Kultur

Medien | 15.06.2009 12:10 | Sabine Pamperrien

Hurra, die Auflage steigt

Allerdings nur im Netz: Die Online-Angebote der US-amerikanischen Zeitungen verzeichnen stark steigende Nutzerzahlen. Was bedeuten sie?

Die Konkurrenz durch das Internet lässt eine Zeitung nach der anderen verschwinden. In den USA werden fast täglich Zeitungen geschlossen. In 18 Monaten seien 80 Prozent aller US-Zeitungen vom Markt verschwunden, prophezeien Beobachter. Die Tageszeitung habe keine Zukunft mehr, schließen sich auch deutsche Experten den Prognosen an. Zuletzt gelegentlich zweistellige Rückgänge bei den Werbeeinnahmen und massive Auflageneinbrüche scheinen die trüben Aussichten zu belegen.

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Flankiert wird das Zahlenwerk zur weltweiten Zeitungskrise vom medienwirksam als Kulturkampf ausgetragenen Streit zwischen Bloggern und Journalisten. Beinahe wöchentlich finden irgendwo Podiumsdiskussionen, Symposien und Tagungen statt, bei denen vom immer wieder gleichen Personal das Ende des Journalismus debattiert wird. Fast wird der Abgesang auf den Journalismus zur Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für reisende Apokalyptiker.

Der von der Krise besonders geschüttelte US-Zeitungsmarkt wartet mit Zahlen auf, die die Diskussion sachlich in eine etwas andere Richtung lenken könnten. Seit 2004 lässt die Newspaper Association of America (NAA), die mehr als 2000 Zeitungen in den USA und Kanada repräsentiert, vom Medienforschungsunternehmen Nielsen Nutzeranalysen durchführen.

Bereits im April 2008 hatte die NAA einen Rekord vermeldet. Die Zahl der Nutzer von Online-Angeboten der Zeitungen war binnen Jahresfrist um 12,3 Prozent auf einen Anteil von 40,7 Prozent aller Unique Visitor gestiegen. Sowohl die Zahl der Zugriffe als auch die Page Views waren so hoch wie nie zuvor seit Beginn der Erhebungen. Eine zugleich publizierte Studie belegte zudem, dass die Leser der Online-Angebote von Zeitungen politisch aktiver seien als die übrigen Internet-Nutzer und über eine bessere Medienkompetenz verfügen.

Analyse erwünscht

Die Zahlen für 2009 bestätigen den Trend. Im ersten Quartal 2009 stiegen die Nutzerzahlen um weitere 10,5 Prozent auf einen Anteil von 43,5 Prozent aller Internet-Nutzer. 73,3 Millionen Unique Visitors rufen jeweils durchschnittlich gut achtmal monatlich Zeitungsangebote auf, verbringen dort knapp 44 Minuten und rufen 48 Seiten auf. Die Gesamtzahl der Pageviews stieg um 12,8 Prozent auf 3,5 Milliarden gegenüber dem ersten Quartal 2008.

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Eine parallel durchgeführte Umfrage der Nielsen-Tochter Scarborough Research belege, so die NAA, dass die Online-Angebote genau die Zielgruppen erreichen, die für Werbung relevant sind, insbesondere überdurchschnittlich viele gut ausgebildete, gut situierte Hausbesitzer mit einem Haushaltseinkommen von mehr als 100.000 Dollar. In einer weiteren Studie in 81 lokalen Märkten kommt Scarborough zu dem Ergebnis, dass drei Viertel aller erwachsenen Leser der USA wöchentlich Zeitungen sowohl im Print als auch online lesen.

Bei der NAA interpretiert man den Trend erstmals weniger vom Werbetreibenden als vom Leser aus. Die Rekordzahlen seien ein Beweis dafür, dass das Publikum sich in zunehmendem Maße auf die Sorgfalt und Zuverlässigkeit bei der Berichterstattung von Zeitungen verlasse. Angesichts des steigenden Informationsangebots aus allen möglichen Quellen steige auch das Bedürfnis nach glaubwürdig fundierten Analysen und Hintergrundinformationen. Das könnte leeres Wortgeklingel gegen den programmierten Untergang sein. Deutsche Alpha-Blogger kaprizieren sich gern auf Fehler in der Berichterstattung traditioneller Medien.

News-Aggregatoren

Der Befund aus den USA wird jedoch durch Ergebnisse des groß angelegten jährlichen State of the News Media-Report des unabhängigen Pew Research Center in Washington untermauert. Neben dem diskutablen Qualitätsanspruch ziert die Presse ein überaus schlichtes Alleinstellungsmerkmal. Hauptaufgabe der Presse ist die Beschaffung von Informationen und deren Zurverfügungstellung als Nachrichten. Die US-Forscher haben bereits 2008 widerlegt, dass Blogs geeignet seien, diese Aufgabe zu übernehmen. Der entsprechende Input durch Blogs habe sich entgegen früherer Annahmen als minimal erwiesen.

In Deutschland bestätigen die wenigen in Blogs erstveröffentlichten nachrichtlich relevanten Informationen der letzten Jahre dieses Forschungsergebnis. Auch die Kritik, die Zeitungsseiten würden vielfach über News-Aggregatoren wie Google News, MSNBC und Co. angesteuert, ist eher ein Beweis als ein Gegenargument. Die Aggregatoren werten als Quellen die traditionellen Medien aus, was übrigens auch für die gerühmte Huffington Post oder den Drudge Report gilt.

