Politik

Krise | 05.02.2009 00:45 | Tom Strohschneider

Die nächste Stufe

Bisher war der soziale Protest in Deutschland rein verbal. Zögerlich erreicht die Kapitalismuskritik nun auch die Straße. Ob daraus eine Bewegung wird?

Eine Zeitung ließ unlängst einen Studenten zu Wort kommen, der wie viele inzwischen einen Marx-Lektüre-Kurs besucht, dem beim Stichwort Demonstration dann aber bloß der Satz einfiel: „Das ist doch nur Aktionismus.“ Der kleine Berliner Karl-Dietz-Verlag kommt mit dem Drucken der blauen Bände kaum nach. Auf die Straße trieb es bisher aber weder die neuen Freunde der Kritik der politischen Ökonomie, noch jene, die als Opfer der Krise doch schon feststehen. In Frankreich machen sie Generalstreik, in Island wird die Regierung wegdemonstriert. Und bei uns?

Geredet wird derzeit viel vom Kapitalismus und von möglichen Alternativen. Dissidenz kann in der großen Krise ganz einfach sein. Angesichts der Schlechtigkeit der Verhältnisse kann man sich nämlich jede geistige Verrenkung sparen.

Von Belém bis ins Wendland

Dietmar Dath etwa hat unlängst auf die Frage, ob er für die Beseitigung des kapitalistischen Systems sei, ohne Umschweife geantwortet: „Absolut.“ Dass frühere Versuche zu einer „gemeinschaftlichen, arbeitsteiligen, demokratischen Produktion auf dem Stand der höchstentwickelten Technik“ gescheitert sind, entmutigt den Schriftsteller nicht. Auch die bürgerliche Demokratie habe schließlich ein paar Anläufe gebraucht, sagt Dath, es sei nun „Zeit für die nächste Stufe“.

Jenen Sozialismus, vor dem die Wirtschaftspresse jetzt so gern warnt, meint Dath dabei nicht. Auf dem nächsten Absatz der historischen Treppe müsste es schon Besseres geben als Konjunkturprogramme und Bankenrettungsschirme. Zum Beispiel „eine andere Welt“, von deren Möglichkeit die Sozialforumsbewegung seit einem knappen Jahrzehnt redet. Zuletzt hat die neue Internationale im brasilianischen Belém Station gemacht, 100.000 Menschen gingen dort auf die Straße. Derweil organisiert hierzulande ein kleiner Kreis das 3. nationale ­Forum, es soll im Herbst im Wendland statt­finden und sich einreihen „in die zahlreichen Widerstandsaktionen gegen den neoliberalen, kriegerischen und umweltfeindlichen Kurs der Regierenden“.

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Widerstandsaktionen? Auf der Straße hat sich das Unbehagen an den Verhältnissen noch kaum gezeigt. Vor zwei Wochen trafen sich ein paar Hundert Linke in Frankfurt am Main. Nach dem Ratschlag war von neuer Solidarität untereinander die Rede, aber auch von der eigenen Isolation. Antifas, Globalisierungskritiker und Autonome diskutierten über „aufbrechende soziale Kämpfe“. Welche? Man erinnert sich an die Zeit der großen Proteste gegen die Hartz-Reformen, die zu einem beträchtlichen Teil spontane und selbst organisierte Montagsdemos von Betroffenen waren. Wo sind all diese Leute heute? Ist die jetzige Krise, sind ihre schon absehbaren Folgen weniger schlimm als die Reform der Arbeitslosenhilfe?

