Ja, ich gebe es zu: Auch ich habe in der Wikipedia schon Artikel löschen lassen. Auch ich gehöre zu den verständnislosen Menschen, die freies, kostenlos verfügbares Wissen der Allgemeinheit vorenthalten wollen. Die die Arbeit eines Autors zerstören, bevor andere sie verbessern und auf ein ansprechendes Niveau heben können. Die sich an formale Kriterien von Relevanz halten, wenn sie möglicherweise nur unliebsame Themen und Ansichten aus dem Lexikon heraushalten wollen. Die angeblich auf Klasse statt Masse setzen. Und dabei kein schlechtes Gewissen haben.
Wie es bei mir dazu kam? Eher per Zufall, denn ich bin bestimmt keiner der „Admin-Faschos“, die mit lodernden Flammenschwertern den Zugang zur Wikipedia so unbarmherzig bewachen wie die Kerubim den Eingang ins Paradies. Dadurch bleibt es mir in der Regel auch erspart, mit ernsthaften Argumenten darüber zu streiten, ob Artikel über das Ostfriesenabitur, den österreichischen Schuhmacher Alfred Schütz oder den tschechischen Hofzauberer Rumburak der wissbegierigen Welt erhalten bleiben sollen (alles Löschanträge vom 28. Oktober 2009). Aber gelegentlich stolpere auch ich über einen Artikel, bei dem ich denke: Was bitte hat das in einer Enzyklopädie zu suchen?
Erfolgreich waren meine Löschbemühungen beispielsweise bei Einträgen, die in stilistisch schlechter Form Texte von Kurt Tucholsky zusammenfassten. Die Feuilletonartikel – im Original so lang wie dieser Text – noch einmal in indirekter Rede wiedergegeben und ohne weitere Erläuterung abgehandelt haben. Wobei Letzteres verständlich ist, da Tucholskys Texte in der Regel für sich sprechen und es keinen Sinn ergeben würde, die Erklärungen aus der Gesamtausgabe noch einmal haarklein in der Wikipedia nachzukauen.
Wo zieht man die Grenze?
Was gegen den Verbleib solcher Einträge in einer Enzyklopädie spricht, ist aber vor allem die Überlegung: Und die anderen 3.000 Tucholsky-Texte? Was passiert mit denen? Wann erfüllen sie, wie beispielsweise die Erzählung Schloß Gripsholm, das Kriterium eines literarischen Werks? Wer damit anfängt, kommt nicht umhin, jeden Zeitungsartikel, jedes Gedicht eines in der Wikipedia vertretenen Autors enzyklopädiewürdig zu erachten. So wie Franz Kafkas Minirezension Ein Damenbrevier, über die es tatsächlich einen Artikel gibt. Da kann es nur heißen: Wehret den Anfängen. Denn jeder Artikel, der in der Wikipedia steht, soll ja entsprechend überprüft, ausgebaut und gepflegt werden. Sonst heißt es wieder, wie Kindler-Herausgeber Heinz Ludwig Arnold im Vorwort zur neuen Literaturlexikon-Ausgabe anmerkte, dass die Wikipedia „oft unkritisch, ungefiltert, selten wirklich professionell geprüft und deshalb im Grunde doch unzuverlässig“ sei. Wobei Arnolds Behauptung allerdings nicht einmal von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung unwidersprochen hingenommen wurde.
Ebenfalls hat mir vor einiger Zeit nicht gefallen, dass ein Wikipedianer partout den Begriff „Wikiprawda“ etablieren wollte. Als „ironisches Schmähwort“, wie es von „manchen Kritikern“ genutzt werde. Das Problem an der Sache: Zum Zeitpunkt des Artikeleintrags lag die Zahl dieser Kritiker weltweit bei ungefähr zwei. Darunter Bernd Graff, als stellvertretender Chefredakteur von sueddeutsche.de nicht gerade ein Freund der „neuen Idiotae“, wie er die Web-2.0-Anwender einmal bezeichnete. Bei der „Wikiprawda“-Löschung halfen die Wikipedia-Richtlinien, die in diesem Fall lauteten: „Wikipedia dient nicht der Theoriefindung, sondern der Theoriedarstellung. In ihr sollten weder neue Theorien, Modelle, Konzepte, Methoden aufgestellt noch neue Begriffe etabliert werden.“ Derzeit befindet sich „Wikiprawda“ übrigens auf der Liste der gesperrten Titel, vermutlich eine der umfangreichsten Schimpfwörtersammlungen im Internet.
