der Freitag

Politik

JUGOSLAWIEN | 06.10.2000 00:00 | Norbert Mappes-Niediek

Pandoras Deckel

Wenn Milosevic gestürzt ist, wird sich zeigen, wie kopflos der Westen auf dem Balkan agiert

Die meisten Serben wollen ihren Slobodan Milosevic in diesen Tagen so rasch wie möglich loswerden. Aber seinen ärgsten Feinden in den westlichen Hauptstädten möchte man, paradoxer Weise, wünschen, dass er noch ein paar Monate durchhält - nur so lange, dass sie sich überlegen können, was sie ohne ihn machen sollen. Man muss nicht zynisch werden und es Milosevic als Verdienst anrechnen, dass er der Nato wieder eine Aufgabe gegeben und deren Krise damit glücklich beendet hat. Nein, ganz im Ernst: Slobodan Milosevic sitzt zur Zeit auf den Problemen des Balkan wie der Deckel auf der Büchse der Pandora. Ist er weg, werden sich noch allerlei Übel über den Kontinent ergießen.

Milosevic hat die Probleme des früheren Jugoslawien nicht alleine zu verantworten, aber seine entscheidende Zutat zur Tragödie des Landes war die Einführung von Gewalt: Er brach im Juni 1991 ein Tabu und schickte Truppen an die Grenzen Sloweniens. Mit Slobodan Milosevic wird die Gewalt vom Balkan wieder verschwinden. Ein Kostunica wird als erstes die Drohung mit dem Einsatz der Armee in Montenegro vom Tisch nehmen, wie jeder andere Nachfolger es auch tun würde. Die Probleme aber werden bleiben. Und wie sie noch lösen, wenn nicht mit Gewalt?

Die drängendste Frage ist die montenegrinische. Die Parlamentsmehrheit unter Präsident Milo Djukanovic möchte gern ein Referendum abhalten und die Unabhängigkeit ausrufen; nur die Gewaltdrohung aus Belgrad hält sie davon ab. Fällt die Drohung weg, muss der Konflikt ausgetragen werden. Kostunica kann es sich kaum erlauben, seinen Wählern als erstes die weitere Verkleinerung des Landes zuzumuten; er würde lieber mit den pro-jugoslawischen Montenegrinern kooperieren, die jetzt noch zu Milosevic halten. Der Westen würde ihn darin vermutlich bestärken: ihm ist ein unabhängiges Montenegro längst nicht so teuer wie ein befriedetes Belgrad. Aber was tun, wenn Djukanovic rasch sein Referendum ansetzt und dann, mit einer wohl nur knappen Mehrheit, hinausgeht aus der Föderation? Europa könnte es ihm nicht verbieten, denn noch immer gelten die Empfehlungen der Badinter-Kommission von 1992, die jeder jugoslawischen Republik diesen Weg nahe legen. Ein Konzept für die Trümmer des alten Jugoslawien hat der Westen auch zehn Jahre nach dem Zerfall noch nicht. Jahrelang waren die nationalen Interessen der Serben durch Krieg und Vertreibungen desavouiert. Wenn sie es nicht mehr sind, müssen sie auf einmal ernstgenommen werden - sonst ändert sich nichts in Belgrad.

Das Kosovo hat unter Milosevic gute Aussichten, mit der Ex-Bundeshauptstadt Bonn um den Titel »längstes Provisorium in der europäischen Geschichte« zu ringen. Ohne Milosevic aber nicht: Dann muss eine Entscheidung fallen. Alle albanischen Parteien im Kosovo wollen die Unabhängigkeit, keine serbische in Belgrad kann da zustimmen. In Prishtina machte schon vor der jüngsten Wahl der Spruch die Runde, die Kosovo-Albaner hätten wohl alle für Slobodan Milosevic gestimmt, wenn Wahlzwang geherrscht hätte. Ohne Milosevic schlägt dem Westen die Stunde der Wahrheit. Die Amerikaner liebäugeln mit der Unabhängigkeit, die Europäer sind um des Friedens mit Belgrad willen bereit, den Albanern ihren Wunsch zu versagen. Aber wie man das Kosovo gegen albanische Obstruktion in ein wie immer geartetes Jugoslawien integriert, wissen sie auch nicht. Es wird ihnen auch schwer fallen zu erklären, wieso die Zukunft der widerstrebenden Kosovo-Albaner in Jugoslawien liegen soll, die bosnischen Serben aber mit einem demokratischen Serbien nichts zu tun haben dürfen. Ein geachtetes und prosperierendes Belgrad ist für das fragile Bosnien eine viel größere Bedrohung als ein armes und geächtetes.

Der schwelende Konflikt zwischen den atlantischen Partnern über die Balkanpolitik, unter der Decke gehalten durch die gemeinsame Gegnerschaft zu Milosevic, bräche nach seinem Abgang unvermeidlich aus. Anlass wäre nicht nur das Kosovo. Eine demokratische Regierung in Belgrad wäre gehalten, mit dem Haager Kriegsverbrechertribunal zusammenzuarbeiten. Das aber würde sie weder wollen noch sich überhaupt leisten können, jedenfalls nicht ohne harten und gefährlichen Widerstand von Seiten der Armee. Zu den Parteiführern der Belgrader Opposition gehört zum Beispiel Momcilo Perisic, Generalstabschef von 1993 bis 1998 und verantwortlich für Srebrenica, ein Umstand, der im allgemeinen Jubel gern verdrängt wird. Die Amerikaner müssten Belgrad bedrängen, mit Den Haag zusammenzuarbeiten, schon deshalb, weil sonst auch Kroatien seine Kooperation einstellen würde. Solange Belgrad das nicht kann oder will, werden die Amerikaner alle Türen zu den internationalen Finanzinstitutionen blockieren. Serbien braucht aber jährlich zwei Milliarden Dollar, wenn es wieder auf die Beine kommen soll. Wenn das Geld nicht vom Weltwährungsfonds kommt, muss die EU einspringen. Die aber ist schon mit der Unterstützung für das winzige Montenegro überfordert. Mit Brüssel als Partner werden die Serben sich alsbald nach dem zuverlässigeren Peking zurücksehnen. Falls nicht das ganze Projekt der »Wiederaufnahme Serbiens in die Staatengemeinschaft« sowieso an ordinärem Geiz scheitert: Nicht einmal für das UN-verwaltete Kosovo ist genug Geld da. Wird man da Serbien großzügiger stützen?

Das Drama Milosevic ist hoffentlich bald vorbei. Aber erst wenn dieser Vorhang zu ist, sind alle Fragen wieder offen.



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