Kapitalismuskritik in der Krise

Soziale Bewegungen folgen einem zyklischen Muster, erleben Aufstieg und Niedergang, und so mag es passieren, dass die Kritiker des Kapitalismus gerade ein tiefes Tal durchschreiten, während die Krise des Kapitalismus auf einen Höhepunkt zusteuert. Wer 2003 und 2004 gegen die Hartz-Reformen auf die Straße ging, erlebte eine Niederlage. Das ist eine mögliche Erklärung für die derzeitige Zurückhaltung. Die andere lautet: Die Gegnerschaft zu Hartz IV bot einen symbolischen Kitt der Abgrenzung, also Identität. Heute geht es um mehr, alles ist so furchtbar kompliziert und selbst die FDP spricht von schlimmen Auswüchsen des Kapitalismus. Was hat das Netzwerk Attac davon, es schon immer gewusst zu haben? Und apropos „nächste Stufe“: Wenn jetzt mal ein Kommunist in einem wirklichen Massenmedium zu Wort kommt, dann höchstens Sahra Wagenknecht oder eben Dietmar Dath. Die eine will in den Bundestag und der andere sagt, als Intellektueller könne er nur „Stichworte“ geben, damit aus dem „Sich-Reiben“ an der herrschenden Eigentumsordnung „politischer Protest wird“.