Vieles übersteht die Löschdiskussion
Auch wenn die aktuelle Debatte um die Artikellöschungen einen anderen Eindruck zu erwecken scheint: Es ist eher erstaunlich, wie viele Einträge tatsächlich die Löschdiskussionen überstehen. Würde ich mich regelmäßig an den Debatten beteiligen, plädierte ich vermutlich wesentlich häufiger für das Löschen. Denn eines scheint vielen Nutzern nicht klar: Die Wikipedia entscheidet nicht darüber, was in der Welt und für einen persönlich relevant ist. Sie will nur festlegen, worüber sinnvolle enzyklopädische Texte erstellt werden können und was darum für das Lexikon selbst von Bedeutung sein könnte. Gerade die Tatsache, dass nicht jede Person, nicht jeder Begriff aufgenommen werden, macht es aber für viele interessant, mit einem Artikel vertreten zu sein. Denn genau damit soll eine gewisse Relevanz suggeriert werden. „Oh, dazu gibt es sogar einen Wikipedia-Eintrag“, denkt der unbedarfte Internet-Nutzer. Dann wird an der Sache schon etwas dran sein.
Man darf mit Spannung erwarten, ob das Ostfriesenabitur, Schuhmachermeister Schütz und Hofzauberer Rumburak die Feuerprobe der Löschdiskussion bestehen werden.
Friedhelm Greis ist Journalist in Berlin und arbeitet seit 2004 mit an der Wikipedia.
Der Streit darum, welche Themen relevant genug sind, einen eigenen Wikpedia-Eintrag zu bekommen und welche nicht, ist fast so alt, wie das Mitmach-Lexikon selbst. Es gibt die Inklusionisten, die finden, in den Weiten eines Online-Lexikons sollte für jedes Thema Platz sein. Ihnen gegenüber stehen die Exklusionisten, die Auswahl und Qualität betonen und die Wikipedia nach dem Vorbild einer klassischen Enzyklopädie gestalten wollen. In den letzten Wochen hat sich der Streit um die Relevanzkriterien auf den Wikipedia-Seiten und in vielen Blogs zugespitzt, nachdem der Eintrag des Vereins „Missbrauchsopfer gegen Internetsperren“ (MOGIS) gelöscht wurde. Wikimedia Deutschland hat daher für den 5. November zu einer Diskussion nach Berlin eingeladen, wo über Sinn und Unsinn der Relevanzkriterien gesprochen werden soll. jap
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das ist vollkommen entgegengesetzt der funktionsweise des internets und übrigens einer der gründe, warum immer mehr leute nur noch die us-wikipedia benutzen.
und ehrlich gesagt... mir ist das schon fast zu dämlich um es überhaupt noch zu diskutieren. wenn ihr nen brockhaus wollt, der höhnerischerweise diesen relevanz-fanatikern auch noch als basis-referenzwerk diente.. dann baut euch doch euren eigenen brockhaus auf. nehmt die verdammten daten und geht, tobt euch aus und in 5 jahren schauen wir dann wer noch die relevanz hat. und wer wissen will, warum wikipedia keine relevanzkriterien braucht, der darf sich für sein iphone gerne mal apps wie rezepte-wiki (www.rezeptewiki.org), tune-wiki (www.tunewiki.com) oder wikihood (www.dawikihood.com) holen und über das potenzial von wikipedia nachdenken .. wenn google-view seine bisher miesen POI (points of interesst) bspw. durch wikihood ergänzt, dafür seine spenden abdrückt und alle was davon haben. aber ja und genau .. relevanzkriterien, definiert über admins, verhindern respektive verzögern diesen fortschritt. in deutschland schafft man es selbst bei einer wikipedia noch die kleinstaaterei und zerfledderung von wissen einzuführen. wenigstens ist die datenbasis offen und somit übernehmbar. dass beim freitag übrigens als erstes diese sicht der dinge besprochen wird war mir bereits klar, als die diskussion losging. wikipedia muss nicht die texte von tucholsky in zusammengefasster form beinhalten (wenn schon dann die originaltexte), darum gings auch nie. dieses beispiel ist eine absolute verzerrung der realität. mfg mh |
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"dass beim freitag übrigens als erstes diese sicht der dinge besprochen wird war mir bereits klar, als die diskussion losging."
