Kultur

Randgänge | 27.03.2009 07:50 | Steffen Vogel

Ein aussichtsloser Kampf

Berlin im Wandel und das Leben des Malers Paul Klee: Zwei neue Comics, die ihre Sujets nicht einfach nur abbilden

Wie ein großformatiges Panorama entfaltet Jason Lutes seine Erzählung aus dem Berlin der späten Weimarer Zeit. Die Handlung beginnt 1929, einige Monate vor Ausbruch der letzten großen Weltwirtschaftskrise. Lutes montiert zahlreiche Parallelhandlungen, die lose um eine Handvoll Protagonisten und etliche Nebenfiguren kreisen. Dabei präsentiert er ein breites Tableau: Stark konturiert werden etwa der fiktive Journalist Kurt Severing von der Weltbühne und Silvia Braun, eine minderjährige Obdachlose, deren Mutter am 1. Mai 1929 von der Polizei erschossen wurde. Dazu stoßen Severings Geliebte aus großbürgerlichem Haus, die in Berlins lebendige lesbische Szene eintaucht, eine afroamerikanische Jazzband auf Tournee, schlagfertige Prostituierte, selbstverliebte Bohèmiens, kommunistische Arbeitslose, gutbürgerliche Juden – und SA-Trupps, deren Präsenz im Verlauf der Handlung bedrohlich zunimmt. Schlaglichtartig beleuchtet Lutes die Wechselfälle im Leben dieser Menschen. Zunehmend werden sie alle mit den politischen Spannungen dieser Jahre konfrontiert – die einen suchen sie, andere werden verwickelt, wieder andere bleiben indifferent.

Lutes erzählt unpathetisch und ungeschönt, seine Elendsquartiere entbehren allem Malerischen, Oberschichtpartys geraten ihm nicht zum Symbol der Dekadenz. Seine Zeichnungen strotzen vor genau recherchierten historischen Details: Das gilt für Reklame, Gebäude und Zeitungen wie für Dialekt und Lebensgewohnheiten. Seine Straßenszenen wirken wie Miniaturen, während seine Darstellungen von Konzerten oder Tumulten sehr dynamisch sind. Bleierne Stadt ist eine Liebeserklärung an ein Berlin im rasanten Wandel, das chaotisch und schmutzig, aber lebendig ist. Das drohende Unheil spiegelt Lutes in den Debatten von Severing mit Kollegen wie Kurt Tucholsky und Joachim Ringelnatz: Die scharfsinnigen Kritiker verzweifeln zunehmend in einem aussichtslos erscheinenden Kampf für die Republik.

Bleierne Stadt bildet den zweiten Teil einer Trilogie, kann aber mühelos einzeln gelesen werden. Unaufgeregt, präzise und mit viel Gespür für Atmosphärisches porträtiert Jason Lutes diese Wendejahre. Er fängt sie in Bildern ein, die in ihrem Realismus zuweilen poetisch wirken.

***

Eine episodenhafte Paul Klee-Biografie präsentiert Christophe Badoux. Er rekapituliert alle wichtigen Lebensstationen des Malers: der erste Kontakt zum Blauen Reiter in München, die prägende Tunesienreise 1914, die Lehrtätigkeit im Bauhaus in Weimar und Dessau, schließlich die Anfeindung durch die Nazis. Badoux streut immer wieder Gemälde und Skizzen Klees ein und zeigt, wie er seinen Stil in Auseinandersetzung mit Freunden und Kollegen entwickelt. Wassily Kandinsky, Walter Gropius, Pablo Picasso und einige andere sind in Gastrollen zu sehen.

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Badoux zeichnet in einer Ligne Claire und betont somit Linien und Flächen – Elemente, die auch für Klee bedeutsam sind. Zuweilen lässt Badoux einen Miniatur-Klee durch Skizzen wandeln und Gestaltungsprinzipien erläutern. Trotz solcher Einfälle wirkt die Optik des Bandes etwas blass. Für das Porträt einer derart bewegten Zeit hätten sich eine dynamischere Bildsprache, weniger gedeckte Farben und weniger Statik im Seitenaufbau angeboten. Der künstlerische Aufbruch, für den Klee und seine Zeitgenossen stehen, erscheint in dem Band zu selbstverständlich. Zudem spart die Biografie manchen Konflikt aus. So erwähnt Badoux nur am Rande, dass prominente Mitglieder des Blauen Reiters 1914 – anders als Klee – kriegsbegeistert waren.

Dennoch: Der Band gewährt einen unkomplizierten Zugang zu einem äußerst produktiven Maler. Badoux vermittelt, bei allen erwähnten Schwächen, neben dem historischen auch einen grafischen Eindruck der Zeit.

 

 
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