Der kommt aber nur zögerlich in Gang. Das deutsche Bahnsteigkarten-Dilemma? Ende März wird es in Berlin und Frankfurt am Main zwei – wie die Organisatoren hoffen: große – Demonstrationen geben. „Wir zahlen nicht für eure Krise“, steht über einem „vorläufigen Aufruf“, ein anderes Papier ist mit „Zukunft statt Kapitalismus“ überschrieben. Man wolle „den Herrschenden gerade in Krisenzeiten nicht das Feld überlassen“ heißt es bei Attac, das Netzwerk will vorher auf einer Konferenz noch fragen, ob der „Kapitalismus am Ende“ ist. Auch die Gewerkschaften planen einen „Kapitalismuskongress“, aber einen eigenen im Mai, dann soll eine weitere „bundesweite Demonstration“ stattfinden. DGB-Chef Michael Sommer hat gefordert, dass am Ende einer „breiten öffentlichen“ Debatte „eine wirklich soziale Marktwirtschaft“ stehen müsse. Bei den März-Aktionen geht es um die Dringlichkeit eines „anderen Weltwirtschaftssystems“. Das ist ein großer Unterschied. Dazwischen kennt der nur langsam in Bewegung kommende Protest viele Ziele – nicht selten unvereinbare. Und dazu kommt, dass 2009 ein Wahlkampfjahr ist. Was das späte Aufbegehren in der Krise bewirken kann, ist ungewiss. Die „nächste Stufe“, von der Dath spricht, liegt wohl weiter unerreichbar fern.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
jayne schrieb am 05.02.2009 um 13:11
So skeptisch wie der Autor sehe ich die Sache in Deutschland nicht, die Leute beginnen sich zu rühren, auch auf der Strasse - allein für den 03. und 04.02. waren in Sachsen beispielsweise mehrere Protestkundgebungen und -demonstrationen zu verzeichnen, wie man der hiesigen Tagespresse entnehmen kann. In Leipzig protestierten am Dienstag ca. 3.000 Lehrerinnen und Lehrer vor dem Volkshaus und legten den Verkehr lahm. In Dresden machten sich nur Stunden später mehrere Tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der insolventen Mikrochipfirma Qimonda auf den Weg, auf einer der Hauptverkehrsstrassen. Unter Losungen wie "Um uns müssen wir uns selber kümmern", "Gebt uns Geld. Wir machen was draus, unser Management nicht" oder "Wir sind Innovation - die Börse nicht" bewegte sich der Demonstrationszug in die Innenstadt. Und schon einen Tag später versammelten sich ca. 11.000 Streikende aus dem öffentlichen Dienst vor dem Finanzministerium in Dresden.
Und wie steht es mit den Zielen? Immer öfter gerät gelegentlich solcher Protestationen die Verfasstheit unseres Wirtschaftssystem selbst unter Kritik, was man schon an den Losungen abzulesen vermag ...
gdw schrieb am 05.02.2009 um 21:38
Was sollen wir denn wir denn auf der Straße?
Der junge Mann, der zu Beginn des Artikels zitiert wird, hat schlicht recht: Sich gemeinsam die Werkzeuge für die Kritik der Verhältnisse anzueignen ist sinnvoller als Parolen zu skandieren. Zumal man ohne die Werkzeuge auch nicht herausfindet, was sinnvolle Parolen sein könnten.
gdw schrieb am 05.02.2009 um 21:38
Was sollen wir denn wir denn auf der Straße?
Der junge Mann, der zu Beginn des Artikels zitiert wird, hat schlicht recht: Sich gemeinsam die Werkzeuge für die Kritik der Verhältnisse anzueignen ist sinnvoller als Parolen zu skandieren. Zumal man ohne die Werkzeuge auch nicht herausfindet, was sinnvolle Parolen sein könnten.
Peter Elias schrieb am 05.02.2009 um 22:58
Wo ist eigentlich Die Linke? Wie können die im Wahlkampfjahr auf solch eine Steilvorlage, den fast schon greifbaren Zusammenbruch des aktuellen Finanzmarktsystems bloß verzichten?
Liegt es daran, dass die Genossen im Stillen doch noch auf ein Umfallen der SPD in der Koalitionsfrage hoffen?
Gibt es vielleicht in dieser Partei einfach niemanden der solche Positionen wie die offensive Infragestellung des gesamten kapitalistischen Wirtschaftssystems formulieren und in ein Aktionsprogramm umwandeln könnte?
Liegt es vielleicht daran, dass bei zu 'radikalem' Vorgehen eventuell die Regierungskoalition mit der SPD im Berliner Rathaus zerbrechen könnte?
Ist die Angst vor einer 'Dämonisierung' durch die konservativen deutschen Medien und einem damit einhergehenden Stimmenverlust bei den Bundes- und Landtagswahlen zu groß?
Oder dauert die Organisation solch einer 'Strategie' ähnlich zu ATTAC und Konsorten in solch einem großen Verein einfach länger?
Ich bin überfragt.
unschuldvomland schrieb am 06.02.2009 um 00:20
Zunächst dürfte die "Krise" noch nicht "angekommen" zu sein. Hunderte von Milliarden für Banken ist vorerst zu abstrakt. Die LT-Wahl in Hessen hat gezeigt, dass Medienkampagnen sehr wirksam sind, die einen nicht zur Wahl gehen, andere überproportional das "bürgerliche" Lager wählen. Zum anderen streitet sich alles, was auch nur knapp links von der Mitte steht, zuerst gegeneinander. Die Gewerkschaften haben überhaupt kein Konzept.
Der Einzelne steht sehr einsam da. Nun unterscheidet sich die BRD nicht wesentlich von anderen Staaten der EU.
Nur in Island ist die Mehrheit aufgewacht als das Finanzsystem zu überraschend zu drastisch zusammengebrochen ist.
Einerseits wünsche ich mir, dass die Krise so glimpflich wie möglich verläuft. Je glimpflicher sie verlaufen wird, desto weniger wird sich eine Mehrheit der Bevölkerung für den Wandel einsetzen (wenigstens an der Wahlurne), der so dringend und bitter notwendig ist (soziale und ökologische Frage). Mit den Etiketten "links" und "antikapitalistisch" wird man in der modernen Medienwelt keine Mehrheiten gewinnen. Es wird nicht allein an Begriffen oder Schlüsselwörtern liegen. Aber solche, die negativ besetzt sind oder schnell oder einfach besetzt werden können, sind einfach ungeeignet. Der derzeitige Komplettausfall der immer noch flächendeckenden Organisationen wie Gewerkschaften oder SPD ist von alleine nicht zu ersetzen. Ein Transnet-Chef Hansen wechselt als Arbeitsdirektor in den DB-Vorstand. Umgekehrtes würde auch etwas aufhorchen lassen. Ein Geißler "bekehrt" sich zu attac, wirbt aber nach wie vor die Union. Der "Arbeiterführer" in NRW hält sich medientechnisch vorerst ebenfalls recht wacker. Links von der Mitte ist da gähnende Lehre. Sogar die Kabarettisten sprechen über "links" vorsichtiger als über al-Quaida.
gdw schrieb am 06.02.2009 um 00:35
Was sollen wir denn auf der Straße? Der junge Mann, der zu Beginn des Artikels zitiert wird, hat schlicht recht: Sich gemeinsam die Werkzeuge für die Kritik der Verhältnisse anzueignen ist sinnvoller als Parolen zu skandieren. Zumal man ohne die Werkzeuge auch nicht herausfindet, was sinnvolle Parolen sein könnten.


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