Es war nicht alles schlecht in Westdeutschland. Aber man fragt sich doch, wofür Konrad Adenauer sich nach den Nazi-Jahren all um die Westanbindung und damit einen Weltanschluss bemüht hat, wenn selbst unter Helmut Kohl noch Menschen zweisprachige (sic!) Schulen in Bonn besuchen konnten, deren Vorstellungen von lebensweltlicher Pluralität über einen Dorfanger von Piefigkeit nie hinausgekommen sind. Und das obwohl diese Menschen zur Horizonterweiterung tapfer Denver-Clan und Schwarzwaldklinik geschaut haben. Susanne Frömel jedenfalls gesteht im aktuellen Magazin der Süddeutschen Zeitung: "Ich war 20 Jahre alt und blöde, wie nur Zwanzigjährige sein können."
Zum Glück, möchte man meinen, sind diese Zeiten vorbei. Aber leider sind sie das nicht, auch wenn die dieswöchige Themenausgabe besagten SZ-Magazins eine äußerst rührende Mission hat: Gerechtigkeit für diese Ostdeutschen! Im Aufmacher enthüllen Christoph Cadenbach und Bastian Obermayer: "Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung hat Deutschland ein Diskriminierungsproblem." Dass Cadenbach und Obermayer wissen, wovon sie reden, zeigt nicht nur der selbstkritische Hinweis: "Auch das SZ-Magazin macht da keine Ausnahme, weder in der Textredaktion noch in Grafik oder Bildredaktion sind Ostdeutsche zu finden."
Es zeigt sich vor allem daran, dass das ossilose SZ-Magazin sich "zwanzig nach der Wiedervereinigung" noch immer über diese Ostdeutschen beugt wie Ernst Jünger sich weiland über seine Käfer. Vielleicht ist es in München einfach auch noch nicht möglich, diese Ostdeutschen nicht nur als Ostdeutschen zu begreifen: Manuela Schwesig, SPD-Sozialministerin in einem dieser fünf neuen Länder, muss in der beliebten Fotoreihe "Sagen Sie jetzt nichts" Gesichter zu lauter Fragen ziehen wie "Stimmt es, dass Ostdeutsche freizügiger flirten und mit Sex umgehen?". Da freut man sich naturgemäß auf das bald ins Haus stehendeThemenheft "Westdeutsche", in dem Baden-Württembergs FDP-Justizminister Ulrich Goll dann gefragt wird: "Stimmt es, dass westdeutsche Porschefahrer nur deshalb Porsche fahren, weil sie kleine Penisse haben?"
Quentin Tarantino!
Aber wir wollen nicht nur schimpfen. Denn am SZ-Magazin ist nicht alles schlecht. Zum einen wurde es von der "ostdeutschen" Agentur cyan gestaltet, dient also unbürokratisch der Soforthilfe für die diskriminierte area. Und außerdem kann dieser Ostdeutsche beim Lesen ja auch endlich mal checken, wie es vielleicht doch noch klappt mit dem Ankommen im Westen: Entweder so schick verlottert aussehen wie eine brandenburgische Fabrikantenvilla, dann hält auch ein Fondsmanager und investiert. Oder für coole Leute arbeiten wie der Designer Daniel, der Filme von Menschen mit bekannten Namen ausstattet. Dann fällt es Susanne Frömel auch leichter, ihre Dummheit von einst zu begreifen und ihren "ersten Ossi" lieben zu lernen: "Ich hätte nie gedacht, dass Daniel, der Typ aus dem Jeansanzug, mal mit Quentin Geschäfte machen würde."
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