Alltag

Infofreiheit | 22.01.2009 17:30 | Steffen Kraft

Sie haben Post

Britische Online-Aktivsten haben erstmals ein Gesetzesvorhaben verhindert. Um künftig erfolgreich zu sein, werden Internet-Kampagnen allerdings offline gehen müssen

Sandwich oder Fünf-Gänge-Lunch - künftig werden die Abgeordneten des britischen Unterhauses sich genau überlegen, wieviel Geld sie für ein Mittagessen ausgeben. Diesen Erfolg können sich mehr als 6000 Online-Aktivisten auf die Fahne schreiben. Am Mittwoch hat das britische Parlament ein Gesetzesvorhaben fallen gelassen, das den Abgeordneten gestatten sollte, die Belege für mit Steuergeld bezahlte Restaurantbesuche, Büromöbel und Fahrten in den Wahlkreis geheim zu halten.

Der britische "High Court" hatte im vergangenen Jahr geurteilt, dass das Informationsfreiheitsgesetz die Politiker zur Offenlegung der Rechnungen verpflichte. Doch statt die Belege zu veröffentlichen, brachte Labour in Absprache mit den Konservativen einfach ein neues Gesetz ins Parlament ein.

Abgeordnete wurden mit E-Mails bombardiert

Gegen dieses Vorgehen mobilisierten die Liberaldemokraten sowie die Bürgerrechtsorganisation Unlock Democracy im Internet. Auf einer Themenseite im Online-Netzwerk Facebook fand der Protest mehr als 6000 Unterstützer. Laut Angaben der ebenfalls involvierten Webseite TheyWorkForYou schickten Aktivisten 4000 E-Mails an Abgeordnete aller Parteien. Mit Erfolg: Angesichts ihrer überquellenden E-Mail-Fächer entschieden sich auch die Konservativen gegen das Vorhaben, so dass Labour den Antrag zurückzog.

Damit haben Online-Aktivisten erstmals ein konkretes Gesetzesvorhaben zu Fall gebracht. Entsprechend begeistert sind die Reaktionen im Internet. Allerdings darf die Freude über den Erfolg nicht verschleiern, dass sich die Politiker auf die neue Form der Einflussnahme einstellen werden. Das nämlich ist gerade bei E-Mail-Kampagnen besonders einfach - zum Beispiel, indem die Abgeordneten sich von ihren Sekretären einen elektronischen Ordner für "politisches Spam" anlegen lassen.

Ob künftige Internet-Kampagnen ähnlich schlagkräftig sein werden, wird also davon abhängen, ob die Aktivisten es schaffen, online koordinierte Aktionen in die Offline-Welt herauszutragen. Dort nämlich lassen sich tausende Stimmen nicht so einfach aus dem Postfach - und dem Bewusstsein - löschen.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Berlinale

Christian Kracht Imperium Kiepenheuer & Witsch 2012

256 Seiten. Gebunden.

18,99
 
In seinem neuen Roman erzählt Christian Kracht eine Aussteigergeschichte in den deutschen Kolonien der Südsee, indem er virtuos und gut gelaunt mit den Formen des historischen Abenteuerromans spielt - und erschafft so zugleich eine erstaunliche, immer wieder auch komische Studie über die Zerbrechlichkeit und Vermessenheit menschlichen Handelns >> mehr

portlet-gaertnerbuch.png

Liebeshandlung - Eugenides

Occupy

portlet_occupy.png

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG