Alltag

Alltagslektüre | 04.12.2009 15:00 | Mikael Krogerus

Nackte, kalte Angst

In seinem Buch "The Road" lässt Cormac McCarty die Welt untergehen. Eine Katastrophe hat fast alles vernichtet. Nur eine Frage bleibt: Kann ein Mann seinen Sohn schützen?

Was habe ich gelesen?

The Road von Cormac McCarthy.

Seitenzahl: 307 Seiten

Amazon-Verkaufsrang: 35.303.

Warum habe ich es gelesen?


Es ist das jüngste Werk des meiner Meinung nach wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellers. Die Verfilmung kommt bald in die Kinos. Eine Faustregel: erst das Buch, dann der Film.

Worum geht es?

Die Welt ist untergegangen. Die Wälder sind tot, die Städte leer, auf den Straßen nicht mal Ratten. Die Sonne: verhüllt von einer gelb-grauen Staubwolke („by day the sun circles the earth like a grieving mother with a lamp“). Und überall ausgebrannte Autowracks und verkohlte Leichen, es sind die Opfer einer Jahre zurückliegenden Katastrophe, die fast alles Leben ausgelöscht hat. Die wenigen überlebenden Menschen kämpfen mit einer besinnungslosen Rücksichtslosigkeit und Brutalität um die letzten auffindbaren Essensvorräte. Wo sie keine finden, herrscht Kannibalismus.

Durch diese verbrannte Un-Welt stolpern ein Mann und sein Sohn Richtung Westen auf dem Weg zum Meer. Sie sind hungrig, verwahrlost, krank und in ständiger Angst vor den anderen Überlebenden. Manchmal finden sie Konservendosen oder unbeschädigte Einmachgläser. Und manchmal finden sie verlassene Feuerstellen, über denen ein verkohltes Baby auf einem Spieß brutzelt. Es gibt Szenen in dem Buch, die ich am liebsten vergessen würde. Aber wie der Mann seinem Sohn erklärt: "You forget what you want to remember and you remember what you want to forget" - du vergisst, woran du dich erinnern willst und du erinnerst dich an das, was du vergessen willst.

Durch Rückblenden erfahren wir, dass die Mutter sich kurz nach der Katastrophe die Pulsadern aufgeschnitten hatte und verblutete, nachdem klar wurde, dass der Vater nur noch zwei Kugeln in seinem Revolver hatte – eine zuwenig, um die Familie auszulöschen. Im Revolver des Vaters steckt inzwischen nur noch eine Kugel. Der Sohn soll sich damit in den Kopf schießen, falls sie in die Hände der Kannibalen fallen. Immer wieder schärft er ihm das ein. Und immer wieder überlegt er, seinen Sohn selbst zu erschießen, um ihn von der vor ihm liegenden Pein zu erlösen.

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Als der Sohn dem Tode nahe im Unterholz schläft, wirft sich der Vater auf die Knie und ruft Gott an. Ob er da sei. Ob er ihn endlich sehen würde. Ob er einen Hals habe, damit er ihn erdrosseln könne. Ob er  ein Herz habe. In knappen, abgehackten Dialogen diskutieren Vater und Sohn Grundsätzliches. Gut und Böse. Herkunft und Zukunft. Gott. Jedes Gespräch endet mit dem Versprechen des Vaters, seinen Sohn nicht alleine zu lassen. Nie. Auch nicht im Tod. Das Versprechen zieht sich wie ein Mantra durch das ganze Buch.

Am Ende erreichen sie das Meer, das sich als vergiftet und tot herausstellt. Wenig später stirbt der Vater aus Erschöpfung. Er bricht sein Versprechen. Der Sohn bleibt drei Tage bei der Leiche, dann wird er von einem Mann aufgegriffen.

Was bleibt hängen?

Es ist eine recht einfache, geradlinig erzählte Geschichte. Man hat keine Chance sich mit verästelnden Nebenhandlungen abzulenken oder über sinnlose B-Charaktere zu sinnieren – es geht immer nur um den Mann mit seinem Sohn und das Grauen. Es ist eine 300-Seiten-lange Meditation über körperlichen und geistigen Verfall. Was denkt man, wenn man so etwas Schreckliches wie The Road liest? Man fragt sich, was man selbst getan hätte (sich umbringen!). Man überlegt, ob die Welt wirklich untergehen kann (was ist aus der Atomabrüstung geworden, verdammt?!). Man grübelt, ob der Mensch dem Menschen wirklich ein Tier ist (vielleicht werden ja dereinst die wenigen Überlebenden händchenhaltend „Kumbaya My Lord“ singen?). Und man fragt sich, ob Cormac McCarthys Erzählung eigentlich eine Parabel ist auf die Höllenqualen eines schwer depressiven Menschen. Nachrichten sozusagen aus der Einsamkeit.

