Seit seinem Amtsantritt versprach Präsident Obama eine Grundsatzrede an die Muslime der Welt, die er in der Hauptstadt eines islamischen Landes halten wolle. Es hätte Istanbul oder Djakarta sein können, wo er einen Teil seiner Kindheit verbracht hat und – wie er betont - als Christ islamische Glaubenstoleranz erlebte. Er wählte aber Kairo, die Hauptstadt Ägyptens, das an seiner Vermittlerrolle zwischen dem Westen und den Muslimen beinahe zerbricht.
Dort hat der US-Präsident nun versichert, er wolle das von den USA und einem Großteil ihrer Verbündeten im vergangenen Jahrzehnt gleichermaßen furchtbar wie erfolglos eingesetzte Kriegsbeil gern begraben. Wie soll das geschehen? Zum Beispiels durch Verhandlungsangebote an die islamische Welt, die nicht nur – wie zuletzt oft geschehen – Forderungen an die Gegner enthalten, sondern auch veränderte Positionen im eigenen Lager signalisieren.
Allen Unkenrufen zum Trotz, die seit dem Gaza-Krieg Anfang 2009 und den Wahlen in Israel verkünden, dass die Möglichkeit einer Zwei-Staaten-Lösung für Israelis und Palästinenser endgültig abgelaufen sei, stellte Obama klar, dass er sich genau dieses Ziel zur persönlichen Aufgabe gemacht habe. „Wenn wir den Konflikt nur von der einen oder anderen Seite betrachten, verschließen wir unsere Augen vor der Wahrheit.“ Diese bestünde schlichtweg darin, dass Israelis und Palästinenser verpflichtet sind, sich gegenseitig das Lebensrecht, die staatliche Selbstorganisation und auch das Recht auf Entwicklung zuzugestehen.
Genau das betonte Obama auch, als er auf den Atomstreit mit dem Iran zu sprechen kam. Im Gegensatz zu Ex-Präsident Bush hat er den Iranern nicht das Recht bestritten, die Atomkraft im Blick auf zivile Zwecke zu nutzen.
Mit seiner Rede ließ er gleichfalls keinen Zweifel, dass er den Unilateralismus und die Politik beenden wolle, mit der sich der Westen prinzipiell das Recht nahm, anderen sein Denken und sein System aufzuzwingen. Mit der Betonung der Gleichwertigkeit der Menschen und Kulturen und vor allem auch des Rechts auf staatliche Souveränität rehabilitierte er das in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten immer wieder verletzte demokratische Prinzip der Gleichheit in der Differenz.
Der farbige Christ Obama mit den islamischen Vornamen Barack Hussein verkörpert seit seiner Kairoer Rede nun so etwas wie das freundliche Gesicht der janusköpfigen Globalisierung. Dass er überhaupt ins Weiße Haus einziehen konnte, war ein Zeichen für die – von vielen schon verloren geglaubte – Vitalität und Entwicklungsfähigkeit der amerikanischen Demokratie. Ob er die Richtung der proklamierten Ziele einhalten kann, hängt nicht nur von ihm und der Unterstützung ab, die er hoffentlich weiterhin von seinen Wählern bekommt. Auch jene, die bis heute gegen die USA und den Westen insgesamt einen asymmetrischen Krieg führen, müssen sich auf eine Epoche des Dialogs einlassen. Dies dürfte auch einigen Verbündeten der USA schwer fallen, die – oft im Widerspruch zum Willen ihrer jeweiligen Völker – George Bushs unzivilisierten Kampf der Kulturen mitgeführt haben.
|
|
Zustimmung zum Grundtenor Ihres Beitrags!
Madeleine Albright, die ehemalige US Außenministerin, schreibt in ihrem jüngsten Buch "Memo to the president elect": "Bushs aloofness [Distanziertheit] was interpreted by arabs as indifference [Gleichgültigkeit]; his unqualified support for Ariel Sharon, as hostility [Feindseligkeit]. Rather than beeing coerced into moderation [nachdrücklich zu Mäßigung angehalten], the Palestinians swerved further toward the extreme. [...] Diplomacy isn't al light switch that can be turned on and off; it requires a steady current of contacts, discussions, probes and tests. [...] The beginning of wisdom in the Middle East is [...] You do not, of course, have the authority to make descisions for Arab or Israeli leaders. [...] You do, however, have an opportunity to restore America's reputation as an honest broker [ehrlicher Makler] [...]" Obama hält sich an diesen klugen Rat und weiß dabei präzise, wieviel er zu Beginn erreichen und erwarten kann. Dazu gehört unter anderem das richtige Wort, so wie er es in Kairo gesetzt hat. Man darf sich in punkto Naher Osten von Obama deutlich mehr erwarten als von Bush, aber auch mehr als von Clinton. Würden ihn nur nicht die Europäer etwas alleine lassen. |
|
|
schrieb am
07.06.2009 um 11:31
Schön und richtig, aber ausgerechnet Frau Albright als Referenzgröße ins Spiel zu bringen, halte ich für geschmacklos - und dabei ist es egal, dass Obama und Albright derselben Partei angehören. Wenn sie Obama auffordert, Amerikas Rolle als honest broker im Nahen Osten wieder stärker zur Geltung zu bringen, sei daran erinnert, dass es auch die Politik der Regierung Clinton war, der sie als Außenministerin angehörte, die die USA im Nahen Osten in Verruf gebracht hat. Von Israel-Palästina ganz zu schweigen; noch ehe Bush 9/11 instrumentalieren konnte für einen neuerlichen Angriff auf den Irak, hatte die Clinton-Regierung mit Hilfe ihrer Verbündeten grausame Sanktionen über das Land verhängt. Dazu ein Zitat von Frau Albright:
