Kultur

Interview | 26.10.2009 13:40 | Eren Güvercin, Freitag.de

Diese Manager erhalten keine Boni

Wie andere Glaubensrichtungen stellt auch der Islam die kapitalistische Verherrlichung der Habgier in Frage. Der Ökonom Abdal Hakim Murad macht sich dennoch nichts vor

Der Freitag: Herr Abdal Hakim Murad, Sie sind ein muslimischer Gelehrter, haben aber auch eine moderne Ausbildung genossen. Sie haben sich mit der westlichen Geistesgeschichte und Zivilisation auseinandergesetzt. Der Islam wird stets mit Terrorismus und Extremismus in Zusammenhang gebracht. Nun aber erlebt das kapitalistische System eine Krise. Welche Haltung nimmt der Islam auf dem Gebiet der Ökonomie ein?

Abdal Hakim Murad: Alle Religionen, nicht nur der Islam, wenden sich gegen die Habgier. In dem Maße wie die moderne Ökonomie davon ausgeht, dass Wohlstand aus der Förderung eines auf Habgier basierenden Wettbewerbs erwächst, befindet sich die Moderne im Widerspruch zum Glauben. In einem gewissen Sinne kommt in diesem Spannungsverhältnis die tiefe Unvereinbarkeit von der religiösen Vorstellung des Menschen als ethischem Wesen mit dem Menschenbild derjenigen zum Ausdruck, die uns als das erfolgreiche Resultat eines Jahrtausende langen, brutalen, von Eigeninteressen diktierten Wettbewerbs betrachten. Der Islam und andere religiöse Glaubensrichtungen stellen auf ihre je eigene Art und Weise die kapitalistische Apotheose der Habgier in Frage, prophetisch und radikal.

Welche Rolle spielt Geld im Islam?

Heutzutage gibt es in keiner muslimischen Gesellschaft eine islamische Ökonomie. Die nationalen Eliten und die Logik der Globalisierung stehen einer Wiedergeburt eines ursprünglichen, auf Ethik basierenden Wirtschaftens entgegen. Banken, die sich nach den islamischen Vorstellungen richten, sind die Ausnahme. Nach traditionellem muslimischem Verständnis umfasst Reichtum alles, was Menschen wertschätzen, also auch immaterielle Güter. Nach diesem Verständnis ist Geld allerdings Gold und Silber. Das soll heißen, es hat einen Wert, der sich aus natürlicher Knappheit ergibt. Dies schließt übertriebene und irreale Spekulation und eine Anhäufung von Reichtum aus, die allein auf Versprechen beruht. So wird die Möglichkeiten eines auf Kredit basierenden, raschen ökonomischen Wachstums gemindert. Man reduziert aber gleichzeitig auch die Möglichkeiten plötzlicher und unkontrollierter Wertschwankungen, da das Geld eine statische Größe besitzt und nicht potentiell unendlich ist.

Wie sehen Sie die Rolle der Islamischen Bank?

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Wenn überhaupt, richten sich nur wenige islamische Banken nach den klassischen Regeln der Sharia. Praktisch sind sie alle in das globale Finanzsystem eingebunden, das ihren Handlungsspielraum drastisch einschränkt und ihnen die Interpretation des Geldes als willkürlichem Zeichen aufdrängt. Dennoch spielen diese Institutionen eine wertvolle Rolle, wenn es darum geht sicherzustellen, dass muslimische Einlagen in ethischer Weise investiert werden, d.h. also z.B., nicht in den Handel mit Alkohol oder in der Glücksspielindustrie fließen. Insgesamt belaufen sich diese Anlagen heute auf 600 Milliarden US-Dollar. Sie erlauben der muslimischen Welt so eine partielle Unabhängigkeit und gewährleisten eine gewisse Basis für ethische Investitionen.

Wie stehen diese Banken in der Krise da?

Trotz ihrer teilweisen Komplizenschaft mit den Vorgehensweisen kapitalistischer Banken, blieben ihnen die schlimmsten Folgen der gegenwärtigen Krise erspart, weil sie sich nicht an dem Wucher mit Hypothekenkrediten beteiligt und sich, um dies auszugleichen, anderer spekulativer Transaktionen auf dem Finanzmarkt bedient haben. Zum Teil half ihnen hierbei auch, dass ihre führenden Manager keine Boni auf Spekulationsgewinne erhalten.