Vor allem aber erlebt man eines beim Lesen: Angst. Kalte, nackte Angst. Die Angst kommt wohl daher, dass es sich hier nicht um ein Science-Fiction-Werk handelt. Es ist keine klimakritische Warnung, keine nukleare Zukunftsvision, keine weitere mccarthyeske Studie menschlicher Gleichgültigkeit und Brutalität wie in Blood Meridian oder No Country for Old Men. The Road ist auch keine Variation das ewigen Literaturlieblings: Vater-Sohn-Beziehungen. Aber es ist ein tiefer Blick in die größte Angst, die ich als Vater kenne. Die Angst, mein Kind nicht schützen zu können.

Wie liest es sich?

Das Buch enthält keine Anführungszeichen, die Personen tragen keine Namen, wir erfahren keine Fakten, keine Zahlen. Es enthält auch keinen einzigen überflüssigen Satz. Es ist ein großes Buch, das meinen Blick auf die Welt verändert hat. Ich ertappte mich dabei, wie ich mir, in einem Restaurant sitzend, plötzlich vorstellte, dass meiner Familie etwas zugestoßen wäre. Ich muss blass geworden sein, die Kellnerin, auch eine Frau vom Nachbartisch sprachen mich an. Nach einigen Minuten fasste ich mich wieder. Ich eilte nach Hause. Meine Frau war da, meine Kinder waren da. Alles war gut.

Das beste Zitat?

"He thought that in the history of the world it might well be that there was more punishment than crime."

Was lese ich als nächstes?

African Psycho, Alain Mabanckou

 
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Kommentare
Lethe schrieb am 04.12.2009 um 15:44
das Buch hatte mich sehr beeindruckt, ein kleines Meisterwerk, emotional allerdings kaum aufgewühlt. Ich fand die kalte nüchterne Sachlichkeit der Erzählung spannend, in der alle Emotionen der reinen Notwendigkeit des Funktionierens unterworfen sind, wenn der Vater dem Sohn z.B. erklärt, dass der bestimmte Träume nicht zulassen darf, weil er dann nicht überleben könne. Tatsächlich stirbt der Vater am Ende ja auch, weil (?) er diese Träume aus einer anderen, vergangenen Welt doch zugelassen hatte und darüber nicht mehr die Kraft fand, noch weiter zu machen; die Lungenentzündung, oder was immer es gewesen sein mag, scheint mir da nur Medium, nicht Ursache.

Das Grauen des Buches empfand ich als ein Meta-Grauen; es war das Grauen des Leser ob der Vorstellungen; der Vater schien mir schon längst über dieses Gefühl hinaus zu sein. So hundertprozentig habe ich das Motiv des Vaters auch nicht verstanden. Derartige Anstrengungen unternimmt man eigentlich nur, wenn sich eine Hoffnung daran knüpft. Die Hoffnung dieses Weges war von Anfang an leer; und auch der Umstand, dass der Junge am Ende Anschluss an eine kleine Familie findet, weist nicht über sich selbst hinaus. Der weitere Weg führt durch die Asche udn endet in der Asche.

Eigentlich halte ich das Buch für unverfilmbar; ich hoffe nur, dass für den Versuch nicht die paar wenigen Szenen, in denen tatsächlich Handlung im eigentlichen Sinne stattfand (z.B. in dem Haus mit der gefangenen Herde Menschen), über die Maßen aufgebläht werden.
Mikael Krogerus schrieb am 04.12.2009 um 21:14
Richtig, die Hoffnung des Vaters bleibt schleierhaft. Mehrfach deutet ja McCarthy eine irgendwie gearteten Glauben an, dazu passt ja auch die Überhöhung des Jungen in eine Art Erlöserfigur, aber letztlich scheint die Reaktion der Mutter – Selbstmord – in dieser wahnsinnigen Welt noch die normalste Reaktion. Der Vater wirkt ab Seite 1 jenseits von gut und böse. Das Buch ist unverfilmbar, denke ich auch. Und leider muss ich Ihre Befürchtungen bestätigen, der Film, so kann man lesen, soll die wenigen Spielszenen extrem auskosten (in der Hütte wird der Mann in das Kellerloch gerissen, in den Bunker kommen Eindringlinge, die Mutter (Charlize Theron) spielt eine viel grössere Rolle, der Film eröffnet mit der Katastrophe – naja). Hier der Trailer:
www.youtube.com/watch?v=hbLgszfXTAY
shewek schrieb am 04.12.2009 um 15:52
"Die Angst kommt wohl daher, dass es sich hier nicht um ein Science-Fiction-Werk handelt."

