Politik

Linkspartei | 23.01.2010 18:10 | Tom Strohschneider

"Nicht ersetzbar"

Oskar Lafontaine verlässt Bundestag und Parteivorsitz - bleibt aber eine wichtige Stimme der Linken. Die steht nun vor schwierigen Aufgaben

Am schnellsten war Bild: 11.03 Uhr meldete das Blatt auf seiner Webseite, dass Oskar Lafontaine nicht nur - das war bereits seit Ende der Woche erwartet worden - sein Bundestagsmandat abgibt. Mehr noch, und diese Nachricht hatte trotz aller vorherigen Spekulationen eine weitaus größere Tragweite, dass er auch im Mai beim Parteitag in Rostock nicht erneut für den Linken-Vorsitz kandidieren wird. Die Information kam direkt aus der Runde der Vorstandsmitglieder, die zu jener Stunde im Karl-Liebknecht-Haus tagten.

Bald liefen die ersten Kommentare über Twitter, wo sich etwa Björn Böhning von der SPD fragte: „Geschichte wiederholt sich?“ - den Unterschied eines sofortigen Rücktritts aus politischen Gründen wie im März 1999 und dem nun angekündigten Rückzug der Gesundheit verwischend. Auch eine Nachrichtenagentur spielte die historische Vergleichskarte aus und sendete eine „Analyse“, in der es hieß, Lafontaines „abrupte Wendungen sind berühmt-berüchtigt“ - da hatte sich der Saarländer öffentlich noch gar nicht geäußert.

Das geschah kurz nach 13 Uhr, und der Medienandrang bezeugte auf seine Weise, dass es sich hier um einen „historischen Tag“ handelt, wie es der Live-Kommentator von Phoenix ausdrückte. Zu der Zeit war im zum Bersten gefüllten Luxemburg-Saal schräg gegenüber der Berliner Volksbühne schon längst nicht mehr das Ob die große Frage, sondern eher das Warum? Lafontaine gab seine Antwort (hier das komplette Statement als mp3): „Ich habe heute dem Parteivorstand informiert, dass ich aus gesundheitlichen Gründen auf dem Parteitag nicht mehr für das Amt des Parteivorsitzenden kandidieren werde und auch mein Bundestagsmandat abgeben werde. Ich lege Wert auf die Feststellung, dass es sich ausschließlich um gesundheitliche Gründe handelt, und dass diese Entscheidung nichts, aber auch gar nichts, zu tun hat mit den Personaldiskussionen, die wir geführt haben in den letzten Wochen.“

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Der Krebs, ein Warnschuss

„Der Krebs war ein Warnschuss“, so der 66-Jährige, der auch an die Folgen des Attentats vom April 1990 erinnerte. Ob der Bitte des Linken-Chefs, seine Entscheidung und die dahinter stehenden Beweggründe zu respektieren, entsprochen wird, werden die nächsten Tage zeigen. Es lehnt sich wohl kaum zu weit aus dem Fenster, wer vorhersagt, dass die öffentliche Interpretation von Lafontaines Schritt durch andere Themen dominiert werden wird. Zu nah liegen die Personalquerelen der vergangenen Wochen, zu sichtbar sind die politischen Differenzen in der Linkspartei, zu viele offene Fragen bleiben nach dem Streit. Einen „Machtkampf“ zwischen ihm und Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch, so hat es Lafontaine am Samstag erklärt, habe er darin aber ebenso wenig gesehen wie eine Auseinandersetzung zwischen regierungswilligen Ost-und fundamentaloppositionellen West-Landesverbänden.

Richtig: Die Wirklichkeit der Linkspartei lässt sich nicht auf eine Die-gegen-Die-Erzählung reduzieren, wie es die meisten Medien getan haben. Sie ist weit vielfältiger. Unterschiedliche Erwartungen und Traditionen, jahrzehntelang getrennte politische Kulturen, miteinander konkurrierende programmatische Ansprüche - all das ist nicht in Ost-West-Schablonen und Realo-Fundi-Logiken zu greifen. Die Linkspartei lässt sich eher als ein Spannungsfeld begreifen, in der sich auch mal quer zu den bekannten Flügeln politische und taktische Übereinstimmungen bei einem Thema bilden - und bei einem anderen wieder auflösen.