das ziehe ich zu 70% zurück :P www.freitag.de/alltag/0944-wikipedia-relevanzkriterien-freies-wissen |
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"dass beim freitag übrigens als erstes diese sicht der dinge besprochen wird war mir bereits klar, als die diskussion losging."
Warum denkst Du das? Sind sie hier doch elitär und zu hierarchie- und expertengläubig oder ist es komplizierter? Gruß |
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"das ziehe ich zu 70% zurück :P"
Dann erklär mir die 30 Prozent. |
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Ja, so ist das mit den vielen Stimmen, die da draußen im Netz sind...
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weil se in der berichterstattung bisher sehr berechenbar waren. natürlich in dem moment nicht und unbemerkt, als ich mich über diesen artikel erregte und diesen autor und überhaupt dieses unsägliche thema grrrr
äh.. 30% verbleiben, weil der spiegelfechter sich nicht wirklich aus der deckung traut. der verpackt das nur mal wieder so als ob aber nicht so richtig ganz. mfg mh |
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@jan pfaff: kündigt es halt direkt als diskussionsbeiträge an und schreibt das einfach drüber, als beteiligung des freitags an diesem gesellschaftlich relevanten dingens etc.pp
dann ist klarer, dass da zwei stimmen sind. :P "wuff, ich will da rein" .. hatte mich jetzt nicht wirklich daran glauben lassen.^^ mfg mh |
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Naja, ich sach mal: "Wikipedia I", "Wikipedia II" und unter einander ist es auch verlinkt. Wenn man nicht gleich losdrischt, sondern erst mal Luft holt, hätte man das vielleicht sehen können.
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schrieb am
04.11.2009 um 09:57
Lieber MH120480,
"der darf sich für sein iphone gerne mal apps wie rezepte-wiki (www.rezeptewiki.org), tune-wiki (www.tunewiki.com) oder wikihood (www.dawikihood.com) holen und über das potenzial von wikipedia nachdenken" warum in aller Welt sollte Wikipedia sämtliche anderen, speziellen Projektideen, die es im Netz gibt, aufsaugen? Hat nicht jedes Netz-Projekt ein inhaltliches Konzept, mit dem es sich profilieren darf und soll? "relevanzkriterien, definiert über admins" Soviel Zeit muß sein: Relevanzkriterien werden *nicht* über Admins definiert. Über die Zulässigkeit und Form von Episodenlisten von Fernsehserien etwa wurde monatelang diskutiert und schließlich durch ein großangelegtes Meinungsbild (i.e. Abstimmung) mit hunderten von Teilnehmern entschieden. Andere Themen werden je nach Herzblutanteil ähnlich vehement diskutiert und ein vorläufiger Konsens als Kriterien festgehalten. Dieser kann in einem Jahr schon wieder völlig anders aussehen - das Merkmal eines offenen Projektes in Entwicklung. "in deutschland schafft man es selbst bei einer wikipedia noch die kleinstaaterei und zerfledderung von wissen einzuführen." Soviel Zeit muß sein: Die deutschsprachige Wikipedia ist nicht die von "Deutschland". Zu "Kleinstaaterei und Zerfledderung": Sie plädieren also für eine Monopolisierung von Wissen in der Wikipedia? "wenigstens ist die datenbasis offen und somit übernehmbar." Richtig. Freies Wissen eben, nicht monopolisiertes. Gruß, h. |
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"warum in aller Welt sollte Wikipedia sämtliche anderen, speziellen Projektideen, die es im Netz gibt, aufsaugen?"
