Alltag

Olympische Spiele | 08.02.2010 04:55 | Harry Pearson

Kunst des hoffnungslosen Stils

Nicht nur in Großbritannien ist ein echt weltmeisterlicher Verlierer immer noch der Wintersportstar Nummer eins: Eddie The Eagle. Gelten Niederlagen doch mehr als Siege?

Die Olympischen Spiele stehen vor der Tür, und die Aufmerksamkeit der britischen Medien gilt neben der Bobfahrerin Shelley Rudman mindestens ebenso sehr dem nichtsnutzigen Skispringer von 1980 – Eddie Edwards. Rudmans Sieg in Cesena katapultierte sie im Dezember an die Spitze der Weltrangliste. The Eagle durfte unterdessen im Auftrag des Fremdenverkehrsamts von British Columbia die olympische Flamme durch Winnipeg tragen.

Dass Edwards die gleiche Aufmerksamkeit auf sich zieht wie Rudman, mag einigen ein wenig sonderbar vorkommen, schließlich gewann Rudman vor drei Jahren in Turin eine großartige Silbermedaille und hat dieses Mal gute Aussichten auf Gold, während Edwards 1988 in Calgary Letzter wurde und seine Zeit seitdem damit zugebracht hat, eine lediglich in Finnland erfolgreiche Platte herauszubringen, Bankrott zu gehen und zu heiraten.

Ein Original ist er schon

Edwards hat sich seit seiner Blütezeit etwas verändert. Er ließ sich Kinn und Augen richten. Aber auch ohne Brille und Schnurrbart scheint The Eagle für die britischen Medien nichts von seiner Faszination eingebüßt zu haben. Eine repräsentative Umfrage in meiner Gemeinde beim Postboten, einer ortsansässigen Geschäftsfrau sowie einem Typen aus Ryton, der versehentlich bei mir anrief und eine mobile Disco für den 18. Geburtstag seiner Tochter Laura mieten wollte, hatte das beachtliche Ergebnis: Bei 100 Prozent erweckte der Name Shelley Rudman keinerlei Reaktion, Eddie „The Eagle“ hingegen löste überall wohlmeinendes Gekicher und Kommentare aus, in denen stets unterstrichen wurde, was für ein Original er doch sei.

Im kommenden Jahr beginnen die Dreharbeiten an einem Film über das Leben des Adlers mit Rupert Grint in der Hauptrolle. Von einem Film über Rudman ist indes noch nichts bekannt. Man kann sich nur schlecht die Bemerkung verkneifen, dass Rudman bestimmt mehr Aufmerksamkeit zuteil geworden wäre, wenn sie keine Vorderzähne hätte oder schielen würde. Ein ironischer Spitzname wie The Rudmanator hätte bestimmt ebenfalls geholfen.

Einige werden nun bestimmt meinen, all dies sage uns viel über die britische Haltung zum Sport und zum Leben im Allgemeinen, hierzulande würden Niederlagen einfach mehr gelten als Erfolge. Ich hingegen glaube, dass es uns noch viel mehr über die Olympischen Winterspiele erzählt. Anders als die Sommerspiele waren sie schon immer etwas für Verlierertypen. Sicher sorgten Eric the Eel und Paula de Crawler in Sydney für kurze Zeit für Schlagzeilen und einige wenige von uns werden sich auch noch an den Haitianer Charles Olemus erinnern, dem haitianischen 10.000-Meterläufer, dem 1976 alle Sympathien zuflogen, aber Walt Disney machte über keinen von ihnen einen Film, sondern über das jamaikanische Bob-Team von 1988.

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Schlecht Weitspringen kann jeder
Es ist offensichtlich, wie es dazu kommen konnte. Schließlich ist es nichts besonderes, ein schlechter Läufer oder ein lausiger Weitspringer zu sein. Jeder kann das. Aber es bedarf schon eines gewissen Stils, ein hoffnungsloser Rennrodler oder ein schwacher Skispringer zu werden. Der einstige Eiskunstläufer und spätere kanadische Minister Otto Jelinek nannte Rennrodeln einmal das „ultimative Abführmittel“. Grundsätzlich ziehen die meisten Menschen Sportarten vor, bei denen nicht ganz so viele Krankenwagen am Ziel stehen.

Lamine Guèye wurde bereits als Teenager Präsident des senegalesischen Skiverbandes, vielleicht weil er ihn gegründet hatte. Bei drei Spielen nahm er an der Abfahrt der Männer teil. Seine ersten Erfahrungen bei den Spielen 1984 in Sarajewo, bei denen er die Hänge hinunterfuhr, als habe er keinerlei Gefühl in den Beinen und verfolge eine Schildkröte, fasste er mit den folgenden Worten zusammen: „Im Senegalesischen haben wir kein Wort für „Abfahrt“, denn wir haben keine Berge. Ich hatte solche Angst, dass ich mich beinahe erbrochen hätte. Ich habe die Sicherheitsmaßnahmen in vollem Umfang getestet und kann Ihnen versichern, dass sie funktionieren.“

In Vancouver ist zum Glück Platz für alle. Für die unglaublich schnelle Shelley Rudman ebenso wie für den überhaupt nicht schnellen, aber ohne Zweifel tapferen kenianischen Skilangläufer Philip Boit. 1998 war Boit beim 10-km-Lauf der Letzte und die Verleihung der Medaillen musste verschoben werden, weil der erstplatzierte Björn Daehlie darauf bestand, bei eisigen Temperaturen an der Ziellinie auf Boit zu warten, um Boit anzufeuern und schließlich in den Arm zu nehmen. Daehlie gewann 12 olympische Medaillen und 17 Titel bei Weltmeisterschaften. Mit seiner Geste feierte er nicht die Niederlage, sondern die Menschlichkeit.

Übersetzung: Holger Hutt
 
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