„Vereinigung“ steht noch aus

Als sich Wahlalternative und PDS vor ein paar Jahren auf den gemeinsamen Weg machten, glückte eine organisatorische Fusion, eine parteipolitische Neugründung. Eine Vereinigung der gesellschaftlichen Linken (oder besser eines beträchtlichen Teils davon), war mit dem formalen Zusammengehen keinesfalls abgeschlossen. Eher hat sie im Sommer 2007 im Berliner Hotel Estrel begonnen. Das ist seit Wochen auch das Mantra von Gregor Gysi: Jetzt müsse die Vereinigung erreicht werden, ein Prozess, der nur gelingen könne, wenn die Beteiligten zur Selbstveränderung bereit wären. Und wenn die Bereitschaft existiert, den „Pluralismus zu ertragen“, der schon aus den Bedingungen des politischen Handelns erwächst: In Sachsen-Anhalt mit 30 Prozent Volkspartei zu sein ist etwas grundlegend anderes als in Bayern mit vier Prozent in der außerparlamentarischen Opposition zu agieren.

Dass damals im Mai 2005 überhaupt die ersten Schritte gemacht wurden, hat viel mit der Person Oskar Lafontaine zu tun. Vielleicht sogar alles, wie Gregor Gysi meint (hier das komplette Statement als mp3). Die Ankündigung des früheren SPD-Politiker, für ein gemeinsames Wahlbündnis zur Verfügung zu stehen, habe jenen Druck erzeugt, der auch manche Bedenken in WASG und PDS verdrängte. Viel, angefangen von den Wahlerfolgen vor allem im Westen bis zur Veränderung der politischen Agenda, so der Chef der Linksfraktion im Bundestag, sei ohne Lafontaine kaum vorstellbar gewesen. Es sei ja „nicht die Lage der Betroffenen“gewesen, die andere Parteien dazu gebracht hätten, ihre Positionen zu verändern - etwa in der Sozialpolitik. „Sondern die Form der politischen Auseinandersetzung, die wir gewählt haben.“ Was Gysi damit auch meinte, war der „politische Instinkt“ des Saarländers und seine Fähigkeit zur Provokation.

Charisma und Autorität

Wenn nun immer öfter von einem „Machtvakuum“ an der Spitze der Linken die Rede ist, dann wird damit nicht nur ein reales Dilemma beschrieben - immerhin wird auch der Co-Vorsitzende Lothar Bisky nicht wieder für diesen Posten antreten, ein neuer Bundesgeschäftsführer muss gesucht werden und mit Bodo Ramelow zieht sich ein weiterer „starker Mann“ aus dem Linken-Vorstand zurück. Über die Neuaufstellung der ersten Reihe wollte am Samstag niemand etwas sagen, lediglich die bereits seit längerem genannten Namen - Gesine Lötzsch, Petra Pau, Klaus Ernst und einige mehr - machten die Runde.

Eine andere Frage, die ebenfalls mit dem Bild von Vakuum verbunden ist, zielt auf die herausgehobene Rolle der Person Lafontaines ab. Es ist eine Geschichte von Charisma und Führungsfähigkeit, aber auch der Skepsis gegenüber einer Politik, die so stark auf Personen setzt. Es gab in der Linken immer beides: den Kult und die Kritik. Und mancher von denen, die 2005 noch meinten, besser ohne Lafontaine auskommen zu können, gehören nun zu denen, die am stärksten seine Entscheidung bedauern. Fast jeder in der Partei weiß beides zu erzählen: die Wertschätzung gegenüber dem Political Animal, dem Fachpolitiker und glänzenden Redner Lafontaine - und die Erfahrung, dass manche Größe auch mit Arroganz und Ich-Bezogenheit einhergeht, mit Autorität im schlechten Sinne des Wortes.

NRW-Wahl wirft Schatten voraus

Gregor Gysi hat Lafontaine heute als „nicht ersetzbar“ bezeichnet, er selbst verwies dagegen auf die entscheidende Kraft von „Inhalten und Strategie“ der Linkspartei. Und auf die wird Lafontaine zweifellos von Saarbrücken aus, wo er die Linksfraktion im Landtag führen wird, weiter Einfluss nehmen. Eine wichtige Frage werden die Bedingungen sein, zu der die Linke bereits ist, Koalitionen mit SPD und Grünen einzugehen. Dass Lafontaine dabei skeptischer ist als manch anderer in der Partei, ist bekannt. Per Grundsatzentscheid lässt sich diese Debatte aber kaum beenden - es ist eine Diskussion, die immer wieder den jeweiligen Realitäten vor Ort entsprechend geführt werden muss. Schon jetzt wirft die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ihre Schatten voraus, sie könnte zur Folie für die Programmdebatte werden, die sich die Linkspartei für die kommenden Monate aufgegeben hat.

In der Ankündigung Lafontaines haben Spitzenpolitiker von SPD und Grünen die Chance gesehen, die Strömungskonflikte in der Linken anzuheizen - oder das, was man dort dafür hält. Die stellvertretende Vorsitzende der Sozialdemokraten, Hannelore Kraft, bot Mitgliedern der Linkspartei einen Wechsel an und sprach von einer „Zäsur“. Grünen-Chefin Claudia Roth sagte, die Linke müsse sich nun entscheiden, „ob sie weiter den einfachen Weg in die polternde Fundamentalopposition gehen will oder die Chance ergreift, verantwortlich Politik zu gestalten“. Auch Klaus Wowereit meinte inzwischen, die ungeliebte Konkurrenz müsse nun eine finale Entscheidung „zwischen dem ideologischen linken Flügel und den Pragmatikern“ herbeiführen.

Die Linkspartei ist gut beraten, sich auf diese Vereinfachungen nicht einzulassen. Dass das in einer „Mediendemokratie“ nicht leicht ist, dürfte sie in den vergangenen Wochen gelernt haben.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
misterl schrieb am 23.01.2010 um 19:53
Stimmt schon...

"Die Linkspartei ist gut beraten, sich auf diese Vereinfachungen nicht einzulassen. Dass das in einer „Mediendemokratie“ nicht leicht ist, dürfte sie in den vergangenen Wochen gelernt haben."

aber nach der nun wahrscheinlich noch schwierigeren Wahl in NRW 2010 wird diese (Zerreiss-)Probe nicht schwächer in ihrer Erscheinung und die Debatte darum könnte am Ende zumindest für den alten Westteil der Republik durchaus berechtigt sein aus Machtpolitischer Pragmatiker-Sicht.

Der Punkt "Nicht ersetzbar" ist eben am Ende möglicherweise falsch. Natürlich sind Inhalte für eine/einer Programmpartei wichtig. Aber man braucht die Köpfe mit Ausstrahlung, die sie portieren und/oder Widersprüche relativieren lassen. Daran fehlt es tief im Westen ganz erheblich und sie müssen sehr schnell wachsen. Ansonsten gilt mein Absatz 1.

Mit Lafontaine geht der helle Schein im Westen. Dahinter ist viel Schatten unterwegs.
poor on ruhr schrieb am 23.01.2010 um 20:23
I am sad.

...aber wir schaffen das: 16 % in NRW! Schwarzgelb soll sich warm anziehen!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 25.01.2010 um 20:13
Da stimme ich mal zu!
rotstift schrieb am 24.01.2010 um 02:59
'Projekt linke Mitte' steht hier verlockend auf einem Button rechts der Blog-Leiste.

Dieses 'Projekt' ist kein Projekt, sondern die Fortführung des ewig alten Schleims mit neuen flippigen Leuten (z.B. ehemaligen Geschäftsführern). Mit Leuten, die die Neu-Benennung einer 'Rosa-Luxemburg-Straße' in Potsdam als Sozialismus verkaufen. Mit Leuten, die ohne rotzuwerden alten Genossen die Mär vom 'schuldenfreien Sozialismus' auftischen. Mit Leuten, die die Ent-Privatisierung des Banken-Sektors gar nicht mehr richtig finden.

Lafontaine repräsentiert das Beharren darauf, dass das System für die Integration der Linkspartei einen Preis entrichten muss. Mindestbedingungen bei Regierungsbeteiligungen, z.b. - einen Preis der Menschen draußen außerhalb der Politikblase zugute kommt.

Seinen Gegnern in der Partei ist dieser Preis piepegal. Sie sehen in ihm - sie sind alle techniker, die Damen und Herren - nur den Widerstand gegen ihren weiteren Aufstieg. Man muss sich nur mal die Frage stellen: Wer wäre von diesen Leuten noch in unserer Partei aktiv, wenn sie nicht in ihr einen (gutbezahlten) Job hätten?

Es ist sehr schade, dass die wirklich visionären Leute sich kaputtmachen lassen, während die Leute die auch als Bankmanager ihr Geld verdienen könnten, ungeschoren davon kommen.

Ich bedauere den Rückzug eines aufrechten Linken. Gruß aus dem Osten, R.
jayne schrieb am 24.01.2010 um 10:13
Lafontaine erklärt seinen rückzug, und schon läuft die denunziatorische maschinerie wieder auf hochtouren - auch der öffentlich-rechtliche rundfunk läßt sich nicht lumpen, ein potrait des politikers war z.b. übertitelt: "Politiker, Populist und brillianter Rhetoriker" s. www.tagesschau.de/inland/lafontaineportraet100.html
Kein wort davon, daß er mit seiner rhetorik es in sachen gesellschafts- und problemanalyse zumeist auf den punkt gebracht, welche veränderungen hier nötig wären, einer solidarisch verfaßten gesellschaft willen. Stattdessen werden vor allem die gelegenheiten aufgelistet, bei denen Lafontaine ämter oder mandate abrupt niedergelegt hat - man spricht in diesem zusammenhang von abrupten wendungen und paukenschlägen. Was in der darstellung indes völlig fehlt: daß diese "wendungen" zumeist von politischer aufrichtigkeit und innerer konsequenz des handelnden gekennzeichnet waren und sind ...
Tom Strohschneider schrieb am 24.01.2010 um 10:23
Demosthenes und Quergeist - was sagen die Zeitungen, die SPD, die Grünen und die Linken zu Lafontaines Rückzug? Mehr auf lafontaines-linke.de tinyurl.com/y8tx44g
Deaktivierter Nutzer schrieb am 25.01.2010 um 20:17
Für mich war Lafontaine zwar nie der Vordenker, aber immerhin doch ein "irgendwie" Linker. Gesundheit und politisches Glück weiterhin!
Adam Ant schrieb am 28.01.2010 um 22:51
@Rainer Kühn
"Für mich war Lafontaine zwar nie der Vordenker …"
Immerhin wurde er von der Sun schon mal zum "gefährlichsten Mann Europas" gekürt. Da war er noch Bundesfinanzminister und wollte die Finanzmärkte regulieren (mit Heiner Flassbeck als Staatssekretär).

Damals saß Steinmeier noch im Bundeskanzleramt - während die S?PD fröhliche Deregulierungs-Orgien feierte ... btw.: was macht eigentlich
Asmussen
?
Steinmeier wurde dann Vizekanzler und war es immer noch, als wiedereinmal "plötzlich und unerwartet" irgendeine Finanzblase platzte.
Jetzt fällt es der S?PD und namentlich auch Steinmeier auf einmal ein, dass man die Ursachen der Misere auch in "liberalisierter Regulierung und Aufsicht als Ergebnis einer marktradikalen Ideologie" suchen kann.
Erstaunlich, diese Erkenntnis!
Und keine Minute zu früh, wenn man so will, da diese S?PD durch Mitgliederverlust und vor allem Wählerschwund nur noch die Oppositionsbänke belegen darf und damit schon rein rechnerisch für echte sozialdemokratische Anliegen im Bundestag keine Mehrheit mehr erzielen kann.
Oha!
Die ganze Zeit über fuhren die S?PD-Piloten mit Slick-Reifen, aber weil nun zufällig schon am nächsten 9. Mai wieder Landtagswahlen sind (und ausgerechnet in NRW), suchen sie JETZT nach Profil …
Ehrlich: ich persönlich empfinde das als reichlich erbärmlich.
Hermanitou schrieb am 24.01.2010 um 10:24
Zuerst: Dem Oskar ist zu wünschen, daß er wieder richtig gesund wird.
Dann: Nun ist der Weg frei für eine realpolilitische, immer weniger linke Partei. Und es rächt sich, daß die Linke bis heute kein verbindliches Grundsatzprogramm hat. Damit ist sie für anstehende Koalitionen mit SPD/Grüne (ver)biegungsfähig.
Schließlich: Die jungen Salonlinken in SPD und Linkspartei werden weiterhin daran arbeiten, eine vereinigte Sozialdemokratie zu schmieden.
Letztlich: Die Linke wird den Weg der Grünen gehen und verbürgerlichen.
Das ist zwar schade, war aber abzusehen.
misterl schrieb am 24.01.2010 um 11:03
Zustimmung in allen Punkten. Mehr als schade sind auch ständig fehlende linke Mehrheiten. Beim "schade" muss man genau die Prioritäten setzen.

Quo vadis linke Mehrheiten?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 24.01.2010 um 16:12
www.youtube.com/watch?v=UXKr4HSPHT8

Lieber eine verbürgerlichte Linke, denn schließlich sind wir alle Bürger dieses Landes, als gar keine Linke mehr, weil sie in der Bedeutungslosigkeit versinkt. Will man 80 Millionen Menschen vertreten, muss man Kompromisse machen oder die Hälfte wegsperren.

O.Lafontaine wünsche ich natürlich eine baldige vollständige Genesung, eine seinem Gesundheitszustand angemessene politische Tätigkeit und ein noch langes erfülltes Leben - aber das versteht sich ja von selbst.

Der SPD wünsche ich mehr Einsicht - den LINKEN allerdings auch.
rotstift schrieb am 24.01.2010 um 16:57
Es kommt eben darauf an ob die Kategorie 'Bürger' so sehr wichtig ist - früher hieß das mal Menschen, und schloss alle ein, z.B. auch Zuwanderer. Ob sich Millionen Hartz IV -Empfänger so positiv auf dieses Wort beziehen können wie Du, die du wahrscheinlich ihre Probleme nicht hast, ist sehr fraglich.

Bewußtseinsfragen sind eben zuallererst Fragen der persönlichen Betroffenheit.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 24.01.2010 um 20:41
Heute heißt es auch Menschen. Immer, wenn einer unserer Politasse von sich gibt: "Die Menschen wollen, brauchen, sollen, dürfen... (Blödsinn bitte selbst einsetzen)" wird mir speiübel.

Rotstift - alle, die in diesem Land leben, sind auch Bürger dieses Landes. Es ist eher das, was aus dem Bewusstsein verschwindet. Es wäre aber gut, wenn das mal wieder in den Mittelpunkt rücken würde und nicht nur die als Bürger anerkannt werden, die aktive Teilnehmer des 1. Arbeitsmarktes sind.

Sich als Bürger zu bezeichnen heißt auch und gibt die Möglichkeit, als Bürger behandelt zu werden, das einzufordern. Zeit wirds.
Bildungswirt schrieb am 24.01.2010 um 11:18
Bei Oskar geh ich selbst in Indien ins Netz.

