Die orangenen Revolutionäre treten so ab, wie sie regiert haben, mit Sinn für Intrige und Obstruktion. Nach fünf Chaos-Jahren scheinen weder Präsident Juschtschenko noch Premierministerin Timoschenko Wert auf einen Abgang mit Anstand zu legen. Der im ersten Wahlgang am 17. Januar mit peinlichen 5,7 Prozent abgewählte Staatschef Juschtschenko schmäht die Kandidaten und kann sich bei der Stimmabgabe in Runde zwei den Satz nicht verkneifen "Ich glaube, dass sich die Menschen in der Ukraine für die Wahl schämen, die sie treffen müssen." Als wollte sie den Beweis antreten, wie Recht er hat, zeigt sich Timoschenko als schlechte Verliererin. Schon vor dem ersten Wahlgang hatte sie den georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili kontaktiert und um Entsendung von etwa 1.000 Wahlbeobachtern aus Tiflis ersucht. Offenbar galten Inspektoren, Gutachter und Prüfer des EU-Parlaments als unzuverlässig oder nicht vertrauenswürdig. Auch fand sie Gefallen daran, vor der Stichwahl ihrem Rivalen Janukowitsch und dessen Partei der Regionen als Wahlfälscher zu verunglimpfen. Ein derartiges Verständnis von Fairplay disqualifiziert für die erneute Übernahme politischer Verantwortung, ist eine Mehrheit der ukrainischen Wähler überzeugt und im Recht.
Verstört und erschüttert
Julia Timoschenko hatte fünf Jahre Zeit, den Staat zu ordnen, statt Intrigen zu inszenieren und Schaukämpfe auszutragen. Seit dem Januar 2005, als sie mit Juschtschenko die Exekutive übernahm, waren die zentralen Gewalten des Staates die Hälfte der Zeit handlungsunfähig, ob es sich nun um das Parlament, die Regierung oder das Oberste Gericht handelte. Dass Timoschenkos Regierungskunst ein verstörtes, in seiner Stabilität erschüttertes Land hinterlässt, ist freilich nicht allein internen Rivalitäten geschuldet. Es hat auch etwas mit der trügerischen Vorstellung der Kiewer Revolutionsgardisten zu tun, wer sich den Gefahren einer Konfrontation mit Russland aussetze, werde darin nicht umkommen, sondern vom Westen mit einer hieb- und stichfesten Beitrittsperspektive in Sachen NATO und EU bedankt. Doch mochten die Avancen aus Kiew noch so ungestüm sein – die umworbenen Gönner in Brüssel, Berlin, Paris oder London können sehr pragmatisch sein, wenn es um mehr geht als die Ukraine und ihren als Revolution etikettierten Oligarchen-Wechsel – um eigenen Interessen nämlich und die immer wieder aufschlussreiche Frage, wie belastbar sind die Beziehungen mit Russland? Dabei hätte dem Präsidenten Juschtschenko eigentlich auffallen müssen, dass zu seiner Amtsübernahme am 23. Januar 2005 lediglich die Staatschefs Polens, Estlands, Lettlands, Rumäniens, der Slowakei und Ungarns erschienen waren, flankiert zwar vom damaligen NATO-Generalsekretär de Hoop Scheffer, doch hatte der weder Tony Blair noch Jacques Chirac noch Gerhard Schröder an seiner Seite. Ein Gast lässt sich einladen, die Wirklichkeit nicht abbestellen.
Rationalität und Realität
Ist die Mehrheit für Janukowitsch nun ein Sieg für Russland und eine Niederlage für Europa? Wäre das der Fall, müsste Russland eine außereuropäische Macht und die EU mit einem europäischen Alleinvertretungsanspruch ausgestattet sein, der sich um Geschichte, Geografie und Gegenwart wenig zu scheren braucht. Das Europa der zwei Geschwindigkeiten soll es geben, von zwei Kontinenten in Europa war bisher nicht die Rede. Die Ukraine hat mehr verdient, als zwischen einem europäischen und einem nicht-europäischen Europa zerrissen zu werden. Auch muss sich Russland nicht dafür entschuldigen, Beziehungen mit der Ukraine pflegen zu wollen, in denen wieder Rationalität und Realitätssinn statt Ambition und Aggression die Oberhand gewinnen. Viktor Janukowitsch kann dafür sorgen, dass entsprechend regiert wird.
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Ein Sieg für die Ukraine? Ja, und natürlich auch ein Sieg für die Demokratie. Na hoffentlich wird das nicht einer dieser berüchtigten Pyrrhussiege.
Nur wie wird der Westen, also wir reagieren? Passt uns dieses Ergebnis, der Wählerwille der Ukrainer, überhaupt? Auch wenn beide Kandidaten u.a. bessere, gute Kontakte, entspannte Beziehungen zu Russland versprachen, war uns nur die Ansage der Timoschenko genehm, weil hier doch weiterhin „Konfliktpotenzial“ mit dem großen Nachbarn schlummerte, latent vorhanden war, welches sich politisch nutzbar machen ließe. Die geradezu manische Sichtweise auf das „ewig böse“ Russland verstärkt unsere positive Einstellung zu dieser verwelkten Ikone der „Orangen-Revolution“. Auch die „Unverfrorenheit“ des Janukowitsch für eine anlehnende Haltung zur NATO zu optieren, war unseren Medien wert pausenlos vom „NATO-Gegner“ – als wäre dies eine ansteckende Krankheit – zu schreiben. Dass dies unseren NATO-Osterweiterungsstrategen schwer im Magen liegt, kann ja jeder nachvollziehen, nur teilen muss diese Einschätzung niemand. Auch das fortwährende Gefasel der Timoschenko vom angeblichen Wahlbetrug – obwohl von den internationalen Wahlbeobachtern widerlegt – und die Wiedergabe in unseren Medien zeigt deutlich in die Richtung, wie wir in Zukunft mit dem Wahlgewinner und zukünftigen Präsidenten der Ukraine umzugehen gedenken. Gerade wir, die doch gerade einen offensichtlichen Wahlbetrüger in einem Konfliktstaat installiert haben. Egal wie, die Ukraine wird, voraussichtlich nicht zur Ruhe kommen. Timoschenko hat bereits angekündigt, gegen den neuen Präsidenten, die ihrigen Anhänger mobilisieren zu wollen und Opposition auf der Straße zu machen. So wie es jetzt aussieht und zu erwarten ist, wird der Westen dieses Verhalten maßgeblich unterstützen. Wie weit, bis zu welchem Punkt lässt sich nicht prognostizieren. Warten wir es ab! |
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"...Auch muss sich Russland nicht dafür entschuldigen,.."
Nein, im Freitag muss sich Russland für nichts niemals entschuldigen.Auch nicht für die zahlreich ermordeten Journalisten im eigenen Land. Die waren halt selber Schuld!! Wer ist eigentlich Russland? Aber das weiß ich ja, wenn ich den Freitag lese... Da es aber so viele andere schöne Artikel hier gibt, bleibe ich auch dabei.. |
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So gerechtfertigt die Kritik an Juschtschenko und Timoschenko auch sein mag, so einseitig ist sie doch. Kritische Gedanken über Herrn Janukowitsch? Fehlanzeige.
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Ausgabe 07/12
16.02.2012
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