Politik

FDP | 08.02.2010 16:55 | Julian Heißler

Voodoo-Politik

Die FDP will den Druck auf ihre Koalitionspartner erhöhen. Helfen wird das den Liberalen wahrscheinlich nicht

Die Stimmung in der Koalition will sich einfach nicht bessern. Kurz nachdem die 100-Tage-Bilanzen der neuen Bundesregierung ein miserables Zeugnis ausgestellt haben, verschärft sich bereits wieder der Ton unter den Koalitionären. Per Interview ließ FDP-Chef Westerwelle den Koalitionspartner wissen, dass er „auch anders“ könne. Gleichzeitig provozierte Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) mit seinem Vorstoß am Atomausstieg festzuhalten neuen Unmut. Hinzu kommen Querelen zwischen CDU und FDP in Baden-Württemberg und die wahlkämpfenden Landesverbände aus Nordrhein-Westfalen schießen gegen Berlin, wann immer sie können. Zeit also für das, was scheinbar die Kernkompetenz dieser Bundesregierung werden soll: Einen neuen Krisengipfel.

Natürlich durfte man ihn auch diesmal nicht so nennen, doch das Treffen der Spitzen von FDP-Bundespartei und -Bundestagsfraktion hatte schon einen recht panischen Charakter. Schließlich sind die Umfragewerte der Liberalen beständig im Sinkflug. Letzte Woche machte die Zahl acht Prozent die Runde. Damit hätte sich die Partei seit der Bundestagswahl fast halbiert. In Nordrhein-Westfalen steht die FDP derweil bei sechs Prozent. Ob es nach der Wahl im Mai weiter für eine Regierungsbeteiligung reichen wird, ist damit mehr als offen.

Deshalb schalten die Liberalen jetzt wieder auf Angriff. Unter Hochdruck will die Partei nun ihr Gesundheitskonzept erarbeiten. Gleiches gilt für den Bereich Energie, wo Generalsekretär Christian Lindner klar auf Distanz zu Umweltminister Röttgen ging. Und: Die Partei will jetzt doch bereits auf ihrem Parteitag im April, also vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen, ihr Steuerkonzept vorlegen. „Wir sind nicht von der Steuerschätzung im Mai abhängig“, so Lindner. Die Grundzüge der Reform könnten auch vorher festgelegt werden.

Nicht abgestimmter Vorstoß

Damit bricht die FDP das Stillhalteabkommen des letzten Krisengipfels von vor drei Wochen. Damals hatten Bundeskanzlerin Merkel, Außenminister Westerwelle und der bayerische Ministerpräsident Seehofer beim Abendessen beschlossen, das Thema erst im Mai wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Für mehr Ruhe in der Koalition dürfte diese Entscheidung der Liberalen nicht sorgen. Erst am Wochenende hatte sich zum Beispiel Jürgen Rüttgers, Ministerpräsident von NRW, erneut skeptisch zu eine große Steuerreform geäußert.

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Das Vorgehen der FDP zeigt, dass die Partei noch nicht in der Regierung angekommen ist. Sie bedient sich den üblichen Instrumenten einer Oppositionspartei, indem sie versucht, die Union vor sich herzutreiben. Zu Zeiten der großen Koalition ist sie damit ja auch gut gefahren. Die Unzufriedenheit vieler Bürger mit Schwarz-Rot war es ja schließlich, die der FDP ihr Traumwahlergebnis von rund 15 Prozent einbrachte. Doch für eine Regierungspartei gelten andere Regeln.

Jetzt, da es ernst zu werden droht, wenden sich die Wähler wieder von der FDP ab. Die Partei reagiert darauf nicht etwa besonnen, sondern erhöht vielmehr die Schlagzahl. Das ist die gleiche Idee, die auch dem Wirtschaftsbild der Liberalen inne wohnt. Man müsse nur die Angebotsseite stärken, dann würde die Nachfrage schon automatisch kommen. Supply-Side-Economics nennen das Wirtschaftswissenschaftler. Skeptiker haben einen anderen Begriff: Voodoo-Ökonomie.

Genauso wenig wie Steuersenkungen sich selbst finanzieren und in einem Aufwasch die Staatskasse sanieren, dürfte das verstärkte Zuspitzen die FDP wieder in der Wählergunst steigen lassen. Die Bevölkerung erwartet von ihrer Regierung keine großen Ansagen, wenn sie das Tagesgeschäft nicht ordentlich hinbekommt. Wollen die Liberalen ihren Abwärtstrend stoppen, dann müssen sie nur kompetent die Staatsgeschäfte führen. Doch dazu scheinen sie derzeit genauso wenig in der Lage zu sein, wie einige ihrer Kollegen auf der Regierungsbank. Zu sehr ist die Partei noch dabei sich in ihre neue Rolle einzufinden. Noch hat sie das nicht geschafft.

Deshalb dürfte es auch nur eine Frage der Zeit sein, bis es im Regierungsviertel zu einer nächsten Nachtsitzung kommt, die auf keinen Fall Krisengipfel heißen darf. Doch mit solchen Sitzungen allein werden sich die Probleme der Regierung nicht lösen lassen.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
SiebzehnterJuni schrieb am 08.02.2010 um 18:50
"...Gleichzeitig provozierte Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) mit seinem Vorstoß am Atomausstieg festzuhalten neuen Unmut...."
Soweit mir bekannt, hat Röttgen mit keinem Wort gesagt, dass er auf die Laufzeitverlängerung verzichten will.
Die Spindoktoren haben wohl Röttgers eine solche Rede geschrieben, dass - außer ganz wenigen - selbst CDU-ler meinten, er wolle was ändern.
Es war halt etwas zu viel des Einseifens!!
Columbus schrieb am 08.02.2010 um 20:00
Klasse, Herr Heißler! "Voodoo-Politik" ist genau das richtige Wort dafür. Die Politiker und Klientelen der FDP murmeln ja eine große Beschwörungsformel: Wenn es uns nicht viel besser geht,-Und, "mein Gott, mein Guido", uns geht es, ob so vieler Steuern und so vieler Auflagen, die uns hindern völlig frei entscheiden zu können, wo und wie wir mit unserem Geld und unserem Verstand tätig werden, nicht gut.-, geht es auch den Vielen nicht besser.

Das ist wirklich Haiti. Aber mit den ideologisch schon weich gematschten Grünen, wird es zumindest für Jamaika reichen.

Liebe Grüße und
weiter, weiter

Christoph Leusch
Angelia schrieb am 08.02.2010 um 20:11
Voodoo - Politik

Besser kann man den Stil der FDP nicht auf den Punkt bringen.
Ehrlich gesagt wäre es mir lieber gewesen, die FDP hätte statt eines Krisengipfels einen erfolgreichen Reflektionsgipfel hinter sich.. OK, ich gebe zu, die Chancen, dass die FDP sich die richtigen Fragen stellen und Antworten finden würde, waren sehr gering. Nun ist es niemandes Aufgabe, der mir in ihrem Auftreten ohnehin suspekt erscheinenden Partei die Denkarbeit abzunehmen. Doch genau die Frage nach dem Auftreten und der Wirkung auf die Massen wäre eine entscheidende gewesen.

Insbesondere Westerwelle, Brüderle und Christian Lindner strahlen, neben Niebel, eine durch Nichts zu erschütternde Haltung aus, dass einem angst und bange werden kann. So etwas habe ich bis jetzt real nur bei Sektierern erlebt, die einer psychologischen Manipulation zum Opfer gefallen sind und ihre Weltsicht nun dem Rest der Welt aufnötigen wollen. Kompromisslos, mit dem Kopf durch die Wand, koste es was es wolle, so kommen sie nicht nur in Interviews rüber.