???

Der Rezensent kenn wohl (fast) keine Science-Fiction. Klar handelt es sich hier um solche. Handlung in der Zukunft, mehr oder weniger denkbares Szenario, das nicht offenkundig im Gegensatz zur wissenschaftlichen Erkenntnis steht, keine Fantasy-Elemente (Magier, Elfen und Dämonen) => also Science-Fiction.

Mainstream-Feuilletonismus meint immer, dass Science-Fiction so wie "Star Wars" sein müsste, also bestenfalls unterhaltender Mumpitz, also "Schundliteratur".

Im Gegenteil ...
Susanne Lang schrieb am 04.12.2009 um 17:45
"Mainstream-Feuilletonismus" - was genau ist das denn nun schon wieder?
Mikael Krogerus schrieb am 04.12.2009 um 22:32
Ja, die Handlung scheint bei einer oberflächlichen Lektüre dem Science-Fiction-Genre zugehörig (und keiner redet hier von Star Wars, ich bitte Sie). Viele Kritiker haben das auch als SciFi gelesen. Und das hätte McCarthy sicher auch gut gekonnt. Aber wie er die Geschichte erzählt, also das erinnert eher an Horror. An Gothic. An Jack London. Meinetwegen an Robinson Crusoe. Es spielt eben nicht in der Zukunft. Es spielt im jetzt. Und zwar mit einer sehr realen Angst – der oben beschriebenen.
Lethe schrieb am 05.12.2009 um 16:20
an Science Fiction habe ich auch keinen Augenblick gedacht während der Lektüre. Im Rollenspiel-Genre taucht seit einiger Zeit vermehrt das Szenarium der Postapokalypse auf; das ließe sich vielleicht auch in der Literatur nachweisen.

In Hinsicht auf das Sujet erinnert "The Road" an Merles "Malevil"; aber da, wo in "Malevil" noch etwas los ist - alles ist extrem schwierig geworden, aber die Figuren haben trotz allem realisierbare Wünsche, Pläne, Hoffnungen und können agieren - regiert in "The Road" ... ja, noch nicht einmal mehr Verzweiflung. Das äußerste Leid ist Welthintergrund geworden, es steht nicht mehr zur Disposition.
shewek schrieb am 06.12.2009 um 15:27
Kann ich Ihnen gern erläutern.

"Mainstream-Feuilletonismus" ist eine Wortneuschöpfung, vielleicht von mir, welche eine dominante Tendenz des Feuilletons auf den Begriff bringt: Wertvolle, rezensionswürdige Literatur zeichnet sich für das Mainstream-Feuilleton (MF) sogenannter Qualitätsmedien dadurch aus, "die Literatur" genannt werden zu dürfen, da sie "realistisch" und "mimetisch" ist und die nicht dem Schmuddelbereich "Genre" zuzuordnen ist.

Dort, im Genre der Nicht-Literatur, tummeln sich nach Ansicht der MF-Rezensenten eben vor allem billige, schundhafte, triviale, "rein unterhaltende" Bücher, die eben keine "Literatur", sondern SF, Fantasy, Horror, Historischer Roman, Liebesroman etc.pp. sind.

Haben Genre-Bücher auch noch Qualitäten psychologischer, charakterologischer und philosophischer Art, dann sind sie für den MF-Rezensenten natürlich auch kein Genre-Buch mehr, sondern eben "Literatur".

So hatte ich, wohl zu Unrecht, Herrn Kogerus verstanden mit seinem Satz "Die Angst kommt wohl daher, dass es sich hier nicht um ein Science-Fiction-Werk handelt." Dies hat er ja nun im Kommentar weiter und nachvollziehbar erläutert. Doch auch SF kann eine solche Angst hervorrufen ...

Im Gegensatz zum "Mainstream-Feuilletonismus" emfehle ich, auch "Genre-Literatur" als Literatur zu betrachten, die rezensionswürdig sein kann und in diesem Fall auch weiterhin als SF, Fantasy etc. benannt werden darf.

Es gibt da ein Zitat von Sturgeon:
"Sure, 90% of science fiction is crud. That's because 90% of everything is crud."
shewek schrieb am 06.12.2009 um 15:46
@ M. Krogerus:

Danke für die Ergänzung. Sie haben mir definitiv voraus, dass Sie das Buch bereits gelesen haben :-) Offenbar setzt McCarthy literarische Mittel ein, die in den von Ihnen genannten Genres und bei den erwähnten Autoren vorkommen. Tatsächlich ging ich davon aus, dass der Roman in einer fiktiven Zukunft angesiedelt sei, wie beispielsweise im SF-Subgenre "Endzeitromane". Man kann es also auch anders lesen.