Treffsicherer Artikel - Die Linke und ihre Kultfigur.
Mit Oskar geht der bedeutenste Enkel Willy Brandts von der politischen Buehne. Ein schwerer Verlust fuer Deutschland, ein Aufatmen bei den politisch-geistigen Zwergen der etablierten Parteien in der Berliner Geruechtekueche.
Was kommt nach Oskar? Nichts Bedeutendes, es geht einfach weiter!
Wer kommt nach Oskar? Namehopping und dann gehts weiter, als ob fast nichts geschehen sei. Grundlegendere politische Morgendaemmerung ist jedenfalls nicht in Sicht.
jayne schrieb am 24.01.2010 um 11:42
so skeptisch sehe ich das, was die linke betrifft, allerdings nicht, lieber bildungswirt, auch wenn der rückzug Lafontaines eine lücke hinterläßt, die nicht so leicht zu schließen ist ... Außerdem, von der politischen bühne ganz verabschieden will er sich zum glück noch nicht, es bleibt zu hoffen, daß er gesundheitlich nicht zu sehr eingeschränkt wird.
Fritz Teich schrieb am 24.01.2010 um 14:03
Gesundheit halte ich fuer eine Sprachregelung. Und der "Rücktritt aus politischen Gründen wie im März 1999" war reichlich pathetisch. Er ist nur Minister geworden, von vorneherein nur formal, er hat die Arbeit nie begonnen, um dann mit groesserem Getoese zuruecktreten zu koennen. Seine Lobhudeleien auf die amerikanische Geldpolitik wuerde er wahrscheinlich auch nicht wiederholen, oder? Leider war auch er nur ein Populist, wie leider auch Gysi einer ist, wirklich witzig ist er selten, und das ist bei einer Partei, die zuerst auf die Gesinnung abstellt, fuer die die Machtfrage entscheidend ist, dazwischen gibt es nur ein Nichts, ueber das wir hier reden, auch kein Wunder.
Tom Strohschneider schrieb am 24.01.2010 um 16:00
Schnelle Nachfolge: #Linke beeilt sich, Personalien zu klären. Lange Montagnacht, Klarheit schon Ende der Woche? Mehr auf lafontaines-linke.de oder hier: tinyurl.com/y99htp4
Onkel Wanja schrieb am 24.01.2010 um 22:53
>>Immer, wenn man mich einen Don Quichote nannte, wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.<< Erich Mühsam

Als Mitglied der Partei bedauere ich den Rückzug von Oskar Lafontaine außerordentlich!Ich hoffe er versucht die politische Ausrichtung der Partei, so gut sein gesundheitlicher Zustand das zulässt, weiter zu beeinflussen.
Doch welchen politischen Weg die LINKE einschlagen soll, dieser Streit wird selbstverständlich nicht einfacher werden. Er muss von der BASIS geführt und entschieden werden. Nicht von Vorsitzenden, nicht von MdBs und schon gar nicht von den Bartschs, Liebigs und Bries!

Doch ist das nicht sonderbar? Warum eigentlich dieser Streit?
Müsste es nicht jeden sonnenklar sein, wohin der Weg geht?
Hat sich nicht diese Partei gegründet, weil die Zumutungen die das kapitalistische System und seines, sich mit demokratischer Legitimation ausgestatteten Staates, spätestens mit der neoliberalen Umtransformation der SPD und der Politik der Rot/GRÜNEN-Koalition ins unerträgliche gesteigert hat?

Unser Problem sind in der Partei entstanden, durch all diejenigen, die GLAUBEN, wenn wir die LINKE zu einer sozialdemokratischen Partei formen, also zu einer besseren SPD, zu einer SPD ala Willy Brandt, dann wird alles wieder gut, dann können wir die Lebenssituation der Menschen, die das System ausgesondert hat, erträglicher machen, die schlimmsten Härten nehmen, ja dann wird alles wieder gut, dann bekommen wir wieder den „Kapitalismus mit menschlichen Antlitz“.

Die LINKEN in der Linken, und vor allem die Linken AUSSERHALB der Partei, die nicht in die Partei wollen, weil sie den geplanten Verrat der getarnten Linken in der Partei riechen, wissen nur zu gut, dass es kein zurück in den rheinischen Kapitalismus mehr geben wird, dass das System nicht mal mehr den Pfennig von der Mark geben werden, nicht weil die Kapitalbesitzer nicht wollen, sonder, weil sie es nicht mehr können werden, bei Strafe des eigenen Untergangs!
Der Witz ist, dass der Brie und der Liebig das auch wissen, Realpolitik bedeutet für die nur, dieses Wissen für sich zu behalten, denn Wählern falsche Hoffnungen zu machen, und sich der, weil die beste aller Welten zu schaffen, im Parlament! Die Gegner des Systems als Spinner und Fundamentalisten zu denunzieren, mehr ist für die nicht drin und erst recht nicht für ihre Wählerschaft!

Unser größtes Problem in der Partei ist mit einem Satz zu definieren: „Verkürzte Kapitalismus Kritik“!

