Kultur

Siri Hustvedt | 03.03.2010 18:20 | Ulrike Mattern

Die Leiden einer Amerikanerin

Mit „Die ­zitternde Frau“ bringt Siri Hustvedt das Geschichten­erzählen in die medizinische Praxis zurück

Es gibt Bücher, Neuerscheinungen zumeist, deren medialer Sog eine derartige Kraft entfaltet, dass sie von einer Bugwelle an einen heran gespült werden: hartnäckig und in der Wiederholung euphorischer Rezeption verführerisch. Der an der öffentlichen Meinung geschulte Reflex lässt einen zugreifen.

Das geschieht auch im Fall von Siri Hustvedts neuem Buch. Nonchalant blickt einem die Autorin vom Cover des schmalen, etwas über 200 Seiten umfassenden Bandes entgegen. Auf einem Schwarzweißfoto liegt sie, bis zur Taille sichtbar, mit aufgestütztem Oberkörper auf dem Boden. Ein dunkler Rollkragenpullover betont die vom Stoff unberührten hellen Konturen: das ernste, schmale Gesicht und die feingliedrigen Hände. Anmutung und Typografie des Titels, Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven, inszenieren dessen autobiografische Essenz mit der Fragilität seiner Ich-Erzählerin.

Die 54-jährige Autorin, die in New York lebt und mit dem Roman Die unsichtbare Frau 1992 erst in den USA, dann im Jahr darauf in Deutschland debütierte, nimmt das Symptom einer persönlichen Erschütterung zum Ansatzpunkt für eine analytische Schnitzeljagd über einen Moment der Schwäche und dessen mögliche Ursachen bei einem öffentlichen Auftritt.

Vom Hals abwärts

Während einer Gedenkfeier zur Würdigung ihres verstorbenen Vaters, eines Professors für norwegische Sprache und Literatur, auf dem Campus seiner Universität in ihrer Heimatstadt Northfield in Minnesota verliert die Schriftstellerin die Kontrolle über ihren Körper. Etwas über zwei Jahr nach dem Tod des Vaters tritt sie gut vorbereitet für diesen Anlass, die Karteikarten befinden sich in ihrer Hand, vor eine Gruppe von Freunden und Kollegen.

Doch beim ersten Wort ihrer Rede beginnt sie krampfartig „vom Hals an abwärts zu zittern“. Sie spricht – und zittert zugleich. Hustvedt ist seit ihrer Kindheit mit der Unberechenbarkeit von Körper und Geist vertraut. Dieser Topos durchzieht ihr künstlerisches Werk, auch ihren 2004 entstandenen Text, Auszüge aus einer Geschichte des verwundeten Selbst, der zwei Jahre später auf Deutsch in der Essaysammlung Being a Man veröffentlicht wird.

1982 erlebt sie einen ersten, ähnlichen Krampfanfall und hat in Folge ein Jahr lang „brutale Migräne“, mit der sie auf einer neurologischen Station landet. „Ich habe mich mit mir als einem schrillen, spastischen, flatterigen Körper abgefunden, der schuften muss, um Ruhe, Frieden und Erholung zu finden.“

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Wo andere sich mit der medizinischen Diagnose und nachfolgender Medikation zwecks Stabilisierung in der Störung zufrieden stellen lassen, pflügt Hustvedt in akribischer Recherchewut das Feld der Neurologie, Psychiatrie und Psychoanalyse. Sie schreibt einen Roman, Die Leiden eines Amerikaners, dessen Hauptfigur ein Psychiater ist und der 2008 veröffentlich wird. Sie belegt eine Vorlesung über Hirnforschung, interessiert sich für Neuropsychoanalyse und unterrichtet ehrenamtlich Patienten einer psychiatrischen Klinik im Schreiben.

Als an jenem Tag während der Gedenkfeier das Zittern am ganzen Leib beginnt, ist Hustvedt bereits ein Laie mit Expertise auf dem Gebiet eigener und fremder Nerven. Ihr Mann, der ein wenig berühmtere Schriftsteller Paul Auster, dem in allen Texten über Hustvedt Reverenz erwiesen wird und den sie selbst in ihrem Werk gern als Steilvorlage anbietet, erkennt in dem „gierigen Lesen“ Ähnlichkeiten mit einer Sucht.

Hustvedt ist zweifellos eine Fleißarbeiterin mit streberhaftem Zug; 17 und eine halbe Seiten umfassen die Anmerkung zu ihrem neuen Buch. Diese Detailbesessenheit, ihr umfangreiches Wissen stehen der Kunst manchmal im Wege. Doch gelingt ihr in Die zitternde Frau in großen Zügen die positive Transformation der Unbeherrschbarkeit ihrer Existenz, der Fragmente ihres verwundeten Selbst zu einer verzweigten Exkursion durch die Mysterien von Körper, Geist und Gehirn in Folge wechselnder wissenschaftlicher Strömungen und intellektueller Moden.

Mit zahlreichen Beispielen navigiert sie eloquent durch die Begrifflichkeiten; wie diese sich etwa im Fall der Hysterie mehrfach ändern und neu bewertet werden. Sie tritt in ein Zwiegespräch mit imaginierten Experten – Psychiater, Psychoanalytiker und Neurologen – und konfrontiert sie mit ihrem Wissen über Epilepsie, Migräne, Schizophrenie und ihrer Selbstdiagnose Konversionsstörung, der zeitgemäßen Begrifflichkeit für Hysterie.