Jedoch irritierte mich an Ihrem von mir zitierten Satz vor allem, dass sie eine bestimmte Wirkung, diese spezifische Erzeugung von Angst, mit dem Argument "ist nicht SF" verkoppelten. Ich kenne zwar auch nur einen kleinen Teil der SF-Literatur, doch es gibt meines Wissens keine Angst, die nicht _auch_ die SF bewirken könnte. Oft sind die besseren Bücher auch nicht nur einem Genre zugehörig, sondern sie können als Mischungen mehrerer angesehen werden ( ... siehe auch "slipstream (genre)" in der englischen Wikipedia).
shewek schrieb am 06.12.2009 um 17:27
@ Susanne Lang
Meine Antwort auf Ihre Frage ist versehentlich etwas weiter nach unten gerutscht ...

... Eine Ergänzung:
Der Freitag hat m.E. strukturell kein Mainstream-Feuilleton, faktisch kann ich es nicht beurteilen, da ich zu selten bislang die Kulturartikel und Rezensionen des Freitag gelesen habe. Aber mit Konkret und Jungle-World möchte ich Freitag eher zu subkulturellen Publikationen zählen.

Allerdings haben die letztgenannten wie auch die Mainstream-Feuilletons der SZ, FAZ usw. gemeinsam eine starke Schlagseite hin zur mimetischen ("realistischen" Literatur. "Genre" ist vielen wohl igitt.
Mikael Krogerus schrieb am 06.12.2009 um 20:07
@ shewek
Bin überhaupt kein Verächter von SciFi, finde zum Beispiel Philip K. Dick einen der grossartigsten Autoren des letzten Jahrhunderts – und dass das Mainstream Feuilleton das Genre belächelt… also da bin ich mir nicht so sicher. Spätestens Dietmar Dath mit seinem Science-Fiction-Fimmel im FAZ-Kulturteil hat das Genre doch salonfähig gemacht, oder?
Was (mir) bei Sicence Fiction Literatur immer passiert: ich lese es staunend oder ergriffen oder belustigt und sicher oft sehr gefesselt (Jules Verne!); aber fast nie mache ich Rückschlüsse auf mein Leben. Nie entwickelt sich diese existentielle Angst, dieses grundsätzliche Hinterfragen. Oder habe ich die falschen Science Fiction Bücher gelesen? Lasse mich gerne belehren.
Lethe schrieb am 07.12.2009 um 10:49
hmm, da müsste ich wirklich ernsthaft nachdenken, wann mich das letzte Mal ein Buch existentiell ergriffen hat. Das liegt vielleicht daran, dass in den Büchern - auch in den guten - die Autoren ihre Fragen an das Leben stellen und ihre Antworten darauf versuchen. Ich wiederum stelle meine Fragen an das Leben und versuche, meine Antworten zu finden; die Schnittmenge scheint verschwindend gering^^
shewek schrieb am 07.12.2009 um 13:31
@ Mikael Krogerus

Das FAZ-Feuilleton ist partiell wirklich eine Ausnahme, wohl eine Folge von Dath. Ansonsten findet SF in deutschen Zeitungen kaum und in Literatursendungen gar nicht statt. Ich denke es hat etwas mit einer allzu starren Haltung hier zu tun, Literatur muss für die meisten professionellen Rezensenten "ernsthaft" und fordernd sein: "Hochliteratur" = "realistisch" = das bürgerliche Leben problematisierend.

Ähnlich übrigens, wenn auch meist trivialer, im Bereich der Fernsehfilmproduktion: Es dominieren Dramen, Krimis, Familiensagas, Schmonzetten.

Anders ist dies in UK: "Speculative Fiction" hat dort einen höheren Stellenwert. Guardian und New Statesman berichten über SF, interviewen Autoren; und die BBC produziert SF-Serien.

SF, die einen individuell und existentiell anspricht, scheint mir auch eher selten, da gebe ich Ihnen recht. Die Masse des Genres ist doch eher "plot-driven" als "character-driven". Klassische Ausnahmen kamen aus der "New Wave" der SF: zB Brian Aldiss, James Graham Ballard, John Brunner, Samuel R. Delany, Philip K. Dick, Thomas Michael Disch, Harlan Ellison (siehe de.wikipedia.org/wiki/Science-Fiction#New_Wave).

Ich meine, dass SF im günstigen Fall eher einen spekulativ-"soziologischen" Charakter hat, während mimetisch-realistische Literatur ("Mainstream") meist psychisches Erleben in der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft thematisiert. Horror wiederum treibt dieses auf die schockierende Spitze.

Ich bin schon mal gespannt auf McCarty!


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