Die aktuelle Top Ten der chinesischen Bestsellerliste?
1. Marc Aurel: Meditationen
2. Thomas W. Phelan: 1-2-3 Magic – Easy-To-Learn Parenting Solutions
3. Marc Aurel: Meditationen (englische und chinesische Geschenkausgabe)
4. Fang Weiping (Hg.): Der Duft des Baumblattes. Lesebuch der schönsten Kindergeschichten
5. Wilhelm Hauff: Märchen
6. Yan Lingjun: Das Lesebuch meiner Schulzeit (Band 1)
7. Zhao Xiangyang: 100 Fragen zum Einstieg in die Digitalfotografie
8. Yan Lingjun: Sonnenaufgang für Herz und Seele. Lesebuch für Kopf und Seele in der Jugendzeit
9. Yan Lingjun: Die Zeit des Heranwachsens. Lesebuch meiner Schüler- und Studentenzeit
10. Geheimnisse der Wissenschaft: Der Ratschlag des Lebens: 131 Erkenntnisse für die Seele, die das Leben beeinflussen (Wochenzeitschrift)
Welche Genres gehen in China gut?
Wie im Westen auch: Ratgeber-Literatur (für Kinder, Jugendliche, Studenten), Lesebücher, Sachbücher. Belletristik ist vergleichsweise unbedeutend.
Wie hat man sich eine chinesische Buchhandlung vorzustellen?
Die meisten Buchhandlungen sind staatlich, Xinhua heißt die größte landesweite staatliche Kette. Seit einigen Jahren sind die „Books Cities“ verbreitet. Die größte ihrer Art ist die „Shanghai Book City“. Dort findet man auf sechs Etagen Angebote vom Bestseller bis zur neuesten DVD, sowie Leseaccessoires oder Schreibwaren. Peking rühmt sich des größten Buchladens der Welt, der auch 24 Stunden geöffnet hat. Außerdem haben viele Verlagshäuser eine angeschlossene Buchhandlung. Unterentwickelt scheint das Antiquariatswesen. Bekannt ist der sonntägliche Buchmarkt in der Altstadt von Shanghai.
Wer gilt in China aktuell als der wichtigste Autor?
Derzeit ist das wohl Qian Baise. Sie ist eine Autorin, die mit ihren Büchern 39 Grad Nord und Paris hat kein Riesenrad zwei absolute Bestseller des laufenden Jahres geschrieben hat. Qian Base behandelt Probleme der jungen „White Collar“-Generation, Chancen des total urbanisierten Lebens, Gefühle und Perspektiven dieser Generation. Mit im Westen bekannten Autoren wie Yu Hua, Mo Yan, Yan Lianke und andere hat sie außer der Staatsbürgerschaft wenig gemein.
Was kosten Bücher in China?
In der Regel ein Zehntel eines europäischen Buches. Entsprechend billig ist die Ausfertigung, gebundene Bücher existieren fast nicht, es sind alles billige Paperback-Ausgaben. Auch gibt es keine Buchpreisbindung, teilweise werden erhebliche Rabatte gewährt.
Die drei wichtigsten Literaturpreise?
1. Am begehrtesten ist der Mao-Dun-Preis für den besten Roman eines Jahres. Diesen Preis haben 2008 der 57-jährige Jia Pingwa und drei weitere Schriftsteller erhalten (es sind immer mehrere Gewinner möglich).
2. Der Lu-Xun-Preis für die beste Erzählung oder Kurzgeschichte, der alle zwei Jahre vergeben wird. Autoren, die sich mit Peking beschäftigen, können sich auch
3. für den Lao-She-Preis bewerben.
Kennt man in China die Autorenlesung?
Öffentliche Lesungen sind weitgehend unbekannt, Lesereisen finden entsprechend selten statt. Bekannte Schriftsteller mit Erfolgstiteln werden in Buchhandlungen zu Signierstunden eingeladen. Wenn Autoren überhaupt vorlesen, dann in internen Zirkeln (Schriftstellerverband). Im Ausland gefragte Autoren kennen das Format nun, und manche Profis wie die Shanghaier Autorin Chen Danyan lesen gern – doch für die meisten Chinesen ist das Vorlesen sehr ungewohnt, selbst für Autoren mit Millionenauflage. Man kennt eigentlich nur die Rezitation von Dichtung – auf Chinesisch langsong – die im Reich der Mitte eine lange Tradition hat.
Wie läuft der Internet-Buchhandel?
In der Regel drückt der Internet-Handel die Preise für Bücher noch einmal. Fast alle Titel werden reduziert angeboten – dadurch sinkt die ohnehin sehr schmale Gewinnspanne für den Autor erneut. In China ist der Online-Buchhändler Dangdang.com bedeutender als Amazon. Die Konkurrenz ist groß – Lieferung der bestellten Bücher per Kurier frei Haus und gegen Nachnahme ist Standard.
