Kultur

Verdruss | 11.02.2005 00:00 | Walter van Rossum

Am Ende der Katzenjammer

In Rafael Chirbes Roman "Alte Freunde" berauschen sich ein paar einstige Politkämpen an ihrem Scheitern

Herbst. Das Laub der Erinnerung fällt auf die Gegenwart. Les feuilles mortes se ramassent à la pelle, singt Charles Aznavour in einem Chanson, der in diesem Roman gespielt wird: "Die toten Blätter werden mit der Schaufel gesammelt." Und jetzt möchte man sich behaglich zurücklehnen und den Rosenkranz der Vergänglichkeit absingen, behütet von feiner Melancholie. Und genau diese Litanei finden wir in Rafael Chirbes letztem Roman nicht. Auch wenn er Alte Freunde heißt, und auch wenn es um die Erinnerung geht.

Eine Reihe von in die Jahre gekommenen Freunden wollen sich in Madrid treffen und an die Zeit erinnern, als sie Genossen waren und eine revolutionäre Gruppe bildeten. Damals Anfang der siebziger Jahre bis 1975 der Generalissimo Franco starb und die Freiheit ausbrach. Die Freiheit, von der die meisten der alten Freunde wohl nur sagen könnten, dass sie sie überlebt haben. Damals waren sie Studenten aus allen Schichten, heute sind sie Rechtsanwälte, Unternehmer, gescheiterte Romanciers, arrivierte Galeristen.

Der Roman besteht aus etwa 20 Kapiteln. Und in jedem Kapitel kommt ein anderer der alten Freunde zu Worte und manche mehrfach. Besser kann man es nicht sagen: der Leser hört jemanden zu, der mit sich zu sprechen scheint. Chirbes hat die Kapitel nicht mit Überschriften versehen. Und es ist auf Anhieb nicht ganz leicht zu verstehen, wer da gerade spricht. Aber es ist vielleicht auch gar nicht wichtig, denn es ist stets der selbe Sound, der da erklingt: überdeutlich und eliptisch zugleich, sarkastische Luzidität, Fragmente aus dem Munde von Fragmentierten: "Pedrito hebt die Stimme: ›Ich bereue nichts‹, sagt er, ›gar nichts. Mit neunundfünfzig kann ich mir erlauben, alles zum Teufel zu schicken. Verstehst du? Alles abzuschreiben. Das Beste ist längst vorüber. Den Rausch habe ich hinter mir. Die Liebe, die Fähigkeit mich zu verlieben, zu verblöden, das alles habe ich hinter mir. Was bleibt mir, uns? Katzenjammer? Die halluzinierende Hellsicht des Katzenjammers?‹".

Rafael Chirbes kann von den kollektiven Prozessen einer Gesellschaft erzählen wie kaum ein anderer. Das hat er auch in seinen beiden letzten Romanen unter Beweis gestellt: Der Lange Marsch und Der Fall von Madrid. Mit Alte Freunde kommt die Trilogie, die mit dem spanischen Bürgerkrieg beginnt, zum Abschluss in der Gegenwart.

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Eine Gesellschaft ist nicht die Summe ihrer Einzelnen, sondern sie ist die Synthese, die den Einzelnen erst als Teil des Kollektive hervorbringt. Wenn ich mich auf den Weg mache, hat die Geschichte bereits ihre Pfade angelegt. So sind die älter gewordenen Helden des Romans zwar recht unterschiedlich, was ihre sexuellen Vorlieben angeht, die Lebensumstände oder der berufliche Erfolg. Doch gerade wenn sie den intimen Duft ihrer Individualität beschwören, produzieren sie vor allem eine übergeordnete Rhetorik. Bei jedem Versuch, sich als einzelner zur Sprache zu bringen, verfallen sie in die spezifische Suada des Kollektivs. Und diese Rede recycelt pausenlos den geistreichen Verdruss, den Krankenstand des Existentiellen und den bitteren Heroismus schlapper Monaden.

Vor über dreißig Jahren fusionierten diese Menschen zu einer Gruppe. Der politische Kampf gegen die Franco-Diktatur verlieh ihnen ihre vorübergehende, stets fragile Einheit und ihre Deutlichkeit: die Revolution und die Kunst schenkten ihnen heilige Zwecke. Sie waren die aufrichtigen Feinde ihrer Zeit, doch die neue Zeit konnten sie deshalb noch lange nicht lieben. "Wir haben nicht erreicht, was wir wollten, also lass uns genießen, was da ist und was wir nicht wollten. Lass uns genießen, was wir bekämpft haben und was uns besiegt hat. Am Ende hat sich herausgestellt, dass wir zum Besitzen besser befähigt waren als jene, die mit Klauen und Zähnen ihren lächerlichen Besitz verteidigten ... Jetzt ist es an unserer Kindern, nach Gerechtigkeit zu trachten, wenn sie es denn nötig haben."

Wenig scheint die alten Freunde heute noch zu verbinden - außer vielleicht ihre Lust, sich am Gift des Verrates zu berauschen. Sie alle lieben es, sich als Abtrünnige ihrer einstigen Visionen zu beschreiben. In ihren persönlichen Reflexionen schonen sie sich nicht, denn heimlich huldigen sie der Wollust der Verlierer. Nach und nach haben sie sich in die verstreuten Schrebergärten des sogenannten Realismus zurückgezogen, um die Realität nicht mehr sehen zu müssen. Seitdem tigern sie hauptberuflich und dramatisch durch die selbstgeschmiedeten Käfige ihres Lebens. Und in den Wunden, die sie sich dabei zuziehen, erschöpft sich ihre Bedeutung.

Rafael Chirbes rechnet mit der kollektiven Lebenslüge einer gewiss nicht nur spanischen Generation ab, indem er sie einfach zu Worte kommen lässt. Das ist kühn und großartig.

Rafael Chirbes: Alte Freunde. Roman. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Kunstmann, München 2004, 240 S., 19,90 EUR

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