Ob die neuesten Zahlen für den deutschen Werbemarkt gewisse Erkenntnisse in diesem Kontext bereits wiederspiegeln, lässt sich nicht genau sagen, da entsprechende Erhebungen nicht durchgeführt wurden. Die deutschen Nielsen-Medienforscher veröffentlichten soeben ihre Werbe-fixierten kumulierten Zahlen für den Zeitraum von Januar bis Mai 2009. Bei durchschnittlichen Verlusten aller Medien in Höhe von 3,4 Prozent brach der Werbemarkt für Publikumszeitschriften um 16,1 Prozent ein. Die zuletzt als krisenfest gehandelten Fachmagazine büßten 9, 4 Prozent ihrer Werbeumsätze ein. Die deutschen Tageszeitungen verbuchten ein Plus von immerhin einem Prozent. Vielleicht befördert das Internet gar nicht das Ende des Journalismus, sondern dessen Krönung.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
sport schrieb am 15.06.2009 um 23:35
"Deutsche Alpha-Blogger kaprizieren sich gern auf Fehler in der Berichterstattung traditioneller Medien."

Warum nennst Du nicht Ross und Reiter ? So eine pauschale Alpha Etikettierung ist ein wenig im Nebel stochern. Der Bayrische Rundfunk bringt Alpha Bildungsfernsehen. Es gibt sensationell gute Journalisten, Buchautoren und Blogger in einer Person. Bei wirklich genauen hinsehen gibt es sehr viel Qualität.
deedSabine Pamperrien schrieb am 16.06.2009 um 13:46
Oh, es geht hier keinesfalls um Blogger-Bashing! Eher im Gegenteil! Der "Kulturkampf" zwischen Presse und Blogs ist künstlich hochgezogen, selbst schon wieder nur ein Medienspektakel, bei dem gern gegenseitige Abwehrreflexe stimuliert werden. Aber ob's der Wahrheitsfindung dient? Ich spreche die diskutable Qualität der Presse oben sogar an. Es fragt sich nur, welche Schlüsse zu ziehen sind aus den Beobachtungen des gegenwärtigen Transformationsprozesses. Da greift die Konfrontationsrhetorik (wie immer!) zu kurz. Im Zusammenhang mit Blogs geht es ausschließlich um die Frage, ob Blogs geeignet sind, die Hauptaufgabe der Presse zu übernehmen. Recherchieren, Sammeln, Ordnen, Prüfen, Enthüllen... Die Langzeitbeobachtung in den USA ergibt: Nein!
sport schrieb am 16.06.2009 um 18:56
Du bist meiner Frage ausgewischen. Wenn Du schreibst: "Deutsche Alpha-Blogger kaprizieren sich gern auf Fehler in der Berichterstattung traditioneller Medien." ,darf jeder Leser konkrete Namen erwarten. Du nanntest weder Ross noch Reiter. Ich hab Dir auch kein Blogger-Bashing unterstellt. Gemach, gemach. Übrigens Konfrontationsrhetorik ist noch mal was anderes. Einige der besten deutschen Blogger zum Beispiel wie Jens Weinreich oder Jürgen Kalwa sind ausgezeichnete Journalisten und schreiben für die FAZ und andere überregionale Zeitungen, Schweizer Zeitungen oder produzieren hörenswerte Interviews für den Deutschlandfunk etc. Buchautoren sind sie auch und ihre Blogs sind wunderbare Ergänzungen zum Print.

Der Universitätsprofessor Samir Husni leitet den Bereich Journalismus an der University of Mississippi. Er gilt als einer der führenden Zeischriftenexperten der Welt. In der W&V Nr. 23 vom 4. Juni 2009 äußert er sich in fester Überzeugung: "Die Gattung Print hat Zukunft. Was die Verlage derzeit versuchen, sei aber sinnlos - und nur ein Ausdruck ihrer Panik."

Frage W&V: "Viele haben diesen Crash schon hinter sich: In Deutschland wurden 2009 bereits viele Zeitschriften eingestellt."

Husni: " Die Geschwindigkeit dieses Zeitschriftensterbens kann noch zunehmen. Aber nach einer gewissen Zeit wird auch die Zahl der neu startenden Blätter wieder steigen. Es ist ein wenig wie in einem Garten: Man pflanzt etwas, dann kommt ein Frost und tötet beinahe alles. Als Antwort darauf pflanzt man mehr, und ein neuer Frost schlägt zu. Und so weiter. Natürlich macht die Technik es deutlich einfacher, neue Titel zu starten. Das macht es zugleich aber leichter, sie wieder umzubringen."
sport schrieb am 02.07.2009 um 14:56
Du hast meine Frage immer noch nicht beantwortet. Was lässt Dich zögern?

Du schriebst: "Deutsche Alpha-Blogger kaprizieren sich gern auf Fehler in der Berichterstattung traditioneller Medien."

Meine Frage an Dich am 15.06.2009 lautete:

Warum nennst Du nicht Ross und Reiter ?


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