Die drei meist verkauften Titel bei Amazon.cn sind:
1. Annie Baby (Hg.): Einst gab es einen Menschen, der mich wie sein Leben liebte
2. Qian Baise: Paris hat kein Riesenrad
3. Greg Mortenson/David Oliver Relin: Three Cups of Tea
Wie heißen die fünf interessantesten chinesischen Literaturblogs?
Nr. 1 ist der Blog von Han Han, eines Schriftstellers, der lieber Rennfahrer wäre, wie er sagt. Er verzeichnet unglaubliche 276 Millionen Klicks. Gefolgt vom Blog von Yu Qiuyu, dem Essayisten und Kulturapostel mit 24 Millionen Aufrufen. Yu Hua (als einer der zuletzt auflagenstärksten Romanautoren) hat auf sina.com ebenfalls einen interessanten Blog mit knapp vier Millionen Klicks.
Warum ist Han Han so beliebt?
Hier seine Ansichten, wie China eine Zivilgesellschaft entwickeln könnte:
„Ich möchte allen nur mitteilen – wenn Ihr einst auf illegales (selbstherrliches, machtbetontes, herablässiges) Verhalten des Shanghaier Ordnungsamtes stoßt, gibt es verschiedene Maßnahmen zum Selbstschutz: Wenn sie zum Beispiel eine Verkehrskontrolle durchführen und sich nicht ausweisen und dann den Arm durch die Scheibe nach Euch ausstrecken, so empfiehlt es sich, ihnen die Hand einzuklemmen und sie dann abzuhacken. Nach dem Abhacken gebt ihr die Hand zurück, ihr wollt euch ja nicht des Diebstahls schuldig machen. Wenn er sich dann immer noch nicht ausweisen möchte und Euch den Weg versperrt oder Vergeltungsmaßnahmen ergreift, dann fahrt ihn einfach über den Haufen – steigt aber auf keinen Fall aus. ... Erst wenn mit Gewalt Gewalt vergolten wird, erst wenn gegen sich illegal verhaltende Ordnungshüter einige durchaus dem Gesetz (der Verteidigung) entsprechende Selbstschutz- und Widerstandsmaßnahmen ergriffen werden – dann erst besteht in diesem Staate Hoffnung auf zivilisierte Durchführung der Gesetze.“
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Gibt es Literatursendungen im Fernsehen oder Radio?
Zumindest keine bekannte landesweite. Vereinzelt gibt es eine Art literarischer Salon bei kleineren Rundfunksendern, manchmal tauchen Autoren in bekannten Talk-Shows auf. Jedenfalls findet keine ernsthafte Auseinandersetzung mit Literatur in diesen Medien statt.
Man liest von Raubkopien in horrenden Auflagen – wie werden diese hergestellt und vertrieben?
Raubkopien werden illegal bei Druckereien direkt in Auftrag gegeben und dann auf der Straße vertrieben. Man findet sie in allen chinesischen Städten bei Hausierern, die ihre Karren vor U-Bahn-Ausgängen, Parks oder in der Nähe der Märkte schieben. Raubkopien kosten in der Regel ein Drittel des offiziellen Buchpreises – vieles ist für zirka ein Euro zu haben. Es wird alles kopiert, was besonders erfolgreich am Markt ist – manche berühmte Titel wie Harry Potter haben sogar Ghostwriter hervorgebracht, die illegal Fortsetzungen der Bücher schreiben. Raubkopien haben in China eine jahrhundertealte Tradition und heißen weishu.
Wie viele Verlage gibt es?
Die Angaben schwanken zwischen 600 und 10.000, wenn man die steigende Anzahl privater Verlage dazurechnet, die offiziell als „Kultur-Agenturen“ firmieren.
Welche deutschsprachigen Bücher wurden ins Chinesische übersetzt? Was davon ist erfolgreich?
Derzeit ist Wilhelm Hauff mit seinen Märchen der erfolgreichste deutschsprachige Autor in China. Im Oktober steht er auf Platz fünf der landesweiten Bestsellerliste. Ansonsten wird in China sehr viel deutschsprachige Literatur übersetzt, aber nur sehr wenige Bücher sind wirklich erfolgreich. Chinesische Übersetzungen gibt es von den meisten Klassikern: Heine, Goethe, Schiller, Brecht, Böll und so weiter. Deutsche Literatur gilt jedoch als schwer, als verkopft. Beliebter sind da oft Schweizer Autoren, auch bei den Übersetzern: einfacheres Deutsch, höherer Grad an Verständlichkeit. Mittlerweile liegt auch deutsche Gegenwartsliteratur in chinesischer Übersetzung vor, die durch diverse Mittel gefördert wurde. Sehr erfolgreich – da in den USA ein Bestseller – war Der Vorleser von Bernhard Schlink. Bekannt ist auch das Kommunistische Manifest, das eines der meistverkauften Werke aller Zeiten ist. Oft weiß man aber nicht, was überhaupt noch lieferbar ist; ein Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB) fehlt.
