Wochenthema

Die Freitag-Audioslideshow zum 9. November 1989

Wende | 05.11.2009 05:00 | Nana Heidhues

Ansichten einer Revolution

Wenn vom Mauerfall gesprochen wird, sind oft allerhand schablonenhafte Bilder im Spiel. Doch das Erleben der Einzelnen entzieht sich eindeutigen Zuordnungen

Es ist in diesem Jahr schon viel geschrieben, erzählt und interviewt worden zum 20. Jahrestag der Wende. Oft ist von Gewinnern und Verlierern die Rede, von denen, die es nach 1989 „geschafft“ haben und jenen, die „gescheitert“ sind. Triumph und Niederlage, Täter und Opfer, Stasi-Offiziere und Bürgerrechtler – allerhand schablonenhafte Bilder geistern durch die deutsch-deutsche Erinnerungslandschaft.

Doch das individuelle Erleben entzieht sich den scheinbar eindeutigen Bildern. Der Freitag will daher in seinen Wendeporträts persönliche Rückblicke einfangen, Geschichten jenseits der großen Erzählung vom Mauerfall. Es wurden ehemalige DDR-Bürger aus verschiedenen Berufen und Gesellschaftsschichten, aus der Hauptstadt und vom Land gefragt, wie sie die großen Umwälzungen im Kleinen erlebt haben. Was sich am Arbeitsplatz, in der Familie, im Alltag verändert hat, was seit damals in ihrem Leben passiert ist und wie sie heute darauf zurückblicken. Vier Frauen und zwei Männer haben ihre Wohnzimmertüren geöffnet, in ihren Fotoalben geblättert, in alten Kisten gekramt und in ihrem Gedächtnis. Herausgekommen ist eine Momentaufnahme ostdeutscher Erinnerungen in Bild und Ton, fotografiert von Studierenden der Berliner „Ostkreuzschule für Fotografie“.

Da ist die Grafikerin, die sich erinnert, wie es war, der erste „Vorzeigeossi“ in einem westdeutschen Callcenter zu sein. Der ehemalige Feldbaubrigadier, den die Wende auf einer Reise in die BRD überraschte und der heute – nach vielen Neuanfängen – Esel züchtet. Die Studentin aus Chile, die in Ostberlin statt an der Universität in einer Nähfabrik landete und das Lebensgefühl der DDR noch immer vermisst.

Geschichten voller Nachdenklichkeit, Selbsterkenntnis und Humor, von Menschen, die sich weder als Gewinner noch als Verlierer fühlen. Sie erzählen von Umwegen, von plötzlichen Brüchen im Vertrauten und dem zögerlichen Herantasten an das Neue. Vom Zweifel über das, was war, und der Angst vor dem, was kommen würde. Von herben Enttäuschungen und unerwarteten Glücksfällen. Und vom eigenartigen Gefühl, in einem Land gelebt zu haben, das es nicht mehr gibt.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Ludwig Hasselberg schrieb am 05.11.2009 um 13:05
Eine geniale Sache! Ich habe den Leuten in den Audioporträts gerne zugehört. Eine interessante Auswahl haben sie da getroffen. Besonders interessant fand ich die Beiträge der beiden Frauen, von denen ich aufgrund ihrer besonderen Herkunft noch mal einen anderen Blick auf die DDR-Verhältnisse erwarten würde, vielleicht einen etwas freieren mit Blick auf die üblichen DDR-Befindlichkeiten, also die sorbische Bürgermeisterin und die Exil-Chilenin. Wohltuend, dass man Leute hat einfach erzählen lassen (wobei, man weiß ja nicht, was weggeschnitten wurde...?) - eine absolute Ausnahmeerscheinung im Medienrummel zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, der in seiner Phrasenhaftigkeit und Vorhersagbarkeit genau an die Verhältnisse erinnert, deren Überwindung man zu feiern glaubt, nämlich die ideologische Geistesstarre in der DDR.
Die Journalistin aus Mecklenburg, sie hat von ihrer Zusammenarbeit mit einer "West-Chefin" berichtet. Beide hätten sich typische Bilder angesehen (von Pionieren usw.) und dann sehr emotional gestritten über den passenden Text dazu. Die Frau aus dem Westen fand es sehr paramilitärisch, die Frau aus dem Osten fühlte sich unfreiwillig angegriffen. Zu guter Letzt hätte man sich darauf geeinigt, dass jeder seinen eigenen Text zum genau gleichen Bilderablauf schreibt. Genau das müsste man doch auch mal machen, in den Medien. Das wäre ehrlich, auch gegenüber unterschiedlicher Wahrnehmung.

PS: noch eine Anmerkung, die nur freundlich gemeint ist... Ich fand die Handhabung der Audiokommentare recht umständlich. Erstens liefen die Beiträge in meinem Standardbrowser nicht (Opera, ansonsten stellt sich aber der Freitag auch dort recht gut dar), und zweitens fehlten mir die schnellen Links zurück zur Beitragsübersicht. Fand ich nicht sehr benutzerfreundlich. Ich nehme die Mühe natürlich auf mich, doch würde das auch ein potentieller Neu-Leser tun?
udolihs schrieb am 06.11.2009 um 17:55
Jenes Schwelgen in Erinnerungen an die DDR lassen meine Erinnerungen kreisen, Erinnerungen an Kindergarten- und Schulzeit, mehr habe ich ja von der DDR nicht erlebt, ich war 12, als die Wende über mich hereinregnete. Ich erinnere mich, wie ich im Kindergarten auf einem Stuhl saß, ein Fotograf stand vor mir und meine Kindergärtnerin im weißen Arztkittel zwang mich zum Lächeln....

Weiter...: udolihs.de/
Scharfenorth schrieb am 09.11.2009 um 23:21
Weiter....:udolihs.de/
Jeder machte seine Erfahrungen. Ich stamme auch aus der DDR. Doch an derartige Restriktionen kann ich mich nicht erinnern. Ich warne davor, Einzelfälle zu verallgemeinern. Obwohl mich der Pionier- und FDJ-Mist auch angestunken hat, wirklich bedrängt gefühlt habe ich mich nie. Da mag gut auf Kinder von Pfarrern und Dissidenten (Hut ab!) zutreffen, auf die Gesamtheit ganz bestimmt nicht. Wir haben sowohl in der Schule als auch beim Studium eine gute, kostenfreie Ausbildung erhalten - ganz besonders im naturwissenschaftlichen Bereich/in Geschichte natürlich nicht. Ich habe mit meinen Kenntnissen hier im Westen super punkten können. Und ich zweifle stark an der Urteilsfähigkeit eines Zwölfjährigen - zumindest in Grundsatzfragen.
Die in fast allen westdeutschen Medien betriebene Schwarzmalerei hat das Geschichtsbild von Deutschland unendlich verzerrt. Hört Euch mal an, was der Schauspieler Josef Liefers gestern bei ttt (ARD) gesagt hat oder lest sein Buch "Soundtrack meiner Kindheit". Dort wird das Bild rund.
Ulrich Scharfenorth, Ratingen
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