Alltag

Literatur im Netz | 21.02.2010 16:30 | Alastair Harper

Piraten alter Schule

Verleger waren einst der Meinung, öffentliche Bibliotheken würden ihnen das Geschäft verderben. Keine Angst also, wenn immer mehr Bücher à la Napster im Netz kursieren

Seit Jahren haben wir die Möglichkeit, unseren Hunger nach Musik und Filmen zu stillen und gleichzeitig den großen Konzernen eins auszuwischen – ganz bequem, von zuhause von unserem Computer aus. Unsere Lesegewohnheiten bewegten sich hingegen notgedrungen größtenteils in einem legalen Rahmen. Am nähesten kamen wir diesem Nervenkitzel vielleicht noch, wenn wir in einem Mantel mit besonders tiefen Taschen durch die Regalreihen eines Großbuchhändlers streiften – was zugegeben eine sehr analoge Form des Diebstahls ist. Doch nun sieht es so aus, als sei auch für die Bücherwürmer die Stunde gekommen, um zur Frustration der Filesharing-Gegner bezutragen. Dank dem iPad rückt die Möglichkeit der Buch-Piraterie endlich in greifbare Nähe.

Das sicherste Anzeichen dafür ist, dass die führenden Personen der Verlagsbranche damit begonnen haben, dubiose Statistiken zu erstellen, die uns beweisen sollen, dass es sich dabei um ein sehr eingeschränktes Phänomen handeln wird. In den USA wurde unlängst verkündet, zehn Prozent aller gelesenen Bücher seien schon heute Raubkopien. In derselben Studie wird behauptet, dass die Verlage durch Raubkopien 3 Milliarden Dollar im Jahr verlieren. Doch die Quelle dieser Statistik ist eine Firma namens Attributur, die Software zum Schutz gegen Raubkopien an die Verlagsbranche verkauft. Wie ein Klempner, der immer über den Zustand der Leitungen meckern wird, so hat auch diese Firma ein starkes persönliches Interesse daran, Probleme ausfindig zu machen.

Ein kurzer Blick auf die höchstplatzierten Ebooks auf Pirate Bay legt die Vermutung nahe, dass sich die Verleger der Klassiker der Weltliteratur fürs erste keine großen Sorgen um Raubkopien machen müssen. Auf den vordersten Plätzen rangieren Handbücher wie Windows 7 Secrets, Adobe Cs4 für Fotografen und – um schamlos das Stereotyp zu bestätigen, dass alle Computernerds einsame Jungs sind – die Januar/ Februar-Ausgabe des Playboy. Glaubt man der Seite Freakbits, dann waren die einzigen Bücher, die 2009 in großen Mengen heruntergeladen wurden, in denen es nicht um Technisches oder um Sex ging, die Vampir-Bücher von Stephanie Meyer – eine Wahl, die wohl einmal mehr belegt, dass Onanie und Photoshop das Hirn angreifen.

Wer nach massentauglicheren Büchern sucht, kann auf der Seite Scribd fündig werden, die eine wahre Fundgrube für kostenlose Bücher, Zitate und Exzerpte und gleichzeitig ein Hort der Urheberrechtsverletzung ist. Man findet dort alles: Tim und Struppi in Amerika, Time’s Arrow von Martin Amis, Alastair Campbells The Blair Years und die Werke Richard Brautigans.

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Das Interessante daran ist, wie offen diese Bücher vom Server der Seite aus verfügbar gemacht werden. Scribd ist gewissermaßen ein Pirat der alten Schule. Die Seite preist sich selbst als „Tauschplattform“, so wie Napster sich als die Plattform für den Austausch von Musikdateien anpries. Was hinter diesem Euphemismus steht, ist heute so offensichtlich, wie wenn in einer Zeitungsanzeige eine „Begleiterin“ angeboten wird.

