Machen wir uns nichts vor: die Halbwertzeit von Journalisten verkürzt sich zusehends. Man spricht nicht gern darüber. Und da es allenfalls die Betroffenen sind, die das Thema anschneiden, kann man sich seiner schnell mit dem Hinweis entledigen, dass die ja doch nur ihre eigenen Interessen verteidigen. Jammerer sind halt keine beliebten Zeitgenossen.
Tatsache ist, dass es unter „freien“ Journalisten keine Solidarität gibt. Sie sind mehr noch als die Schriftsteller, für die Heinrich Böll das einst beklagt hat, Einzelgänger. Nicht etwa vom Temperament oder von ihrer Anlage her, sondern unter dem Druck der realen Arbeitsverhältnisse. Denn nirgends ist die Konkurrenz größer als im Journalismus. Für jeden Auftrag gibt es weitaus mehr Kandidaten, als benötigt werden. Deshalb existieren im Journalismus – außerhalb der Redaktionen, also jenseits von festen Anstellungen – keine Kollegen, sondern nur Feinde, wenn man sie auch so nicht nennt. Trifft man sie bei einer Veranstaltung, so lächeln sie freundlich und drücken einem die feuchte Hand, aber der Blick verrät, dass sie einem die Krätze an den Hals wünschen.
Die Auftraggeber in den Zeitungs- und Rundfunkhäuser haben diese Lage natürlich längst erkannt. Sie ist ihnen willkommen. Denn sie funktioniert als Druckmittel. Sie erleichtert die Ahndung von Unbotmäßigkeiten. Dass jeder Mitarbeiter ersetzbar sei, lassen sie einen regelmäßig fühlen, und manchmal sprechen sie es direkt aus (so etwa vor Jahren, als sich Autoren der Frankfurter Rundschau für die Forderung nach höheren Zeilenhonoraren verbünden wollten).
Besonders hart trifft es freie Journalisten, wenn sie älter werden – also 45 oder so. Die ökonomische Absicherung im Alter, so wichtig sie ist, stellt nur einen Aspekt dar. Wer mit Leib und Seele Journalist ist, möchte schreiben und veröffentlicht werden. Die tröstenden Worte, dass man mit zunehmendem Alter ja auch an Erfahrung gewinne und dass die Jüngeren nicht unbedingt die größeren Formulierungskünstler seien, sind in den Wind gesprochen. Intern lautet die Sprachregelung, dass die gealterten Mitarbeiter nicht mehr auf dem Stand der Dinge seien, dass ihr Stil und ihre Argumentationsweise an den Lektüregewohnheiten junger Nachwuchsleser und –hörer vorbeimanövrierten, die im Übrigen so oder so ausbleiben. Zu den dümmsten Reformbemühungen neben der Ersetzung von Text durch Musikteppiche gehören die Anpassungsversuche an den sehr kurzlebigen Jargon und die Moden des Tages.
Die Peiniger von heute sind die Gedemütigten von morgen
Dass man als alt gilt – auch das wird einem nicht ins Gesicht gesagt –, erkennt man daran, dass man zum Spezialisten für Nachrufe wird. Den Jazzkritikern von gestern traut man nicht zu, dass sie den Jazz von heute beschreiben und beurteilen können, aber über Verstorbene, die den jüngeren Konkurrenten nicht einmal dem Namen nach bekannt sind, wissen sie Bescheid. Wenn man sich also nicht aufs Googeln und Abschreiben verlassen will, erinnert man sich an den alten Kollegen, der seit Wochen vergeblich auf einen Anruf wartet, und bittet ihn schnell um ein paar Worte der Würdigung (aber bitte nicht mehr als 20 Zeilen, der Tote war eh schon lange vergessen). Ein bisschen schwingt stets die Verwunderung mit, dass er, der Kollege, selbst noch lebt.
Luc Bondy, eine halbe Generation jünger als sein Kollege Peter Zadek, reagierte bereits vor acht Jahren in einem sehr persönlichen Text auf die Aggressionen der Jungen anlässlich des vorausgegangenen Theatertreffens: "Man kann nicht sagen, dass Oistrach irgendwann zu alt war für seine Geige oder dass ein Dirigent zu alt ist, um zu dirigieren. Das ist Rassismus. Dieser Jugendkult und dieser Altershass haben etwas Nazihaftes." (S. 222) Harte Worte. Aber sie reagieren auf eine inhumane Kälte, die weit über den Bereich des Theaters hinaus unsere Gesellschaft erfasst hat. Was steckt doch für eine Menschenverachtung darin, an sich neutrale Ausdrücke wie „alte Jungfer“ oder „die sexuellen Fantasien eines alternden Mannes“ negativ zu belegen.