Im Koran und dem Islamischen Recht gibt es zahlreiche Bezugnahmen auf Wirtschaft und Handel. Was können wir aus diesen Quellen lernen?

Insofern der Teil der Sharia, der sich mit dem Geldwesen befasst, im Koran verwurzelt und erfolgreich ist, kann man sagen, dass die offenbarten Quellen von unmittelbarer Bedeutung sind. Religiöse Finanzsysteme werden beim Establishment allerdings immer Widerstand und Zynismus hervorrufen, weil für die Eliten nur die westlichen Werte zählen und alles andere irrelevant ist. Das mag auch darin liegen, dass der Kapitalismus scheinbar ein Modell nachhaltigen und massiven ökonomischen Wachstums bereitstellen konnte. Die Vision des Koran wird dem Mainstream der Banker und Investoren, die auf hohe Gewinne aus sind, niemals schmackhaft gemacht werden können, ebenso wenig wie andere radikale und ethisch alternative Vorstellungen des Wirtschaftens.

Wie bereits erwähnt sind Sie muslimischer Gelehrter und haben die Ursprünge von Selbstmordattentaten sowie moderner Organisationen in der muslimischen Welt analysiert. Welche Position nimmt der traditionelle Islam in dieser Frage ein?

Der traditionelle Islam ist heute nicht so leicht zu finden. In meinem Buch Bombing without Moonlight versuche ich Selbstmordattentate als Konsequenz der Modernisierung und zugleich als Reaktion auf sie zu beschreiben. Traditionell würde man es bid’a’ nennen – eine verwerfliche Innovation. Bei einer strikten Anwendung der klassischen Rechtsmethodik käme man zu diesem Rechtsurteil (Fatwa). Wenn man sich ansieht, was in heutigen Fatwas von Takfiris (Takfir machen= andere Muslime zu Ungläubigen erklären, die Red.) und Autoren der Muslim-Bruderschaft über Selbstmordattentate geschrieben wird, ist man erstaunt über die sich dort offenbarende Unkenntnis der traditionellen juristischen Methodik. Die hässliche Fratze des Terrorismus ist ein eindeutiges Zeichen des Niedergangs der juristischen Mechanismen, die viele moderne Muslime anwenden.

Welche Rolle spielt der Wahhabismus? Hat die wahhabitische Ideologie den Terrorismus befördert? Kann man das verallgemeinern, oder gibt es da verschiedene Richtungen?

Der Wahhabismus ist keine einheitliche Bewegung. Wie alle Fundamentalismen neigt er leicht zu Spaltungen. Seinem Wesen nach handelt es sich um eine Art des reformierten Islam: Er hält an der wortgetreuen Bedeutung des Koran fest und richtet sich gegen die islamische Theologie, den Aberglauben und die Mystik. Im Grunde kommt keines dieser zentralen wahhabitschen Prinzipien dem Terrorismus entgegen. Und tatsächlich lehnt der offizielle saudische Wahhabismus Selbstmordattentate und al-Qaida strikt ab. Das Problem besteht darin, dass, vergleichbar mit der europäischen Reformation, eine relativ homogene Tradition sich plötzlich in viele miteinander konkurrierende Richtungen aufsplitterte.

Der reformierte Islam lässt sich schwer festlegen: Er führt nicht notwendigerweise zum Terrorismus, aber man kann beobachten, dass praktisch alle „islamistischen Terroristen“ der ein oder anderen Form der wahhabitischen Religion angehören. Trotzdem sollten Salafiten und Wahhabiten nicht von vorneherein als Leute stigmatisiert werden, die Gewalt gegen Zivilisten unterstützen – sehr oft entspricht dies einfach nicht der Wahrheit. Angesichts der Feindseligkeit, die gegenwärtig gegenüber Muslimen herrscht und der Tatsache, dass stets einfache Erklärungen gesucht werden, müssen wir unbedingt klar zwischen Untergruppen differenzieren.

Übersetzung: Holger Hutt
 
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Jörg Teichmann schrieb am 26.10.2009 um 22:01
Dann hat der Islam wohl genau so viel mit dem Terrorismus zu tun, wie das Christentum mit dem Kapitalismus?
agathon schrieb am 27.10.2009 um 00:37
übrigens bereits in der Antike finden wir Stimmen, die Maßlosigkeit im Breich des Finanzwesens verurteilen; zum Beispiel bei Aristoteles, der den Zins mit Wucher gleichsetzt.


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