"Lesley Stahl on U.S. sanctions against Iraq: We have heard that a half million children have died. I mean, that's more children than died in Hiroshima. And, you know, is the price worth it? Secretary of State Madeleine Albright: I think this is a very hard choice, but the price--we think the price is worth it." (Quelle: www.fair.org/index.php?page=1084) |
|
|
@Pinte
Schön, dass Sie das Thema Albright ansprechen. Obwohl ich sie für eine sehr kluge Frau halte und ihrer Empfehlung an den neuen Präsidenten zustimme, habe auch ich einiges an ihr auszusetzen, allem voran ihre Untätigkeit angesichts des Völkermords in Ruanda. Doch just Ihre Kritik, die auf dem "Sanktions-Zitat" fußt, scheint einem Politik-Hoax aufzusitzen (vor denen man nicht immer gefeit ist, daher soll das keine Kritik an Ihnen sein, sondern eine Chance, hier zur Klärung beizutragen). Folgende Hinweise zu Ihrem Beitrag in Bezug auf mein verwendetes Albright-Zitat (verteilt auf zwei Teile wg. Längenbegrenzung): a) Madeleine Albright war zu jener Zeit die Botschafterin der USA bei den Vereinten Nationen, nicht die US Außenministerin (auch wenn sie im Interview so tituliert wurde, aber das ist hier das unwichtigste) b) Frau Albright hat sich von der Reporterin vielen guten Argumenten zufolge in eine Falle locken lassen, insofern sie deren Zahlenangaben rundweg akzeptiert hat. Die Zahlen aber, wenngleich vielfach kolportiert - und leider massiv in die arabische Welt -, sind nicht zutreffend. Matt Welsh vom "Reason" hat eine überaus detaillierte Studie dazu vorgelegt. Darin greift er u.a. zurück auf UNICEF Executive Director Carol Bellamy: "It's very important not to just say that everything rests on sanctions," Bellamy said in a subsequent interview. "It is also the result of wars and the reduction in investment in resources for primary health care." [...] |
|
|
[ Fortsetzung ]
Mike Rosen fasst den Welsh-Bericht gut zusammen: "In summary, he [Welsh] traces the original assertion [hat die Behauptung zurückverfolgt] to a New York-based advocacy group called the Center for Economic and Social Rights (CESR) which manipulated a 1996 World Health Organization (WHO) report derived from figures provided by the Iraqi Ministry of Health. Even in the best of times, child mortality rates are relatively high in a backward country like Iraq. Such deaths can be associated with factors that include drought, inadequate medical care, malnutrition, breast-feeding practices, depressed prices on exported oil, near-total dependence on food imports, costs of the Iran-Iraq and Persian Gulf wars, and a host of others. CESR preposterously blamed [beschuldigte groteskerweise] the sanctions for all deaths to children under the age of 5, doubled the Iraqi government's highest estimate for dramatic effect, and threw in this gratuitous gem [und machte daraus diesen ~ falschen Fünfziger]: "In simple terms, more Iraqi children have died as a result of sanctions than the combined toll of two atomic bombs on Japan." Although UNICEF has taken pains to correct the misinterpretation of this data, its press releases have been drowned out by all the hype. The distortion [Verzerrung] was compounded and reinforced as folklore by Leslie Stahl in a 1996 puff piece on CESR for CBS's 60 Minutes. Compliantly using CESR's exaggerated numbers and Hiroshima analogy, Stahl dropped a loaded question on Secretary of State Madeleine Albright, asking if the death of all those children was "worth it." Albright took the bait [schluckte den Köder] and explained why, in policy terms, it was. But by not challenging the statistic, Albright inadvertently lent credence to it.[wodurch sie den Zahlen unwissentlich Glaubwürdigkeit verliehen hat] c) Frau Albright hat sich öffentlich mehrfach entschuldigt, was man nicht von allen sagen kann, die einen Fehler begangen haben: "I have said 5,000 times that I regret it. It was a stupid statement. I never should have made it and if everybody else that has ever made a statement they regret, would stand up, there would be a lot of people standing. I have many, many times said it and I wish that people would report that I have said it. I wrote it in my book that it was a stupid statement." Ich möchte nochmals betonen, dass dies alles keine Generalentschuldigung sein soll und nicht sein kann. Es führt aber meines Erachtens zu einer grundlegend anderen Aussage als die, zu der man angesichts des bloßen "Original-Zitats" gelangt. Danke für Ihre Anregung! |
|
|
schrieb am
07.06.2009 um 18:59
Wow, vielen Dank für diese lange und ausführliche Entgegnung. Hatte ich jetzt gar nicht mit gerechnet.
|
Ausgabe 07/12
16.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen