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Der WDR sendet im Februar seinen legendären »Computerclub« zum letzten Mal. Ein Nachruf
Und am Schluss immer ein Bit übrig behalten!« Das Motto der beiden Moderatoren des WDR-Computerclubs könnte Wolfgang Back und Wolfgang Rudolph am 22. Februar dazu verdammen, auf ewig ein Bit aufheben zu müssen - denn dann wird ganz Schluss sein: Der WDR strahlt die dienstälteste TV-Computersendung zum letzten Mal aus.
Der WDR-Computerclub - ja, den gibt es noch. Seit 1981 berichtet er über das Medium, das damals exotisch war und heute selbstverständlich ist. Über den Computer an und für sich, sozusagen Computer-Ontologie im Sendungsformat. Der Computer als unbekanntes Wesen, als spannendes Objekt der Neugierde, das beherrscht werden soll und dennoch immer wieder anders reagiert als erwartet. Der Computer des Computerclubs war nie das funktionale Schreibgerät, war nie die aufgeblähte Spielkonsole - er war das Wilde in der technischen Zivilisation.
Was zu den Gründerzeiten als Computer durchging, könnte heute vermutlich gerade eben eine Mikrowelle steuern. Meinen ersten Computer bekam ich 1983. Es war ein Sinclair ZX81, der zum Beispiel keine Kleinbuchstaben beherrschte und nur ein Kilobyte Speicher hatte. Um allein den Text dieses Medientagebuchs aufzunehmen, hätte man also sechs dieser Wunderwerke nebeneinander stellen müssen.
Computer, das waren im WDR-Computerclub auch Blechmonster, die im Studio vor laufender Kamera von den beiden Wolfgangs seziert wurden: eine Art Körperwelten-Ausstellung mit Blechleibern. Was die Aufnahmetechnik anbelangt, schien man sich schon in den achtziger Jahren an Dogma-Gesichtspunkten zu orientieren: Die Kameraführung wirkte, als sei mit Handkamera gedreht worden, die Enttäuschungen, wenn einmal wieder etwas nicht klappte, wurden in Bildern mit synchronem Originalton aufgezeichnet und ausgestrahlt.
Von ganz besonderer filmischer Qualität waren die Messeberichte, speziell die von der CeBIT. Wolfgang Rudolph stand dann auf der weltgrößten Computermesse, meistens umringt von Dutzenden aknegezeichneter Jugendlicher, die auch mal ins Fernsehen wollten (was zu Zeiten von nur drei parallel sendenden Fernsehkanälen noch komplizierter war als heute). Er schwitzte (wegen des viel zu hellen Aufnahmelichts) und schnaufte (wegen der Groupies, die ihm das Mikrofon in den Vollbart rammten) und rief dem Kölner Funkhaus mirakulöse Sätze zu wie etwa »Intel scheint sich ... (brrrz, rmm, Funkstörung) ...tung RISC-Architektur zu bewegen und der 486SX von ... (duuuut) ... Hochtechnologie, wobei man aber ... (zack, kurz das Bild weg, Ton sowieso) ... User nicht bieten lassen sollten.«
Die User. Wie bei jeder härteren Droge hieß User, wer vom Computer nicht mehr loskam. Darin drückte sich die sympathische Verbundenheit einer Szene aus, die nicht nur die Begeisterung für die Technik teilte. Als der WDR-Computerclub auf Sendung ging, hatte die Bastelei mit Computern noch etwas Anarchisches. Dioden, Kondensatoren und erst recht Chips waren damals die Fortsetzung des Legobausteins mit anderen Mitteln, und das Gefühl, es damit endlich allen mal so richtig zeigen zu können, war überwältigend. In den ersten Mailboxen trafen sich Linke, Liberale und Anarchisten, die zur Artikulation ihrer Identität keine halbe Suhrkamp-Bibliothek mit sich herumschleppen mussten. Auch wenn Rechte das Medium schnell für sich entdeckten und man heute am liebsten das ganze Internet kündigen würde, wenn schon wieder eine AOL-CD den Briefkasten verstopft: Damals bestand kurzzeitig Hoffnung auf herrschaftsfreien Diskurs dank moderner Technik.
Der WDR-Computerclub leistete seinen Beitrag dazu durch den WDR-Kommunikationscomputer, den KoCom. Den zu überwachen damals vermutlich Pullach keine Technik hatte. Diesen Computer konnten über das Fernmeldenetz der Deutschen Bundespost, vulgo die Telefonleitung, zwei weitere Computer gleichzeitig anrufen. Zwei! Gleichzeitig! Ungeahnte Möglichkeiten ergaben sich da, namentlich der Chat. Waren zwei User online, konnten sie sich gegenseitig dazu auffordern. Man tippte sich dann in Zeitlupentempo Nachrichten, und natürlich ging es fast nur um Technik und Computer. Die Selbstbezüglichkeit des Mediums war unverbrüchlich. Ebenso die ihm eigene Kommunikationskultur. Ein Pseudonym zu haben, war kein Ausdruck häufigen Besuchs von elektronischen Pornoecken - die gab es noch gar nicht. Es war identitätsstiftende Ehrensache. Von manchen der damaligen Bekanntschaften kenne ich bis heute nur das Pseudonym, das überwiegend aus den Büchern und Filmen dieser Zeit stammte: Yoda, Arthur, Bilbo, Zaphod. Einer hieß Regenbogen.
WDR-Computerclub, das bedeutete auch: Technische Experimente bis zur Sinnlosigkeitsschwelle. Disketten waren im Heimbereich damals weit gehend unbekannt, zur Speicherung dienten meistens Cassettenrekorder, die Daten langsam und in einer heute unvorstellbar fehlerträchtigen Art als bizarre Abfolge von Tonsignalen abspeicherten: Der Bitstream-Rock. Frühere Computerclub-Sendungen endeten mit dieser Melodie aus Datenkauderwelsch. Aber wie viel Versuche, mit einem staksigen Mikrofon dem Lautsprecher des mütterlichen Farbfernsehgeräts wertvolle Töne abzunehmen, endeten glücklos, weil der Sittich im Hintergrund fiepte und damit Datensalat zubereitete!
Den Computerclub einzustellen, ist ungefähr das Gleiche, wie den VW-Käfer nicht mehr zu produzieren: Es stirbt eine Marke, die ihre Bekanntheit der grundstürzenden Populärwerdung einer bis dahin exotischen Technik zu verdanken hat. An den Pionieren festzuhalten, wäre pure Nostalgie, ihren horizonterweiternden Habitus zu bewahren jedoch eine lohnende Aufgabe.
Die beiden Macher des WDR-Computerclubs haben inzwischen eigene Homepages. Sie spiegeln den Charme der Moderation wieder, weshalb sie den Nostalgikern an dieser Stelle ebenso anempfohlen seien wie den Unkundigen.
www.wdrcc.de; www.wolfgang-back.com; www.wolfgangrudolph.de
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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