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Globalisierung | 12.02.2009 07:00 | Marcus Engler

Jeder für sich

Die Finanzkrise bringt das nationale Denken zurück. Den Preis zahlen die Falschen. Die Grenzen gehen hoch. Arbeitsnomaden werden millionenfach zur Umkehr gezwungen

Shalu ist als Verlierer in sein indisches Dorf zurückgekehrt. Der 33-Jährige hatte gehofft, anderswo ein besseres Leben mit besseren Einkünften führen zu können als auf dem Subkontinent. Vor einem Jahr zahlte er für diesen Traum umgerechnet 1.000 Dollar an eine auf Arbeitsmigration spezialisierte Agentur. Shalu bekam einen Dreijahres-Vertrag als Bauarbeiter im Emirat Dubai und schickte die etwa 400 Dollar, die er dort monatlich verdiente, größtenteils nach Hause, um die Großfamilie zu versorgen. Damit ist es vorbei, auch die Boom-Metropolen am Persischen Golf ist von der Weltrezession erfasst. Shalu wurde vor ein paar Wochen entlassen, ohne Gnadenfrist und zusammen mit 250 Kollegen, auch sie alle Arbeitsnomaden. Der Inder hatte keine Wahl, als den Heimflug zu buchen, sein Aufenthaltsrecht war an den Arbeitsvertrag gebunden.

Shalu ist einer von etwa 100 Millionen weltweit, die ihre Heimat verlassen, um im Ausland zu arbeiten. Rechnet man ihre Familien hinzu, wie die Internationale Arbeitsagentur ILO in Genf das tut, gibt es weltweit 200 Millionen Migranten. Die ILO prophezeit in ihren Lagebeurteilungen inzwischen, dass die Weltrezession bis Ende 2009 rund 20 Millionen Menschen die Arbeit kostet und 210 Millionen registrierte Erwerbslose im Weltmaßstab nicht auszuschließen seien – von der Dunkelziffer des um seine spartanischen Einkünfte gebrachten globalen Prekariats ganz zu schweigen

Der große Rauswurf

„Die Erfahrung lehrt, dass Migranten, vor allem Frauen und all jene mit einem irregulären Status, zu den am härtesten Getroffenen in Krisenzeiten zählen“, warnt ILO-Generaldirektor Juan Somavia. Migranten dürften nicht zu den „Sündenböcken“ der Finanzmisere werden. Aber was hilft diese Forderung?

Anhand der Entwicklungen früherer Rezessionen hat die Internationale Organisation für Migration (IOM) ein Szenario entworfen: Migranten – egal, ob sie nun aus Indien, Nordafrika oder Südostasien stammen – verlieren ihre Jobs besonders im Baugewerbe, in der Industrie oder in Dienstleistungsfirmen und müssen sich eines schwelenden, oft aggressiven Rassismus in ihren Gaststaaten erwehren. Folglich kehren Wanderarbeiter dorthin zurück, woher sie gekommen sind. Was nicht ohne Folgen bleibt. Für Länder wie Moldawien und Tadschikistan schwört das soziale Zerreißproben herauf, dort machen die Überweisungen der Arbeitsmigranten aus dem Ausland im Schnitt 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) und die Weltbank rechnen für 2009 mit einem Rückgang der Rücküberweisungen um bis zu sechs Prozent. Die IOM prohezeit weiter, dass die Regierungen der wohlhabenden Staaten ihre Einwanderungspolitik noch verschärfen werden, auch wenn deren Gesellschaften die Zuwanderung wegen des demografischen Wandels brauchen. „Lasst uns aus der Wirtschaftskrise keine Migrantenkrise machen“, warnt IOM-Generaldirektor William Lacy Swing. Steven Camarota vom Washingtoner Think Thank Center for Immigration Studies dagegen ist überzeugt, es sei jetzt eine „ideale Zeit, illegale Einwanderer nach Hause zu schicken und Jobs für Amerikaner und legale Einwanderer frei zu machen“.

Gilt das auch für Australien, das bevorzugte Ziel gut ausgebildeter Einwanderer? Der zuständige Minister Chris Evans – er sitzt für die Labour Party im Kabinett – räumt ein, es gäbe zweifelsfrei „einen Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung und der Einstellung der Bevölkerung zur Migration“. Andererseits gilt „Australiens Images“ als Label im globalen Wettbewerb um die besten Köpfe – auch in der Krise. Da aber die Zahl der Arbeitslosen steigt (Quote Anfang 2009: 4,0 Prozent) verlangt Evans‘ konservativ-liberale Ministerkollegin Sharman Stone, das obere Limit für Zuwanderung sollte bei 140.000 pro Jahr statt der eingeplanten 190.300 Personen liegen. Nach Beratungen mit den Unternehmensverbänden erklärt sich Evans zwischenzeitlich bereit, die Einwanderung drosseln zu wollen, sollte die Arbeitslosigkeit weiter steigen.

Als Illegale überwintern

In Spanien das gleiche Bild: Schon Ende 2008 hat PSOE-Arbeitsminister Celestino Corbacho angekündigt, die Einwanderung zu beschränken und dem Arbeitsmarkt anzupassen. Die Zahl der Erwerbslosen auf der iberischen Halbinsel ist im Sog einer hausgemachten Immobilienkrise förmlich explodiert und liegt momentan bei mehr als 13 Prozent. Davon besonders betroffen ist das Baugewerbe, in dem bisher viele Einwanderer beschäftigt waren. In der Landwirtschaft, der zweiten Domäne für Wandererarbeiter in Spanien, findet man gleichfalls kaum noch einen Job. Die einfache Erklärung: Viele Spanier, die zuvor auf Baustellen gearbeitet haben und dort nicht mehr gebraucht werden, heuern auf Plantagen für Obst oder Gemüse an und verdrängen die Migranten.