Nach meiner Meinung müssen wir unseren Wählern und Sympathisanten Folgendes klar sagen:
Dass der Kapitalismus ( in der Ersten Welt) eine wohlfahrtsteigernde Wirkung hatte, ist, ist der Systemkonkurrenz mit dem Ostblock , der riesigen Überschuss-Produktion in der kurzen Zeit von nur einem halben Jahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg geschuldet. Die Überproduktion wurde auf Kosten der Ressourcen, der Umwelt und Ausbeutung der Dritten Welt und letztendlich durch die Ausbeutung unglaubicher Menschenmassen erwitschaftet.
Die Grenzen des Wachstums sind durch dieses Raub und Verbrennungssystem erreicht, es gibt kein weiter so! Exponentielles Wachstum gibt es zwar in der Natur: Den KREBS, er bringt sie als Individuum um, und ewiges Wachstum bringt uns als Menschheit um!

Wir haben den modernen Finanzkapitalismus noch nicht begriffen, wir wissen nicht, wie wir den "Leviatan" bezwingen sollen, wedeln aber mit der Hundeleine rum und wissen nicht, wie wir das >>kälteste aller kalten Ungeheuer<< reiten sollen!

Das internationale Finanzsystem verhindert eine Umverteilung des weltweit angehäuften Reichtums, wir werden auch in der BRD den Zug zu einer weiteren Umverteilung von UNTEN nach OBEN nicht aufhalten können, wenn wir das Währungssystem das auf Zins und Zinseszins basiert nicht überwinden! Es ist wie ein zentrales Planetgetriebe des Kapitalismus, es ist hochfunktional, zerstörerisch, gewaltig, machtvoll und wird entweder zerstört, oder zerstört sich selbst und mit sich die ganze „schöne Maschine“.
Damit müssen wir, wie sozialistische Kräfte in anderen Ländern, in einen reformistischen Prozess in der BRD beginnen, um einen Hebel für die Überwindung des Finanzkapitalmus finden können.
Die SPD ist sehr wohl noch eine sozialdemokratische Partei, aber eine modere! Sie hat sich konsequent aus der „liberalen Kinderstube“ zum neoliberalen Endprodukt gemausert.
Dieser Prozess ist nicht einen Zusammenspiel unglücklicher Zufälle und Fremdbestimmung geschuldet, sondern historisch bedingt und nicht umkehrbar.
Deshalb werden wir uns in einem langen politischen Kampf um eigene Mehrheiten bemühen müssen, und Krankenschwestern (SPD), Oberärzten ( CDU/CSU), Landschaftsgärtnern (GRÜNEN) und technischen Personal ( FDP) im Krankenhaus des Kapitalismus verweigern, oder politisch voll auf die Schnauze fallen.

>>Innerhalb des Systems zu leben ist wie die Überlandfahrt in einem Bus, der von einem Wahnsinnigen gesteuert wird, der seinen Selbstmord plant<< Thomas Pynchon
„Die Enden der Parabel“
Tania schrieb am 25.01.2010 um 20:05
Respekt,Onkel Wanja!
Ich stimme dir in allen Punkten zu!
Hier gebe ich nocheinmal ein Schmankerl zum Besten:

"Das Kapital kennt kein Vaterland",betonte Bebel.Es wendet sich "überall dorthin,wo der höchste Profit ihm winkt".
Wenn eine höhere Verwertung des Kapitals zu erwarten war,so enthüllte Bebel,schreckte die Bourgeoisie auch nicht vor dem Kapitalexport in ein "seiner Nation feindliche(s) Land" zurück.

Vorwort von Wilfried Henze (Berlin 1989),zu der Reprintausgabe "Nicht stehendes Heer sondern Volkswehr" von August Bebel (veröffentlicht 1898)
Zentralantiquariat der DDR Leipzig 1989
ISBN 3-7463-1503-4

Nochmals besten Dank für deinen geistreichen beitrag!
saludos,Norbert Müller-Höxter
Tom Strohschneider schrieb am 25.01.2010 um 12:27
Schrumpfender Kandidatenkreis: Pau und Enkelmann kandidieren nicht für Vorsitz der #Linkspartei tinyurl.com/y9buw86
Tom Strohschneider schrieb am 26.01.2010 um 17:23
Ein kleines Wunder: Zum Personalvorschlag der #Linkspartei, Proporz-Blüten und den ersten Reaktionen kann man hier tinyurl.com/ycv79u7 oder hier tinyurl.com/yajcor4 weiterlesen.


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