Was habe ich gesehen?
The Hurt Locker – Tödliches Kommando, 2009, Laufzeit: 131 Minuten, Regie: Kathryn Bigelow.
Oscars:
6 – Original Drehbuch, Ton, Tonschnitt, Schnitt, Regie, Film.
Warum habe ich es gesehen?
Ich war erst halbwegs durch mit Mad Men 3 als ich in der Videothek meines Vertrauens überrascht feststellte, dass der diesjährige Oscar-Abräumer in Deutschland schon längst auf DVD erschienen ist.
Wo habe ich ihn gesehen?
Nachts im Bett – kein Problem.
Worum geht es?
Um eine dreiköpfige Spezialeinheit der US-Truppen im Irak und ihre tägliche Arbeit, Bomben zu entschärfen. Die Drei geben die stereotypen Rollen wieder, die in Männerbunden nun mal so auftauchen: Sanborn, der erfahrene Zweifler, Eldrigde das ängstliche Weichei, James, der machohafte Wortführer. Wir sehen sie in immer ähnlichen, doch immer wieder spannenden Situationen; eine Straße, ein Haus, ein Platz werden abgesperrt, damit der arschcoole Entscharfmacher James in seinem taucherglocken-haften Schutzanzug schwitzend ein paar gelbe Kabel durchtrennen kann, während die anderen gestresst mit ihren Waffen herumfuchteln. Eldrige macht sich jedes Mal fast in die Hose, Sanborn regt sich furchtbar über James auf und James bleibt unberührt.
Der Film in einem Satz:
Kaputte Typen in einer kaputten Welt, die Sachen kaputt machen.
Sind die Oscarauszeichnungen berechtigt?
Zumindest fragwürdig. Der Film ist cinematographisch sicher toll, aber inhaltlich einfach eine langweilige Variation der klassischen amerikanischen Kriegsnarration: Life is hard – aber einer muss den Job machen. Natürlich ist es ein Anti-Kriegsfilm. Natürlich hat selbst der kaltherzige James Gefühle, natürlich kriegt man ein klein wenig Lust, auch mal in den Krieg zu ziehen, natürlich ist es der weinerliche Eldrige, den es erwischt. Natürlich gibt es eine homoerotisch aufgeladene Rangelszene, in der die Drei ihre Gefühle füreinander zeigen, indem sie sturzbetrunken sich gegenseitig in den Bauch boxen, und natürlich endet der Film so, dass James in der zivilen Umgebung seiner heteronormativen Kleinfamilie nicht klarkommt, sondern wieder seiner Bestimmung folgen muss: Bomben entschärfen. Mag sein, dass es im Irak wirklich so zugeht, aber ich finde das noch kein Argument für so einen Film.
Nettobotschaft:
Pain is weakness leaving the body.
Der Satz, der einem im Irak weiterhilft:
USA friendly coming through/in – Ausruf, der den US-Soldaten signalisiert, dass man ihnen freundschaftlich gesonnen ist.
Was sehe ich als nächstes?
Mad Men – Season 3.
Nachdem er ein Jahr lang jede Woche ein Buch gelesen hat, sieht sich unser Kolumnist Mikael Krogerus nun jede Woche einen Film an. Letzte Woche: When a Stranger Calls, der Lieblingsfilm von Slavoy Žižek
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Ich mich auch, verdammt. Kennst du schon Season 3? Mein Eindruck bisher: besser als 2. Und 2 war gut.
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Ein "Anti-Kriegsfilm", bei dem man "ein klein wenig Lust kriegt, auch mal in den Krieg zu ziehen" - ich glaube, ich werde mir den Film schenken. Hört sich an wie "der Krieg ist schlimm, aber die Amis trotzdem cool". So was braucht kein Mensch, davon gibt's schon Hunderte von Filmen. Auf den Film, der zeigt, warum dieser Krieg überhaupt stattfindet (ich gehe davon aus, dass viele Amerikaner immer noch glauben, der Irak habe etwas mit 9/11 zu tun und es gebe dort Massenvernichtungswaffen) oder was die amerikanische Uranmunition bei irakischen Babys anrichtet, werden wir eh vergeblich warten, und wenn Hollywood ihn jemals machte, würde er garantiert nicht nur niemanden interessieren, sondern außerdem auch keine Oscars gewinnen.
"Mad Men" - was ist das? Eine Serie über Bush, Rumsfeld und Cheney? |
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Ihre Einschätzung ist richtig. Es ist genau dieser Punkt, dass die US-Jungs bei aller Kritik eben doch als "irgendwie lässig" dargestellt werden, der ein fahles Gefühl zurücklässt. Es ist dieses perfide Darstellen von Heldentum und Mut und Ehre und Würde und all dieser Wertewahnsinn, den die Amis so unnachahmlich auch in ihren "kritischen" Film verpacken. Man bewegt sich, auch als kritischer Geist, nicht ausserhalb des Systems - daher meine Kommentar "natürlich kriegt man ein klein wenig Lust, auch in den Krieg zu ziehen".
