Kultur

Medientagebuch | 07.12.2007 00:00 | Katrin Schuster

Die föderale Fauna

Zicken im Zoopark und Frauen auf vier Pfoten: In den Medien können Tiere nur als Menschen auftreten

Der ARD erschien es vermutlich wie ein Geschenk des Himmels: Da laboriert der Sender jahrelang an einem Nachmittagsprogramm, das auch die so genannte werberelevante Gruppe erreichen sollte, versuchte es mit Telenovelas und Daily Soaps - um schließlich entdecken zu müssen, dass die Zuseher viel einfacher und billiger zu haben sind und ausgerechnet der Mitteldeutsche Runfunk (MDR) den Trend als erster gerochen hatte. Elefant, Tiger & Co. nannte sich das Format, das - anlässlich des 125. Geburtstags des Leipziger Zoos im Juni 2003 - elf Folgen lang dessen Tiere und Pfleger in Doku-Soap-Manier begleitete. Und zwar so erfolgreich, dass die Serie umstandslos verlängert wurde. Im Frühjahr dieses Jahres lief die 200. Folge, ein Ende ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Bereits im Oktober 2005 nahm man die Sendung ins Erste, werktags um 16.10 Uhr, und ließ im Anschluss daran auch die übrigen Landesrundfunkanstalten das Leben in ihren Zoos dokumentieren. Es folgten also Pinguin, Löwe & Co. aus dem Münsteraner Allwetterzoo (WDR), Panda, Gorilla & Co. aus dem Münchner Tierpark Hellabrunn (BR), Eisbär, Affe & Co. aus der Wilhelma in Stuttgart (SWR), Giraffe, Erdmännchen & Co. aus dem Frankfurter Zoo (HR), Wolf, Bär & Co. aus dem Wildpark Lüneburger Heide (NDR), Nashorn, Zebra & Co. (erneut aus München) und Leopard, Seebär & Co. (erneut aus dem Wildpark Lüneburger Heide); seit dem 22. November läuft Seehund, Puma & Co. aus dem Zoo am Meer in Bremerhaven (RB) - derweil sich die ARD königlich über die "Quoten auf Klettertour" freut. Im Jahr 2006 zog das ZDF nach und zeigte seither die Zoo-Doku-Soaps Berliner Schnauzen, Ruhrpott-Schnauzen, Tierisch Kölsch, Dresdner Schnauzen und Ostsee-Schnauzen von Montag bis Freitag jeweils um 15.15 Uhr.

Das war´s dann wohl mit den wilden Tieren: So kurzweilig diese Formate sind, so traurig mutet es an, wie wenig Tier die Tiere in diesen Sendungen noch sein dürfen. Nicht nur, dass Seehund, Puma & Co. und die diversen Schnauzen allesamt vorwiegend menschlich betrachtet und beurteilt werden: als Neurotiker, Zicken oder empfindsame Wesen. Zudem nutzen die verschiedenen Zoos diese wunderbare Fernsehwerbeplattform natürlich, um ihr oft nicht allzu schönes Image loszuwerden: Hier bekämen die Tiere alles, was sie bräuchten, wird oft genug betont, während draußen "die Lebensräume immer enger werden" und Leopard, Seebär und Co. in der freien Wildbahn ohnehin kaum mehr eine Chance hätten. Das Tier scheint nur mehr als domestiziertes vorführbar, dafür stehen auch die Vox-Nachmittagsformate Menschen, Tiere & Doktoren und Wildes Kinderzimmer.

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Dass sich die Medien gerade so vehement um die Eingemeindung der Natur in ihre Kultur bemühen, ist wohl nicht allein den Quoten geschuldet, die derartige Inhalte erbringen. Die Erforschung der Grenze, des Moments, in dem das Biologische ins Soziale kippt, ist vielmehr ein ewiges Anliegen von Gesellschaft: Das Tier ist ihr Ursprung und ihr Anderes, da kommen wir her, da wollen wir nie mehr hin. Deswegen lachen wir umso lauter, je menschlicher sich ein Tier benimmt: Die Ähnlichkeit ist so erschreckend wie im besten Sinne unheimlich. Und können das Zusehen doch nicht lassen: Über neun Millionen Mal wurde ein Youtube-Video mit den händchenhaltenden Ottern bereits angesehen, die grellen Überraschungslaute im Hintergrund der Aufnahme zeugen von den Emotionen, die da im Spiel sind.

Doch die Zoo-Doku-Soaps stellen längst nicht den Höhepunkt der verzweifelten Zivilisierung der Außenseite von Gesellschaft dar. Vor allem der Hund ist in jüngster Zeit zum liebsten Opfer der Kultivierer geworden, selbst sein rudimentäres barbarisches Moment wird dann in eine humanistische Rhetorik gekleidet. Der Glaube, dass das Biologische auf Teufel komm raus sozial zu sein hat oder vice versa das Soziale im Biologischen bereits angelegt ist, führte im September dieses Jahres zur Gründung von dogspot, einer social community für Hunde im Internet. Noch deutlicher - und neoliberaler - ist nur das Magazin dogs, das gerade seinen ersten Geburtstag feierte. "Hunde brauchen Menschen für ihre soziale Entwicklung", verkündet darin die Kynologin Dorit Urd Feddersen-Petersen - und Luxusmöbel, Seminare, Akupunktur, Bio-Shampoos, Psychotests brauchen sie offensichtlich ebenfalls, wie der Rest des Heftes behauptet. Außerdem enthalten: ein "Dossier" zum Thema Hündinnen - zickig oder treu? Was die Frauen auf vier Pfoten wirklich ausmacht, in der Rubrik "Trend" eine Auswahl von Hunde-Porträtisten, deren teuerste "das porträtierte Tier wie ein menschliches Konterfei aus der Frührenaissance erscheinen" lässt; und schließlich ein "Portfolio" über Rasse und Abstammung, denn: "Woher kommt mein Hund? Kein Hundebesitzer, der sich diese Frage nicht schon gestellt hätte." Da mag man dann lieber nicht mehr genau wissen, wie arg hier zwischen Tier und Mensch verwechselt wird.

 
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