Geheimnisvolle Zuckungen

Hustvedt zitiert Theoretiker, etwa Lacan, Wittgenstein und Husserl, und vertieft sich in die Naturwissenschaft. Sie favorisiert wie Rita Charon, eine Medizinerin und Literaturwissenschaftlerin, die Form der narrativen Medizin. Charon sehe es als ihre Aufgabe, das Geschichtenerzählen in die medizinische Praxis zurückzubringen, damit die Realität des Leidens Einzelner nicht verloren gehe.

Hustvedt selbst kehrt in ihrem Buch immer wieder zum Topos der zitternden Frau als Schlüsselmoment in ihrem Leben zurück, der universell gelesen werden kann. Das macht es lehrreich, gleichsam aber auch enervierend. Der Musterkatalog der Krankheiten, auch der persönlichen, und ihrer Interpretationen ist unerschöpflich.

Nach ihren „geheimnisvollen Zuckungen“ bringt die Schriftstellerin ein „anderes neurologisches Rätsel auf den Tisch“, an dem die Mutter und die drei Schwestern versammelt sind: auditive Halluzinationen. Ein Phänomen in der Familie, stellt sich heraus, da gesteht eine der Schwestern, die einzige nicht halluzinierende, dass sie sich etwas ausgeschlossen fühle; ein Witz unter Intellektuellen.

Listen werden abgearbeitet, unter anderem die bipolarer Dichter und Denker sowie berühmter Epileptiker – wer unter Nervenschwäche leidet, befindet sich in guter Gesellschaft. Nach mehr als 190 Seiten fühlt man sich an einen Hypochonder erinnert, der beharrlich durch das Klinische Wörterbuch „Pschyrembel“ blättert. Fünf Seiten später liest sich der Satz „Krankheit schafft nicht zwangsläufig Einsicht“ als ketzerischer Kommentar zum anschwellenden Textfluss.

Nach ihren Fantasieausflügen zu imaginierten Experten begibt sich Hustvedt in Therapie. Mit einem Medikament unterdrückt sie vor öffentlichen Auftritten das Symptom des Zitterns. Doch kein Arzt kann ihr sagen, „wer die zitternde Frau ist“.

So kommt die Schriftstellerin am Ende des Buches zu einer Sowohl-als-auch-Erkenntnis, die pragmatisch orientierte Zeitgenossen vorab konstatiert hätten: Die Zweideutigkeit von Krankheit und Diagnose lässt „nichts Dingfestes“ zu, „es gibt zahlreiche Faktoren, die auf den verschlungenen Pfaden der zitternden Frau eine Rolle spielen oder nicht“. Auf der Schnitzeljagd nach dem verwundeten Selbst gibt es am Ende kein Allheilmittel als Belohnung, es entsteht kein konformes Bild; aber die Einsicht, dass das Sammeln fragmentarischer Schnipsel und ihre Anordnung in der Erzählung einen Weg zum autobiografischen Zusammenhang markieren.

 
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Kommentare
Columbus schrieb am 03.03.2010 um 22:28
"Wo andere sich mit der medizinischen Diagnose und nachfolgender Medikation zwecks Stabilisierung in der Störung zufrieden stellen lassen,...."

Liebe Frau Mattern, so nett die Vorstellung ist, so wenig geht das, weder im wissensgestützten Roman, noch in der Lebenswirklichkeit, noch bei einem autobigrafisch anghauchten oder durchsetzen Bericht.

Das Leben beult, gerade bei der Konversion und Somatisierung, immer wieder an anderer Stelle aus, bevor Sie und ich ihm, was den eigentlichen Konflikt, die eigentliche Ursache angeht, nicht auf die Schliche gekommen sind. - Der Punkt ist und da gebe ich Ihnen Recht, die persönliche "Espenlaub"-Reaktion stoppt auch nicht nach einer fundierten öffentlichen Selbstauskunft und ihre leisen Zweifel, ob der/die Leser nicht auch die Frage stellen, ob es einfach mittlerweile chic für Prominenz jeglicher Art ist, ihre ganz persönliche Lebenswelt vor dem Publikum aus zu breiten, das aber letztlich nur ein "Privileg" der Aufmerksamkeitsökonomie ist, teile ich.

Bedenklich finde ich, wenn das Buch schon informierende Teile enthält, die verschiedenen Ursachen für Furcht und Zittern so zu vermengen, das sogar Rezensentinnen die Symptome und Pseudosymptome, wie die Krankheiten durcheinander werfen.

Bei einigen helfen Pillen wirklich, bei anderen dienen sie nur zur Kaschierung der Symptome. Konversionsreaktionen haben eben nur sehr bedingt etwas mit Epilepsie oder bipolaren Störungen, oddr Epilepsie zu tun! Das Lesepublikum macht aber aus dem ein Konglomerat und verwechselt Soma mit Psyche und umgekehrt.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
kay.kloetzer schrieb am 05.03.2010 um 21:57
Vieles muss offen bleiben. Und aus diesem Grund finde ich Siri Hustvedts Buch sehr anregend. Sie findet die genaue Ursache ihres Zitterns nicht, sondern bekennt sich zu dem Gedanken, eben die zitternde Frau zu sein. Für mich ist die Botschaft dieses Buches, dass wir nicht allzuviel wissen über das Zusammenspiel von Körper, Seele, Geist. Die einen wissen das eine, andere glauben etwas anderes. Ärzte oder Analytiker versuchen von zwei Seiten, den Berg zu besteigen.

Ideen werden zu Überzeugungen und Überzeugungen zu Waffen im ideologischen Krieg, schreibst Hustvedt. "Was wir sind und wie wir gemacht sind, ist sicher ein Schlachtfeld in einem dieser Kriege. Die Sturen und die Milden fahren immer neue Geschütze gegeneinander auf.“

Die Autorin vertraut keinen Antworten, schon gar nicht den schnellen, leichten. das finde ich wichtig.
kk


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