Über kurz oder lang werden die Anwälte Scribd dazu zwingen, dicht zu machen oder sich in einen legalen Online-Shop zu verwandeln (es gibt bereits Autoren, darunter Stephen King, die digitale Ausgaben ihrer Bücher über die Seite verkaufen). Ein paar der lukrativeren Opfer wie Stephanie Meyer und JK Rowling haben durch ihre Justiziare bereits sicherstellen lassen, dass keine gesetzeswidrigen Potters oder illegale vegetarische Vampire im Netz auftauchen. Dass sich der Rest der Industrie bislang wenig darum schert, zeigt, dass Raubkopien bislang kaum Auswirkungen auf die Verlage haben. Faber zum Beispiel sieht keinerlei Anlass dagegen vorzugehen, dass Alan Bennetts Dramen bei Scrib verfügbar sind, denn seine Leserschaft legt traditionell Wert auf gedruckte Ausgaben.

Auf dem Blog The Millions war kürzlich ein grandioses Interview mit einem amerikanischen Buch-Piraten zu lesen, der elektronische Kopien von Büchern ins Netz stellt, weil er an das Open-Source-Prinzip glaubt und gegen das Urheberrecht ist. Pflichtbewusst scannt er jedes Buch ein und liest Korrektur, bevor er es hochlädt. Der Gedanke, dass einer diese monotone Anstrengung unternimmt, diese Form des digitalen Glättens, hat etwas altmodisch Bezauberndes. Er kommt mir vor wie ein Bauer, der sein Stück Land mit einer Sichel bearbeitet und seinen Rücken aufrecht dem vorwärts rollenden Mähdrescher Google zukehrt. Was der Mann tut, bedeutet so viel Arbeit und hat, abgesehen von den Lehrbüchern, so wenig Auswirkungen, dass die Verleger keinen Grund gesehen haben, ihre Anwälte dafür zu bezahlen, dass sie ihn von seinem Tun abhalten.

Den Verlegern ist bewusst, dass sie sich auf den digitalen Markt bewegen müssen, denn die elektronischen Lesegeräte werden allgegenwärtig werden. Das aber bedeutet, dass ihre Inhalte gekapert werden, egal wieviele Digital-Rights-Management-Systeme sie auch einschalten mögen. Jeder wird jedes neue Buch aus dem Netz ziehen können, wenn er nur weiß, wo er suchen muss.

Doch trotz all der Statistiken glaube ich nicht, dass die Piraterie im Falle des Buchs so epidemisch um sich greifen wird, wie bei Musik und Filmen. Vorbei sind die Zeiten vor iTunes, als Napster die einzige Möglichkeit war, um die MP3 eines Songs zu bekommen. Die Verleger waren von Anfang an darauf aus, sich an Apples iPad dranzuhängen, denn ihnen war klar, dass dies der sicherste Weg ist, um ihr Produkt zu schützen und zu vertreiben. Der Chef eines großen Verlagshauses erzählte mir unlängst, wie verzweifelt sie in den vergangenen 18 Monaten um Apple geworben haben.

Wichtiger aber ist, dass die Verleger gegenüber der Musik- und der Filmindustrie einen Vorsprung haben, denn sie haben mit der kontrollierten kostenlosen Freigabe von Inhalten bereits ihre Erfahrungen gemacht. Die viktorianischen Verleger waren einst davon überzeugt, dass die öffentlichen Bibliotheken sie ruinieren würden, doch das war nicht der Fall. Die Leihbibliotheken brachten die Bücher von den Herrenhäusern in die Mietwohnungen und plötzlich verkauften die Verlage viel mehr Bücher an viel mehr Leser. Diese Entwicklung war das Resultat eines Systems, das es den Lesern legal ermöglichte, an kostenlose Bücher zu kommen, während die Autoren dadurch immer noch etwas Geld einnahmen. Wenn sich die Verlagsbranche also auf ihre eigene Geschichte besinnt, dann sollte die Digitalisierung für sie ein Kinderspiel sein.

Übersetzung: Christine Käppeler
 
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Kommentare
THX1138 schrieb am 22.02.2010 um 00:04
Es gibt auch noch ein Leben ausserhalb der digitalen Dimension: In China sollen, so hört man munkeln, Bücher nachgedruckt und zum Verkauf angeboten werden- ohne copyright, versteht sich!

Ansonsten: Herzlichen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel!


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