Mit einem neuen Gesetz will die Regierung Zapatero die Zuwanderung auch gesetzlich beschränken, was besonders illegal Eingeschleuste hart treffen dürfte. Wer es dennoch schafft, eine Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen, soll seine Familie erst nach fünf statt bisher einem Jahr nachholen können. Außerdem wird den Einwanderern angeboten, das Arbeitslosengeld auf einen Schlag zu erhalten, wenn sie im Gegenzug für mindestens drei Jahre in ihr Heimatland zurückkehren.

Zeit der drastischen Vorschläge

Während in Spanien die als illegal bezeichnete Einwanderung wegen der schlechten Lage auf dem Arbeitsmarkt und den eindeutigen Signalen der Regierung bereits im Vorjahr um 17 Prozent fiel, stiegen die Zahlen in Italien zuletzt an. Für die rechtspopulistische Lega Nord, die unter Silvio Berlusconi den Einwanderungsminister stellt, war dies Anlass genug, einen drastischen Vorschlag zu formulieren: Einwanderer sollten demnach mit einer Sondersteuer belegt werden. Das war selbst für die im Umgang mit Einwanderern nicht gerade konzilianten anderen Koalitionäre der Regierung Berlusconi zu viel.

Auch in Asien lässt die grassierende Rezession die Arbeitsmigration nicht unbeeinflusst. Ende des Jahres kehrten bereits mindestens 250.000 Indonesier Malaysia, Hongkong, Taiwan und Südkorea den Rücken. Der indonesische Migrationsminister Erman Suparno von der Kebangkitan Bangsa Partei kommentierte den Vorgang so: Die Arbeiter hätten vor der Entscheidung gestanden, illegal in den Aufnahmeländern zu bleiben oder wieder ein Refugium in Indonesien zu suchen, wo man es bereits mit annähernd 40 Millionen Erwerbslosen zu tun habe (nach Angaben der Regierung arbeiten augenblicklich noch 5,8 Millionen Indonesier im Ausland).

Programm für Rückkehrer

Kaum anders stellt sich die Lage auf den Philippinen dar, eines der größten Entsendeländer mit zehn Millionen Gastarbeitern weltweit. In Taiwan wurden bereits 2.000 philippinische Fabrikarbeiter entlassen, das saudische Stahlunternehmen Ittefaq Steel beurlaubte im Januar rund 2.000 Philippinos, die drei Monate ohne Lohn bleiben. Die Regierung in Manila versucht derzeit noch, die Entlassenen in Länder wie Kanada oder die Vereinigten Arabischen Emirate umzuleiten, die sich nicht völlig abschotten. Zugleich wurde ein 250 Millionen Peso (etwa vier Millionen Euro) schweres Programm zur Hilfe für Rückkehrer aufgelegt.

Von solchen Hilfen weiß Shalu nichts. Er ist nun wieder zurück bei seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Lange will und kann er nicht bleiben. Erst einmal versucht er jetzt, Geld für eine neue Vertragsvermittlung aufzutreiben. Diesmal will er nach Saudi-Arabien, falls ihm die Weltwirtschaftskrise keinen Strich durch die Rechnung macht.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
cosinus schrieb am 13.02.2009 um 00:20
Der Schwerpunkt ist sehr gut gewählt. In der Krise ist jeder sich selbst der nächste. Darum ist es richtig von denen zu berichten, die sonst keine Lobby haben, übersehen und als erste verstoßen werden. Das Photo vom schwarzen Erdbeerpflücker in Spanien hat mich erschrocken. Unser globales Dorf ist immer noch die alte Pyramide. Manch einer von uns ängstigt sich jetzt vor der Zukunft, und ist doch Nutznießer davon, wie elend sich eine Heerschar von Billigarbeitern in aller Welt abrackert.
Die Artikel sind alle gut geschrieben, die Auswahl ist aber noch zu viel internationale Folklore. Mir fehlt der Bericht, wie es ausländischen Leih- und Billigarbeitern in Deutschland ergeht. Wer bemerkt oder vermisst sie? Einzelschicksale und Gesamtanalysen wären von Interesse. Ich siehe hier ein mögliches weiteres Schwerpunktthema.
Großes Lob weiter so, jeden Tag passieren soviele Ungerechtigkeiten, die unter den Teppich gekehrt werden. Darüber zu berichten, nicht mit dickem Hals oder Sensationsmache, sondern einfach so, wie es ist, ist eine große Aufgabe.
Johnnie Foxtrott schrieb am 13.02.2009 um 18:06
Also wenn ich eines nicht nachvollziehen kann, dann die Sorglosigkiet, mit der Sie immer noch von einer "Finanzkrise" sprechen können. Sie nennen im gleichen Zug ja auch noch das Wort "Weltrezession", ja, der ganze Artikel, der mit Sicherheit gern Verdrängtes ins richtige Licht rückt, behandelt doch die Folgen eines in sich kollabierenden Systems! Hätten Sie "Immobilienkrise" geschrieben, hätte das ganze ja wieder Witz gehabt. Man.
odradek schrieb am 16.02.2009 um 20:40
Gebe cosinus Recht, das ist ein wichtige Thema und ich würde auch gerne mehr erfahren. Die Weltrezession wird in den Schwellenländern ohne soziale Sicherungsnetze verheerendste Auswirkungen haben, wenn deren exporte wegbrechen und die Immigranten, die mit ihren Überweisungen ihren Familien bisher das Überleben ermöglicht haben, zurückkehren müssen.
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