und ich, haben Davida 1992 als Nichtregierungsorganisation (NRO) gegründet. Ich hatte selbst lange im Rotlichtmilieu gearbeitet und ich bezeichne mich heute noch als Prostituierte. Mit Davida wollten wir zum Aufbau einer brasilianischen Hurenbewegung beitragen und das Themenfeld Prostitution insgesamt bearbeiten. Inzwischen haben wir ein Netzwerk von 16 Organisationen im ganzen Land, darin sind rund 10.000 Frauen.

Mit welchem Ziel?

Wir kämpfen gegen das Stigma, das die Prostituierten umgibt, die herrschende gesellschaftliche Zurückweisung. Wir wollen die vollen Bürgerrechte genießen dürfen, bislang wurden die Prostituierten nie wirklich als Bürgerinnen akzeptiert.

Wie sieht die brasilianische Gesetzgebung aus?

Die Prostituierte ist nicht kriminalisiert, kriminalisiert wird nur, wer von der Aus übung der Prostitution lebt, also der Besitzer des Bordells oder des Hotels, in dem Prostitution stattfindet. Die Ausübung der Prostitution ist an sich legal, aber im Alltag verwischen sich die Grenzen, die meisten wissen nicht genau, was legal ist und was nicht.

Was wollen Sie erreichen?

Der Begriff Prostitution soll aus dem Gesetzbuch gestrichen werden. Das Gesetz erwähnt den Schutz der Prostituierten vor Ausbeutung, aber in der Realität kehrt sich das gegen die Frau. Wir wollen keine Sondergesetze für uns, die ganz normalen Gesetze sollen für uns gelten. Erst dann hätten wir adäquaten Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.

Mit welchen Mitteln kämpfen Sie?

Wir versuchen, so sichtbar wie möglich zu sein. Unser Straßentheater über Aids, Cabaré Davida, das wir auf öffentlichen Plätzen, möglichst in der Nähe des Rotlichtviertels, aufführen, ist wichtig - und macht uns selbst auch sehr viel Freude.

Dieses Jahr soll auch unsere Gratiszeitung Beijo da Rua (Straßenkuss) wieder erscheinen, die mangels Geld eingestellt war. Bei jeder unserer Veranstaltungen informieren wir die Presse, und wir versuchen, uns in alle wichtigeren Diskussionen einzumischen. Es klingt seltsam, aber wir müssen immer wieder nachweisen, dass wir denkende Wesen sind. Den ersten Schritt müssen immer wir tun. Von allein werden wir nie eingeladen, selbst bei Treffen von NRO aus dem Norden und dem Süden nicht. Keine unserer Mitgliedsorganisationen bekommt Geld aus dem Norden, mit Ausnahme der Prostituierten aus Belem. Wir werden ignoriert. Wir überleben mit eigenen Mitteln, das heißt unsere Mitglieder bezahlen Beiträge.

Das klingt, als hätten sich die Verhältnisse seit den »polacas«, den Prostituierten für die Armen, also seit 100 Jahren nicht geändert ...

Ja, eigentlich waren sie die Pionierinnen, nicht wir. Inzwischen haben auch wir angefangen, mit den Kindern der Prostituierten künstlerisch zu arbeiten, ihnen eine Ausbildung zu geben. Später haben wir, um nicht weiter Vorurteile zu schüren, diese Arbeit für andere arme Kinder geöffnet. So ist übrigens auch das Theaterstück entstanden, über einen workshop zum Bau von Karnevalsmasken.

Wir treiben Berufsausbildungen für Prostituierte voran, denn mit 50 gelten sie als alt. Einige unserer Mitgliedsorganisationen, wie in Belem oder Porto Alegre, beginnen inzwischen mit der Bildung von Kooperativen, damit die Frauen sich selbst mit ihrer Qualifikation langfristig finanzieren können. Aber in technischer Hinsicht fehlen uns noch Wissen und Erfahrung mit Kooperativen. Die Selbstverwaltung zu bewerkstelligen ist für uns das nächste wichtige Ziel.

Beim Thema Brasilien und Prostitution denkt man in Europa rasch an Prostitutionstourismus europäischer Freier oder an brasilianische Prostituierte in Europa ...

Wir wissen, dass Organisationen in Hamburg und Amsterdam Faltblätter - auch auf portugiesisch - erstellen, um ankommenden ausländischen Prostituierten erste Informationen in der Fremde in die Hand zu geben. Wenn wir von einer Frau hören, die von hier aus dorthin reisen will, geben wir ihr die Kontaktadresse. Keinesfalls aber stellen wir ihr die Ausreise als Verbrechen dar und versuchen, sie davon abzubringen. Wir meinen, dass eine Frau, die nach Europa reist, dies in den meisten Fällen auch wirklich will. Aber es hilft natürlich, bei der Ankunft erst einmal eine Orientierung zu erhalten - viele fahren mit der Vorstellung, dort das Paradies vorzufinden ...

Wie verhält sich die Bewegung gegenüber euro päischen Männern, die mit einem Flugzeug voller Gleichgesinnter nach Recife reisen, um dort Brasilianierinnen »aufzureißen«?

Nun, es gibt im Nordosten, in Recife, Gruppen, die in dem Bereich arbeiten. Aber ich will hier eins klarstellen: Wir sind professionelle Sexarbeiterinnen, wir kämpfen für die Anerkennung unserer Arbeit als Beruf. Wir sind keine feministische Frauengruppe, die Prostituierte als Opfer sieht. Natürlich sind wir gegen Kinderprostitution, wie wir gegen jede Art von Kinderarbeit sind. Aber wenn ein Mann kommt und eine Frau für Sex bezahlt, haben wir nichts dagegen.

Wenn sich hier in Brasilien ein Brasilianer einer Prostituierten gegenüber daneben benimmt, gibt es immer Möglichkeiten, dagegen vorzugehen. Aber ein Ausländer ist schnell wieder verschwunden ...

Nein, da gibt es keinen Unterschied. Wenn ein Typ sich ins Rotlichtviertel begibt und nicht bezahlt, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Polizei zwingt ihn zu zahlen, oder der Typ steht plötzlich ohne Kleider da. Wir sind gut genug organisiert, dass er nicht ungeschoren davonkommt.

Das Gespräch führte Gaby Küppers



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