der Freitag

Kultur

Bildung | 30.11.2009 15:40 | Antonia Baum

Keine Zeit!!

Studenten fragen sich gegenseitig nach dem Alter. Manche erzählen, dass sie erst 18 sind. Sie wollen schneller sein als ihre Tischnachbarn.

 

22:32, Was machst du gerade?

"Ich habe große Zweifel.

Ich habe auch mehrere Konten:

Bank, Ebay, Facebook, Mail und Studium, heißt Campus-Management, Punktesystem.

Alles offen. Auf meinem Konto fehlt Geld. Hoffentlich verdiene ich davon später mal so viel,  dass ich mich über mein Gekauftes als Teil dieser Gesellschaft ausweisen kann. Also, ich meine schon der besseren. Schon gehobene Mittelschicht.

Ja, was kann ich dafür, dass es hier so einen hässlichen Riss gibt mit besser und schlechter!?! 

Es fehlt mir jetzt aber die Zeit, um darüber nachzudenken, denn das Studienkonto muss voll werden. Morgen Referat, kritische Theorie, schon spät. Fehlen noch vier Module. Ich muss mich beeilen, die kritische Theorie verschwimmt vor meinen Augen.

Aber wer Geisteswissenschaften studiert, kann wirklich nicht an die Zukunft gedacht haben, meint mein Vater und sagte auch schon mein Klassenlehrer.

Musste dann sehen, wie du klar kommst.

Romina ist jetzt fertig, Skandinavistik und Geschichte. Es ist ihr peinlich, aber sie bekommt Harzt IV auf ihr Konto. Überall Konten.

 

Ich habe Angst.

Ich habe auch mehrere Praktika gemacht. Wirklich keine Zeit verloren.

Je jünger, desto besser und es kostet ja auch alles Geld, das nicht da ist.

Ja, wir leben in einer schwierigen Zeit. Die Mechanismen sind komplex. Es ist kompliziert, sagen Politiker und auch sonst jeder.

Nun, die Studenten haben insgesamt einfach zu lange studiert. Wir müssen wettbewerbsfähig bleiben, das ist eine ganz einfache Rechnung:

12 Jahre bis zum Abitur,

Bachelor,

Master.

Wenn alles gut geht (wenn man nicht zu den Seiten sieht und keine Zeit verliert), dann kommt schon nach 21 Jahren (max. 23 J.) ein richtig fertiger Mensch aus dem Bildungssystem raus!!!

Sofort einsetzbar!!

Yeah!

Thumbs up!

 

Ich habe keine Zeit mehr.

Ich habe zu wenig Schlaf, aber wirklich früh genug angefangen mit dem Referat.

Los jetzt!

Zur allgemeinen Beschleunigung wurden linierte Bahnen ausgerechnet. Man muss sie nur befolgen, ganz leicht. Es geht streng geradeaus, ganz ohne Umwege. Vorwärts!

1. Schule: 12 Jahre.

Meine Schwester ist 18 alt und muss in der Schule einmal die Woche zum Zukunftskurs. Man lernt dort, wie man auf dem Markt überleben kann:

"Ihr müsst ein sehr gutes Abitur machen, 1, 0 – 1, 5 … damit Ihr einen guten Studienplatz bekommt. Die NC' s ziehen an."

Theresa heult aus Angst um ihren Schnitt und vor ihren Eltern.

"Fremdsprachen, geht ins Ausland, möglichst während des Studiums, aber seht zu, dass ihr dabei keine Zeit verliert."

Jonas sagt, er geht nirgendwohin, er will schnell fertig werden.

"Du willst Architekt werden? Architekten werden in zehn Jahren überhaupt nicht mehr gebraucht!"

Verena studiert jetzt lieber auf Lehramt.

Angst presst auf die Bahn nach Arbeitsmarkt. Weiter ins Studium!

2. Uni: 3, max. 5 Jahre.

Da sitzen Leute und fragen sich gegenseitig nach dem Alter. Das zählt als Währung, Kontostand. Manche erzählen, dass sie erst 18 sind. Sie wollen schneller sein als ihre Tischnachbarn. Durchziehen! Nebeneinander auf linierten Bahnen in die Hörsäle nach Erfolg und Arbeitsplatz marschieren.

Wir werden Karriere und ausführende Kräfte!

 

 

Ich liege auf dem Schreibtisch und schlafe.

Ich liege wirklich nur kurz.

Gleich geht es weiter mit kritischer Theorie.

Augen zu.

Man sieht nur seine Bahn. Man rennt und sieht nicht mal, dass es eine ist und warum und kann nichts anderes mehr denken als Bahn nach Vorschrift. Bahngesellschaft.

Es kann noch einiges begradigt werden, am besten von uns, die wir Bahn gelernt haben.

Ich denke nur noch in Bahnen und hinter mir rennen Eltern, Lehrer, Politiker und Dozenten, gefolgt vom Arbeitsmarkt. Sie haben die linierten Bahnen gedacht und betoniert. Man fand das vernünftig. Die Bahnen sind zweckmäßig und deswegen muss ich da jetzt lang und das alles kann nur so sein, weil ihre Architekten nicht verstanden haben, was sie da machen, träume ich, denn, ja, wir leben in einer schwierigen Zeit. Schwer zu verstehen.

Die Mechanismen sind komplex, es ist kompliziert, sagen Politiker und auch sonst jeder. Deswegen braucht man mehr Zeit um die Zeit zu begreifen. Mehr Zeit für Lesen, Denken und Reden, aber das haben sie einfach auf ihrer Rechnung vergessen, denke ich, reiße mir die Augen auf und hacke mein Referat zu Ende.

Und ich habe große Zweifel.

Aber wirklich keine Zeit dafür, da ich mich um meine Konten kümmern muss."

 



der Freitag Artikel-URL: http://www.freitag.de/community/blogs/antonia-baum/kontoverwaltung

Copyright © der Freitag Mediengesellschaft mbh & Co. KG