soll es nicht. es soll das sein was es ist damit es die basis für solche projektideen beiten kann. genau so rum funktioniert das netz. "Soviel Zeit muß sein: Die deutschsprachige Wikipedia ist nicht die von "Deutschland"." sie wird es aber gerade, denn sie hebt sich genau dadurch von z.b. der englischsprachigen ab, in der ich meine computerspiele ebenso finde wie comics und co und mich nicht darum kümmern muss, dass es irrelevant für irgendwen werden könnte und dann verschwindet. "Zu "Kleinstaaterei und Zerfledderung": Sie plädieren also für eine Monopolisierung von Wissen in der Wikipedia?" die rückfrage ist vollkommen am thema vorbei. wer wissen sammelt, monopolisiert es nicht. es wird monopolisiert, wenn wikipedia die einzige quelle für wissen werden sollte und dann an diesem wissen nach gutdünken rumgeändert wird .. z.b. indem man informationen weglässt, weil sie nicht relevant genug sind. "Andere Themen werden je nach Herzblutanteil ähnlich vehement diskutiert und ein vorläufiger Konsens als Kriterien festgehalten. Dieser kann in einem Jahr schon wieder völlig anders aussehen - das Merkmal eines offenen Projektes in Entwicklung." wer da die einschläge noch nicht spürt ... nuff said. mfg mh |
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Der Eintrag in der Wikipedia zum Thema Relevanz wurde zur Löschung vorgeschlagen.
Subjektive Relevanzkriterien sind Mist. |
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Freitag?
Ich möchte hier mal diese ins sinnlos geratene Diskussion in eine andere Richtung lenken, und muss mich dafür sogar registrieren. Ich hasse Registrierungen. Vielleicht sollte man sich mal bei der ganzen Löschdiskussion mit den Ideen des Erfinders des Internets auseinander setzten. Bekannt ist Tim-Berners Lee beim Cern in der Schweiz geworden. Er hat Ideen zum Internet, die bis heute noch nicht vollständig umgesetzt wurden, das war 1991. Er wollte Informationen für jeden Mitarbeiter frei zugänglich und editierbar machen. Genau dieses Ansatz verfolgt die wikipedia. Informationen für die Mitarbeiter (heute Menschen im Netz) frei zugänglich zu machen. Ich verstehe nicht wie sich einige wenige (auch hunderte sind wenige global gesehen) über die Sinnhaftigkeit, eines Artikels gedanken machen. Denn genau das bedeutet Relevanz. Nur weil der Admin keinen Sinn darin sieht, und vielleicht hundert Editoren auch nicht braucht es doch nicht gelöscht zu werden. Es gibt einige Dinge die m.E. raus genommen gehören. Das sind nicht belegte Annahmen. Wobei wir direkt bei dem Grund der Löschdiskussion wäre. Mogis. Dem Mogis-Artikel haben eventuell ein paar Information gefehlt, aber die hätten mit gesundem Menschenverstand und ein paar verständlicheren Admins leicht Nachgetragen werden können. Das ist genau das was die Wikipedia eigentlich nicht wollte, das sie durch bornierte Admins selbst getötet würde. Die wikipedia in deutscher Sprache wurde grad erwachsen, als die Admins oder Leute wie Du angefangen haben Löschanträge zu stellen. Lasst doch den Leuten schreiben die Spaß am suchen von Informationen haben. Nicht wie solche die nur darüber diskutieren ob es Relevanz respektiere Sinnvoll ist. Ich finde da versuchen Admins sich eines Projektes zu ermächtiges, welchen nicht ihres ist, sondern der wiki-community Viele Grüße Marcus Radisch P.S.: Hat den Punkt Presse und Meinungsfreiheit schon mal einer in dem Zusammenhang betrachtet? Ach ja die gibts ja nicht mehr in D. |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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