Ein Trost scheint zu bleiben: Auch jenen, die den alten Kollegen heute demütigen, wird es morgen so ergehen. Aber ist das ein Trost? Wäre ein bisschen Solidarität nicht die bessere Lösung? Zugegeben: sie fällt nicht leicht, wo der Kuchen, den es zu verteilen gilt, einfach zu klein ist. Aber ab und zu könnte einem Journalisten schon einfallen, dass es da jemanden gibt, der besser Bescheid weiß, der genauer schreibt, der wider Erwarten bislang von der Demenz verschont blieb – und er könnte den verantwortlichen Redakteur diskret darauf hinweisen. Na ja, vielleicht ist das nur ein utopischer Traum eines gealterten Gehirns. Eine Frage jedoch bleibt am Schluss: Was wäre der Sinn von Berufsverbänden, was wäre der Sinn von Gewerkschaften, wenn das wirklich nur ein Traum ist?
In der Freitag-Kolumne "Linker Haken" beklagt Thomas Rothschild Woche für Woche, dass alles immer schlimmer wird. Manchmal hat er aber auch andere Sorgen. Die heutige Folge schließt im Thema an die letzte an: Mick und die Alt-68er
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Kluge Kolumne.
Erschreckend, das ausgerechnet kreative und nachdenkliche Leute die Muster aus der Finanz- und Wirtschaftswelt, auf einer Skala von bewusst bis unbewusst, wiederholen. Bei dem Ganzen verhält es sich so wie mit der Gleichstellung von Mann und Frau in der Berufswelt. Seit Angela kanzlert, glauben viele an eine endgültige Entlastung von weiteren Anstrengungen auf diesem Gebiet. Seit Obama präsidiert, glauben viele, es gebe keine Diskriminierung mehr im Land der Freien und Tapferen. Seit Scholl-Latour und Graf von Nayhauß überall erscheinen und schreiben, glauben einige, das Alter sei "journalistisch" kein Thema mehr. In den Führungsriegen der Wirtschaft, der Politik und der Wissenschaft herrscht weiterhin ein Verhältnis von 8:1- 9:1 zu Ungunsten der Frauen und über 55- Jährige haben an produktiven oder dienstleistenden Arbeitsplätzen so wenig eine Chance, wie sie sich umgekehrt proportional und kollektiv in Vorständen und Aufsichtsräten tummeln. Vielleicht entschließt sich ja "der Freitag" einmal zu einer kleinen Foto-Gala der Gruppenbilder mit wenigen Damen auf Stadt, Landes und Bundesebene, bei den großen Verbänden und zu einer optisch ansprechenden Aufbereitung des Themas Redaktion und der Umgang mit "Freien" und dem Alter. Grüße Christoph Leusch PS: Was die Produktivität angeht, so gibt es keine einzige seriöse Studie, die belegte, aus jüngeren Mitarbeitern sei mehr und vor allem Besseres heraus zu holen. Allerdings sinkt die Produktivität fast aller Branchen, herrscht ein schlechtes oder nur an der Oberfläche verbindlich- freundliches Betriebsklima. |
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schrieb am
03.04.2009 um 18:46
Wenn "der Kuchen zu klein ist", oder einfacher gesagt, wenn die Konkurrenz herrscht, wird es immer eine Gruppe geben, die an den Rand gedrängt wird. Im Journalismus mögen das ältere Menschen sein, oder solche, die sich ab und zu noch eine eigene Sicht auf die Dinge leisten. Wenn wir nicht versuchen, diese Gesellschaft grundsätzlich zu verändern und vom Konkurrenzkampf zu befreien (der zum Kapitalismus dazugehört), wird sich daran nichts ändern.
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@ oca
Genau, der Kuchen ist nämlich gar nicht zu klein; er scheint nur so: die großen Stücke sind immer schon verteilt. Und der Konkurrenzkampf ist ja -streng genommen- gar keiner mehr, sondern zunehmend ein Strampeln ums nackte Überleben. Das werden wir spätestens dann sehr duetlich merken, wenn uns das Gras beginnt, zwischen den Zehen hindurch zu wachsen... |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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