Alltag

Werbekritik | 09.12.2009 16:30 | Susanne Lang

Marx am Mülleimer

Studentische Lesekreise wollen Karl Marx Werk "Das Kapital" neu entdecken. Klar, warum auch nicht? Irgendwie nur muss man die super Idee den Leuten noch näher bringen...

Nichts gegen ältere Herren. Vor allem nicht, wenn sie gebildet sind. Und berühmt! Und vor allem schon gar nicht, wenn sie in aufgefrischter Optik an Mülleimern oder Straßenlaternenpfosten hängen. Irgendwo hat man für den Look-Wechsel ja Verständnis, ergraute Haare finden nicht alle Ladies sexy, eine krass ge-pop-up-te, knallgelbe Einfärbung des gealterten Gesichtshaarwuchses dagegen sehr! Und überhaupt, wer möchte schon alt aussehen in diesen modernen Zeiten.

Karl Marx, geboren 1818 in Trier, soll es neuerdings jedenfalls nicht mehr. Deshalb ruft die studentische Linke/SDS über grell lilafarbene Plakate in globalisierten, spätkapitalistischen Unzeiten nun dazu auf, den philosophischen Volkswirtschaftler „neu zu entdecken“. Unter dieser Devise und über seinem warholesk verfremdeten Konterfei findet sich das Instrument dafür: kapital-lesen.de.

Dort folgen neue Leitinformationen für die „Kapitallesebewegung“: „Diese Seite wurde verschönert und übersichtlicher gemacht. Neue Seite HIER: www.marx-neu-entdecken.de.“ Dort wiederum finden sich in einem der diversen Punkte einer Randspalte endlich konkrete Leseplanvorschläge für Lesekreise an Unis. Denn: "Das Kapital beinhaltet viele neue Begriffe, vor allem in den ersten vier Kapiteln. Und viele Lesekreise geben hier auf." Nein, das muss nun wirklich nicht sein! Und das würde mit Sicherheit auch jener Warhol nicht gut heißen, von dem sich die Plakat-Designer ihre Ästhetik geliehen haben. Aber der ging auch mit Warenfetischismus eher spielerisch um.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
mh schrieb am 09.12.2009 um 17:48
den marx im liberalen gelb daherkommen zu lassen, hat etwas zynisches in zeiten, in denen eine fdp nach der verstaatlichung von banken schreit. ich glaube nur nicht, dass die soweit gedacht haben, bei all dem chaos drum herum.

"Und überhaupt, wer möchte schon alt aussehen in diesen modernen Zeiten.
Karl Marx, geboren 1818 in Trier, soll es neuerdings jedenfalls nicht mehr."

:D

und während ich das kopiert habe, ist noch weiterer text aufgetaucht, den ich gar nicht sehe...

"Das ist Karl Marx. Der neue. Der krass gelb ge-pop-up-te mit cooler Schirmmütze."

vermutlich ne bildbeschreibung die sonst nicht auftaucht?

mfg
mh
zelotti schrieb am 09.12.2009 um 19:53
Marx ist herrlich zu lesen, wenn es nicht die nervigen Marxisten gäbe.
Susanne Lang schrieb am 10.12.2009 um 12:17
den muss ich mir merken ;)
jfricke schrieb am 10.12.2009 um 09:30
Das Motiv ist bereits über ein Jahr alt. Es gibt schlimmeres. Immer nur rot ist doch auch langweilig.
Giuseppe Navetta schrieb am 13.12.2009 um 06:04
Vielen Dank für den Artikel! Aber, auch wenn's jetzt belehrend, kratzbürstig und humorlos ist, da der kurze Artikel ja nur eine kleine Polemik darstellt:

Warenfetisch bei Marx und Kritik am Konsumfetischismus bei Warhol haben nicht soviel miteinander gemein!
Susanne Lang schrieb am 14.12.2009 um 15:43
Aber die Anmerkung ist doch weit davon entfernt, belehrend zu sein... :) ich wollte ja auch darauf hinaus, dass es wenig miteinander zu tun hat. Warum aber lehnt man sich dann an die Optik an? Gibt es da eine verborgene Message? Oder will man nur mal "zeitgemäß", ohne Bart sozusagen, daherkommen?
Giuseppe Navetta schrieb am 16.12.2009 um 10:40
Marx' sozioökonomische Analyse ist -bis zum heutigen Tag noch immer und an für sich schon recht "sexy" - bis auf ein paar Patzer wie dem tendenziellen Fall der Profitrate und anderen ähnlichen nicht so essentiellen Themen seiner Theorie - 'ne Pop-Art Verjüngung ist eigentlich nicht notwending. Wahrscheinlich will man sich "zeitgemäß" geben, wobei Pop-Art ja nun nicht gerade zu den aktuellen Trends zählt. Hauptsache die Veranstalter solcher Lesezirkel passen sich nicht dem geschmacklosen Design der Event-Firmen mit ihren prolligen Massenveranstaltungen an den Universitäten an.


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