Wie viele Germanistik-Institute gibt es? Was weiß man über Studentenzahlen – im Vergleich mit Englisch und Französisch?
Da es viele Neugründungen gibt, fehlt im Moment etwas der Überblick über die Lage. Ingesamt gibt es mehr als 1.000 Universitäten in China, das Fach gibt es an jeder der rund 30 „Schwerpunktuniversitäten“, die über das ganze Land verteilt sind. Die meisten Germanistikstudiengänge bieten jedoch keine ernsthafte Beschäftigung mit deutschsprachiger Literatur mehr – außer der Fremdsprachenuniversität Beijing und der Beida-Universität für Literatur. In den vergangenen zehn Jahren hat sich in China die Zahl der Germanistik-Studenten verdoppelt. Es sind heute rund 4.300. Rund 80 Prozent davon sind Frauen. Die Hälfte der Studenten ist an so genannten Technischen Hochschulen eingeschrieben und wird Fachübersetzer oder Assistent deutscher Firmenleitungen in China. Französisch ist ungefähr so beliebt wie Deutsch, Englisch wird viel häufiger studiert, auch Japanisch ist öfter Hauptfach.
Gibt es Volkshochschulen, in denen Literatur gelehrt wird?
Volkshochschulen bieten in der Regel kaum Literatur- oder Lektürekurse. Das sei nicht „praktisch“ genug, heißt es.
Und Literaturinstitute, Schreibschulen?
Am bekanntesten (und möglicherweise in dieser Form einzigartig) ist das Lu-Xun-Institut für Schriftstellerausbildung und kreatives Schreiben in Shenyang. Obwohl auch berühmte Autoren wie Huang Jinqiu dort gelernt haben, sind die meisten Absolventen bedeutungslos für die literarische Szene des Landes. Es gibt außerdem das Literaturinstitut an der Pekinger Volksuniversität, an dem auch in Deutschland bekannte Autoren wie Yan Lianke und Mo Yan lehren.
Welche Bücher lesen chinesische Schüler in ihrer Schulzeit?
Weltliteratur ist in China Pflicht. Dazu gehören neben klassischen chinesischen Texten, hunderten von Tang- und Song-Gedichten (ab der ersten Schulklasse) und Lu Xun (1881-1936) als klassisch-modernem (und oft überstrapaziertem) Autor wichtige und etablierte ausländische Klassiker wie Shakespeare oder Goethe. Die Leiden des jungen Werthers hat praktisch jeder chinesische Mittelschulabsolvent mindestens einmal gelesen. Seit der Republikzeit gehört der Werther zu den Klassikern der anti-bourgeoisen Schicksalsliteratur ähnlich wie Henrik Ibsens Nora. Dieses Buch hat allerdings an Bedeutung verloren. Es wird viel Literatur aus einem festen Kanon in- und ausländischer Schriftsteller gelesen, aber – entsprechend dem chinesischen Bildungssystem – nur auswendig gelernt und kaum mit Kopf und Herz verarbeitet.
Außerhalb der Schule sind Märchenbücher unter jungen Lesern der absolute Renner. Spektakulär ist seit einigen Jahren die Literatur der jungen, nach 1980 geborenen Autoren, die für das Publikum zwischen 15 und 25 Jahren schreiben: halb Literatur, halb Manga-Comic, bunte Heftchen, riesige Auflagen, tolle Vermarktung. Die Werke erscheinen oft erst im Internet, später dann als Buch, werden verfilmt, umgeschrieben zu Musicals, abgewandelt als Computerspiele – die ganze line extension.
Weiß man, wie viel Honorar bekannte chinesische Autoren (Yu Hua, Yan Lianke) von ihren deutschen Verlagen bekommen?
Das sollte sich an den Standard-Tantiemen der deutschen Verlage orientieren. Auf jeden Fall sind ausländische, vor allem deutsche Ausgaben für chinesische Schriftsteller attraktiv, denn hierzulande sind die Konditionen viel besser als in China. Die Autoren erhalten in Deutschland nicht nur höhere Prozentanteile an jedem verkauften Buch. Auch der Buchpreis selbst liegt hier etwa zehnmal höher als im Reich der Mitte. Es heißt, Yu Hua, der Autor von Brüder, und Jiang Rong, der Autor von Der Zorn der Wölfe hätten in den USA für den Verkauf der Rechte 100.000 Dollar bekommen. Für Deutschland wurde das Honorar von Yu Hua auf 20.000 Euro geschätzt – die Zahlen sind aber mit Vorsicht zu genießen.
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