Alltag

Alltagslektüre | 21.08.2009 14:50 | Mikael Krogerus

Wo die Adjektive wohnen

52 Bücher in 52 Wochen: Mikael Krogerus liest Colin Tudges Evolutionsbuch "Missing Link" und fragt sich danach im Ernst, ob die Wiege der Menschheit in Darmstadt stand

Was habe ich gelesen? Missing Link – Ida und die Anfänge der Menschheit von Colin Tudge.

Seitenzahl: 298 Seiten

Amazon-Verkaufsrang: 221.621

Warum habe ich es gelesen? Eine gewisse Schwäche für die alte Frage: "Stammt der Mensch vom Affen ab?"

Worum geht es? Das Problem aller Evolutionsforscher, Paläontologen und Anthropologen ist der "Missing Link", das fehlende Bindeglied, das die Evolutionstheorie, also die Theorie, nach der sich eine Gattung aus einer anderen heraus entwickelt hat, nachweist. Wir kennen beispielsweise kein Lebewesen, das in der Mitte zwischen dem ersten, hypothetischen Vorfahren der Primaten und dem ersten archaischen Primaten steht. Es gibt auch kein Fossil, dass die archaischen Primaten überzeugend mit den ersten Halbaffen verbindet. (Was es hingegen gibt – sorry, liebe Kreationisten – ist der Nachweis, dass der Mensch vom Affen abstammt; unsere DNS sind zu 99 Prozent identisch, Biologen rechnen deshalb heute Schimpansen auch zu den Hominiden).

Das Problem könnte aufgehoben werden, wenn ein Fossil gefunden würde, das als Bindeglied funktioniert. 1983 soll es von einem bis heute unbekannten Privatsammler in der Grube Messel bei Darmstadt entdeckt worden sein. Am 19. Mai 2009 wurde es der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Und davon handelt dieses Buch. Das klingt gut und der Co-Autor Josh Young beschreibt eindrücklich, wie der Professor für Paläontologie der Uni Oslo, Jørn Hurum, über einen Händler das 47 Millionen Jahren alte, vollständige Fossil für eine Million Dollar angeboten bekommt. Hurum hadert, berät sich, hadert, träumt, sammelt Geld und kauft das Teil. Dann trommelt er ein Dreamteam der absolut besten Forscher zusammen, um "Ida", so nennt er das Fossil nach seiner Tochter, zu untersuchen, einzuordnen – und zu vermarkten. Es soll zur Mona Lisa des Naturhistorischen Museums der Universität Oslo werden.

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Ida hat, keine Frage, das Zeug zum paläontologischen Popstar: andere Funde aus dieser Zeit, etwa der 58 Millionen Jahre alte Altiatlasius, bestehen aus gerademal zehn Zähnen. Ida dagegen ist komplett. Man erkennt sogar ihr Fell und ihren Darminhalt. Sie könnte, das steht ungefähr 700 Mal im Buch, ein Ur-Ur-Ur-Ahne von uns sein. Allein dass sie, anders als unsere bisher älteste Vorfahrin, Lucy, nicht in Afrika lebte, sondern in der Grube Messel bei Darmstadt, befremdet. Egal. Das Buch beginnt rasant. Dann folgen sechs Kapitel über die hochkomplexen Zusammenhänge der Primatenevolution.

Vieles, was man eigentlich wissen sollte, wird hier knapp und präzise vermittelt. So etwa das coole Kürzel "K/T-Grenze" (Kreidezeit/Tertiärzeit-Grenze), es bezeichnet den vermuteten Moment, als ein gewaltiger Asteroid auf der heutigen mexikanischen Halbinsel Yucatan einschlug. Der daraufhin aufgewirbelte Staub verdunkelte die Sonne, die Folge: Die Dinosaurier starben aus. Ich persönlich hatte ja noch die vage Erinnerung, in der Schule gehört zu haben, die Asteroiden hätten die Dinosaurier erschlagen, und/oder intellektuell überlegene Säugetiere hätten den Dinos die Eier geklaut. In anderen Punkten ist der Autor so redundant (die Widerlegung des Kreationismus) oder kryptisch (ob Ida nun Lemur, Halbaffe oder Frühmensch war), dass man sich ebenfalls an die Schule erinnert fühlt. Das Buch schließt mit einem etwas hastig hingeschmiertem Fazit, das nicht eine Sekunde Zweifel darüber lässt, dass die beteiligten Wissenschaftler den Fund für eine Sensation halten.

Was bleibt hängen? Fragen: Warum spielt ein unscheinbares Tier von der Größe eines überdimensionierten Eichhörnchens, das vor 47 Millionen Jahren in Darmstadt gelebt hat, eine Rolle? Sind wir mit dem Viech verwandt? Kommen wir alle ursprünglich aus Darmstadt? Was ist das Besondere an dem Fossil?

Nichts, würde ich nach der Lektüre sagen. Colin Tudge schreibt: Alles ist besonders daran. Die Faktenlage: Ida ist zweifelsfrei ein Primat – also ein Vertreter unserer eigenen Tierordnung. Sie ist aber, und das kommt reichlich spät, auf Seite 257, nicht unsere Ur-Oma, eher eine verschrobene Großtante. Vermutlich sogar nicht mal ein Affe, sondern ein Lemur, also eines dieser niedlichen Tierchen aus Madagaskar. Das Buch verspricht viel, liefert aber vor allem gutes Gymnasialwissen und nicht etwa den Missing Link. Vielmehr versteht, wer die mittleren Kapitel des Buches gründlich liest, dass es das eine Glied zwischen uns und unseren halbaffigen Vorfahren nie gegeben hat, weil sich die Arten in verzwickten, rhizomatisch-ähnlichen Paralleverläufen entwickelten. Was eigentlich mehr wert ist, als eine medial aufgebauschte Story über Ida aus Darmstadt.

Wie liest es sich? Oftmals sind Wissenschaftstexte grotesk trocken, diesmal ist es umgekehrt: man hätte sich einen kaltblütigen, adjektivscheuen Lektor für Ida gewünscht.

Das beste Zitat? "Dieses Tier, das 44 Millionen Jahre älter ist als das älteste Fossil eines aufrecht gehenden Hominiden, besitzt trotzdem eindeutig eine Persönlichkeit und einen eigenen Charakter."

Wer sollte es lesen? 
Kreationisten und Abiturienten.

Was lese ich als nächstes? The Shack von William P. Young.

 
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Kommentare
Ulrich Kühne schrieb am 22.08.2009 um 00:05
... wer mehr über Ida erfahren möchte, aber nach dieser Kritik nicht gleich das Buch kaufen will, kann auf den Wissen-Seiten des Freitag weiterlesen:
www.freitag.de/wissen/0928-palaeontologie-wissen-messel-ida
Mikael Krogerus schrieb am 23.08.2009 um 19:28
Lieber Ulrich Kühne, was mich als paläontologischen Voll-Laien interessieren würde: wie haben Sie als Experte Ida rezipiert?
Ulrich Kühne schrieb am 23.08.2009 um 22:07
...leider nein. Der Artikel ist von Patrick Barkham aus dem Guardian. Und was das Buch angeht, vertraue ich völlig Ihrer Kritik!


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