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schrieb am
21.03.2010 um 16:59
Mir selbst mit beiden Fäusten auf die Brust trommelnd muss ich hier einmal verkünden: »Ich habe den Film bereits gesehen als er im Kino lief!« Lust in den Krieg zu ziehen, habe ich dabei nicht bekommen. Lust mir den Film irgendwann noch einmal anzuschauen übrigens auch nicht. Wie bei allen Filmen die ich bisher von Kathryn Bigelow (»Strange Days«, »Blue Steel«, »K-19«) gesehen habe, bleibt man vom Geschehen auf der Leinwand irgendwie unberührt und fragt sich am Ende, wozu man sich das alles angeschaut hat. Herr Krogerus, der leicht beiläufige Ton in Ihrer Kritik lässt mich vermuten, dass Sie ein ähnliches Gefühl hatten.
Nun frage ich mich überdies schon seit zwei Wochen, was es wohl zu bedeuten hat, dass ausgerechnet die erste mit einem Regie-Oscar ausgezeichnete Frau, stets eine so männliche Erzählperspektive bemüht. |
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schrieb am
21.03.2010 um 20:42
Der Film läuft übrigens immernoch im Kino. War letzte Woche drin. Vielleicht ja auch nach der Oscarnacht wieder auf den Spielplan gebracht?
Lust mit den Herren im Irak zu tauschen, bekam ich allerdings nicht. Was der Film definitiv nicht hat, ist eine irgendwie geartete Aussage, die über die gezeigte Handlung - eher eine Abfolge von Szenen - hinausgeht. Und gerade das hat mich nach dem Abspann ein wenig nachdenklich zurückgelassen. Letztlich entspricht dies der Hauptperson des Film, der offenbar auch nicht weiß, warum er sein Leben aufs Spiel setzt. Nichts unbedingt das, was ich als "arschcool" bezeichnen würde. |
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Hallo gweberbv,
also ich fand die Hauptfigur durchaus cool. Die Gestik, die Verlangsamung seiner Bewegung, die Unerschüttertheit, mit der er die Todesnähe ertrug, die gut dosierten Gefühlsausbrüche, die Art, wie er Zigaretten rauchte, seine reduzierten Gesichtszüge, die Dramatik, mit der er aus Bagdad (in der Abendsonne!) zuhause anruft und dann nichts sagt – ich bitte Sie, das ist doch cool. Ich sage nicht: das ist gut, mein Punkt ist: hier wird uns das Thema "Junge Männer im Krieg" in einer sehr stilisierten, nämlich coolen Form verkauft. Es war viel zu lesen, dass Hurt Locker ohne jegliche Ideologie auskäme. Das ist Quatsch. @ ich: "Blue Steel" und der hilflos überschätzte "Strange Days" waren in der Tat sehr kühle Filme. Das Motiv in Blue Steel war vielleicht am ehesten die Darstellung einer erfolgreichen Frau in einer kaputten Männerwelt. Aber geht es Bigelow darum? "Nun frage ich mich überdies schon seit zwei Wochen, was es wohl zu bedeuten hat, dass ausgerechnet die erste mit einem Regie-Oscar ausgezeichnete Frau, stets eine so männliche Erzählperspektive bemüht." Und, wie lautet Ihre Antwort? Ich frage mich eher, warum ist es so wichtig zu betonen, bzw. zu erörtern, inwiefern Bigelow eine männliche Erzählperspektive einnimmt? Any ideas? |
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schrieb am
25.03.2010 um 10:33
@Mikael
Mit seiner Familie nicht (mehr?) reden zu können - das finde ich traurig und beängstigend, nicht cool. Cool - nach meinem Empfinden - ist das: www.youtube.com/watch?v=Uzw0yXO-Oqg www.youtube.com/watch?v=Wi8RTlFxcUI |
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schrieb am
26.03.2010 um 14:21
@ Mikael Krogerus
»Und, wie lautet Ihre Antwort?« Ja wenn ich die mal fände; vielleicht soll's aber einfach nicht sein. Aber Sie haben mir ja gleich noch eine Frage draufgeschlagen. |
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Das ist fein. So komme ich zu persönlichen Eindrücken von Filmen, die ich mangels Kinos nicht sehen kann: Provinz, Kino höchstens alle sechs Wochen, weil zu weit weg. Internet ist toll ,)
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Ganz und gar "unarschcool" wird es, wenn es um die Bomben geht, die nicht einmal mehr der lässigste Ami entschärfen wird: "Todesstaub" - "Deadly Dust" - "Frieder Wagner".
Jede Eingabe führt zum Ziel: Uranmunitionsfeinststaub und dessen Folgen. Ist aber gar nicht cineastisch-lustig, was man da erfährt und sieht; Kinder sollten sich lieber Hollywood Filme mit Mamaoskar anschauen. |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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