Das Ergebnis der Strategiesitzung passt genauso in das Bild, wie Redewendungen über das “neue Denken” und Suggestionen von gebetsmühlenartigen Beschwörungsformeln. Neu ist hingegen, dass Aggressivität nun nicht mehr mühselig unterdrückt, sondern fast übermütig offen ausgelebt wird. Ich würde gern mal Peter Frey oder Peter Hahne nach ihrem subjektiven Empfinden während der Interviews mit diversen FDP-lern befragen.....

Vielleicht ist es dem Umstand der Deutschen Geschichte einerseits und unserer zumindest noch per GG verankerten Demokratie zu verdanken, dass eine Partei mit einem fast schon als despotisch wirkenden Habitus maximal “nur” 15% und nicht etwa 35% erreichten.

Sollte sich die FDP mit ihrem dogmatischen aggressiven Politikstil gegenüber der CDU durchsetzen, haben wir es hier nicht mehr nur mit einer scheinbar trotzig pubertierenden Partei zu tun, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit mit etwas weitaus Gefährlicherem... Was immer auch dahinter steckt.
SiebzehnterJuni schrieb am 08.02.2010 um 20:41
Das wirklich wunderbare an der jetzigen FDP ist doch, dass man immer genauer weiß, warum man diese Partei nicht wählt. Und das geschieht gerade in NRW. Je aggressiver und präziser, um so mehr wissen die Menschen, warum sie diese FDP nicht wählen werden. Und was noch spannender ist: die Menschen beobachten auch, wie sich die Union dazu verhält. Wenn die CDU den Eindruckt entstehen lässt, dass die FDP'ler nur das laut sagen, was sie selbst hinterher machen wollen, um so mehr wird bis zum Mai auch die CDU verlieren. Ein doch hoffnungsvolle Vorstellung.

Es werden auf jeden Fall viele Wählerinnen und Wähler der CDU nicht zur Wahl gehen - und das ist gut so!!
lebowski schrieb am 08.02.2010 um 21:29
"Genauso wenig wie Steuersenkungen sich selbst finanzieren und in einem Aufwasch die Staatskasse sanieren..."

Mit diesem Witz ist der Westerwelle aber seit mindestens acht Jahren auf Tournee.
Da kann der nicht von einem Tag auf den anderen sagen: tut mir Leid Leute, ich hab da Sch.. erzählt.So etwas könnte entweder Lynchjustiz nach sich ziehen oder dafür sorgen, dass die FDP wieder dauerhaft an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert.
Nee, den Übergang muss der Westerwelle schon etwas fließender hinkriegen. Also jetzt sind erstmal alibimäßig ein paar kleine Steuersenkungen angesagt. Dann wird sich Westerwelle beklagen, dass mehr mit der CDU nicht dran war. Danach ist dann die Kiste halbwegs wieder im Lot und man kann die landesübliche Sachzwangzwangsverwaltung praktizieren.

Das auch nur ein einziger Liberaler an den Steuersenkungsblödsinn geglaubt hat, kann ich mir nicht vorstellen. So blöd sind die auch nicht.
Und deswegen sind die meisten "Liberalen" auch nach der Wahl flugs aus der Parteizentrale gestürmt und haben sich ein lukratives Pöstchen in den Ministerien geangelt, um weg zu sein, wenn es ungemütlich wird.
fidelche schrieb am 09.02.2010 um 15:57
Wenn jemand in Zeiten der Wirtschaftskrise FDP wählt, dann ist sein Verhalten vergleichbar mit jemandem bei dem das Haus brennt und er versucht den Brand mit Benzin zu löschen.

Wahrscheinlich sind in der FDP die letzten linksradikalen Anarchisten Deutschlands. Sie brauchen keinen Staat und wollen ihn zerstören.
Die Zeit für dieses Vorhaben ist optimal.
Beste Einrichtung schrieb am 12.02.2010 um 23:51
Popper und Parvenü. Westerwelle - Ribbentrop.

20. Juli, man kauft ein Regal. Sommer.


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