Kultur

AUTORINNENINTERESSE | 09.06.2000 00:00 | Ulrike Helwerth

Die Rebellinnen von 1905ff

Das Berlin der zwanziger Jahre und seine "Neuen Frauen"

Wenn die Zeitmaschine endlich erfunden ist, werde ich mir einen langersehnten Wunsch erfüllen: eine Reise in das Berlin der Zwanzigerjahre, als die Stadt noch Weltstadt war und der Potsdamer Platz noch nicht Legolandia. Hineinstürzen werde ich mich in die Vier-Millionen-Metropole mit ihren 49 Theatern, ihren zahllosen Kabaretts, Kleinkunstbühnen, Kinos und anderen Amüsiertempeln. An jeder Ecke ein (Künstler-)Café und an jeder dritten eine Schwulen- und Lesbenkneipe. Ach, Berlin. Goldene Zwanziger!

Ute Scheub hat sich schon auf die Reise gemacht. Auf der Suche nach unseren ideellen Großmüttern, geistigen Vorfahrinnen, jenen Frauen der jungen Weimarer Republik, die das Korsett der alten Zeit gesprengt hatten und nun - als feministische Avantgarde - mit Bubikopf, kniekurzen Röcken oder Hosen! mit Monokel, Zigarettenspitze, Schlips und "verrückt nach Leben" diese hot spots bevölkerten.

Frauen wie die Lektorin und Autorin Vicki Baum, die Gerichtsreporterin Gabriele Tergit, die freie Autorin und Kabarettgründerin Dinah Nelken und die Modejournalistin und Feuilletonistin Helen Hessel, die Kabarettistinnen Claire Waldoff, Valeska Gert, Rosa Valetti und Trude Hesterberg, die Dadaistin Hannah Höch, die Skandaltänzerin Anita Berber oder die junge, noch völlig unbedeutende Schauspielerin Marlene Dietrich. Als erwerbstätige Frauen, (alleinerziehende) Mütter, als Geliebte, Zweit- oder Ehefrauen fühlten sie sich als Pionierinnen und ihren Müttern weit voraus: "Eure Welt war so eng wie ein Kaninchenstall, auf allen Seiten mit Brettern vernagelt und ohne Lüftung. Wie haben wir euch erschreckt, als wir aus euren Wänden ausbrachen, wir jungen Mädchen von 1905, wir mit unserem Ibsen und Nietzsche, mit unserm Tristan-Fieber und unserer Rebellion gegen das Bürgerliche, wir mit der Forderung nach eigenen Wegen und Luft und Arbeit und dem Hunger nach wirklichem Leben ohne Verschleierungen und Fiktionen", schrieb Vicki Baum.

Aber das wirkliche Leben in dieser überhitzten, von Wirtschaftskrise und galoppierender Inflation gebeutelten Stadt war hart und oft genug Überleben. Mit ihrer Kunst und ihrem Schreiben brachten es die wenigsten Frauen zu Reichtum. Sicher, sie wurde durchaus bewundert und verehrt, die "Neue Frau": "Sie hatte alles Provinzielle abgestreift und damit auch die Unarten der Jahrhundertwende, vor allem das sternäuige Kokettieren mit Naivität und Ahnungslosigkeit. Die neue Berlinerin hat klare Augen, und ihrer äußerlichen Sachlichkeit stand die kleine Beigabe von Sarkasmus gut", schrieb begeistert der Journalist Walther Kiaulehn, der mit seiner Kollegin Gabriele Tergit das Redaktionszimmer beim Berliner Tagblatt teilte.

ANZEIGE

Davon einmal abgesehen, führten die Rebellinnen "gegen das Bürgerliche" harte Kämpfe gegen minderbezahlte Arbeit, gegen exzentrische Ehemänner und grausame Geliebte; sie schlugen sich mit komplizierten Dreiecksbeziehungen, Doppelbelastung, illegalen Abtreibungen und den Altlasten ihrer Erziehung herum.

Mit Phantasie und Einfühlungsvermögen schildert Ute Scheub, wie das Leben dieser Frauen in den Zwanzigerjahren in Berlin gewesen sein mag. Dabei bekommt der Mythos vom goldenen Jahrzehnt natürlich zahlreiche Schrammen. Die schön bebilderte Zeitreise ist dennoch vergnüglich und abwechslungsreich, auch wenn manche Enkelin im Geiste beklommen die kurze Strecke abmisst, die sie und ihre Zeitgenossinnen seitdem vorangekommen sind.

Ute Scheub: Verrückt nach Leben. Berliner Szenen in den zwanziger Jahren. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2000, 192 S., 18,90 DM.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG