Kultur

LITERATUR NACH DER WENDE | 29.09.2000 00:00 | Ingo Arend

Gesinnung

Kein Ende der Gesinnungsästhetik

Irgendeiner hat immer was zu meckern. Nur Kontinuität darf man nicht erwarten. Die Literaturkritik hat es der gesellschaftsreflektierenden Literatur in Deutschland nicht leicht gemacht. Als 1996 der Ostdeutsche Ingo Schulze seine Simplen Stories veröffentlichte, eine lakonische Bilanz deutschen Alltagslebens im Osten nach dem Mauerfall, jubelte die Kritik. Das überschätzte Buch, ein ästhetisches Amalgam, eigentlich ein Fall nachholender Modernisierung, nämlich die Verwertung ostdeutschen Schicksals unter deutlicher Zuhilfenahme amerikanischer shortstory-Techniken, schien plötzlich die Erlösung aus der Sehnsucht nach dem grossen deutschen Wenderoman jenseits von Grass zu versprechen. A star was borne. Die Perspektive von unten, der nüchterne Ton, die Abwesenheit von allzuviel Pathos, das pragmatische Durchwursteln unter schweren neuen Bedingungen - etwas Besseres ward nie gesehen. Prompt erkor der Lübecker den scheinbar neutralen Realisten Schulze zu seinem Erben. Schwer lastet seitdem die Rolle des Kronprätendenten der kritischen Nationalliteratur auf dem freundlichen jungen Mann.

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Als der Westdeutsche Michael Kumpfmüller in diesem Sommer Hampels Fluchten veröffentlichte, ging es plötzlich wieder ganz andersherum. Ein erstaunlich sicheres Debüt. Aber auch kein genialer Wurf. So, wie der Autor mit ein paar Pappschildern 45 Jahre deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte am Rande einer Säuferpassion aufstellt, zeigt der Roman eigentlich mehr das Problem, wie man subjektive Perspektive und objektive Geschichte wohl am besten verschmilzt. Das Literarische Quartett reagierte ungnädig. Gegen diese leicht manierierte Stilübung wurde plötzlich schweres politisches Geschütz aufgefahren. Hier war nun die Banalität des Schicksals des deutsch-deutschen Bettenverkäufers degoutant. Dass jemand wieder das ganz normale Durchwursteln in den Blick genommen hatte, wurde ihm diesmal als Verharmlosung des Totalitarismus à la DDR zur Last gelegt. Zeit-Kritikerin Iris Radisch verblüffte mit dem Gebot, dass doch möglichst nur ostdeutsche Schriftsteller ihre eigene Geschichte in Literatur darstellen sollten und keine westdeutschen Jungspunde. Es gebe doch genug ostdeutsche Schriftsteller, die das könnten. Das war nicht nur eine peinliche Anbiederung an die tatsächlich oft untergebutterten ostdeutschen SchreiberInnen. Doch im Kern ist diese originelle Kunstmaßgabe womöglich totalitärer als Kumpfmüllers schäbige, kleinbürgerliche DDR. Wenige Monate zuvor hatte Radisch beim Klagenfurter Literatur-Wettbewerb noch die Phantasie und nichts als die Phantasie zum Leitstern des ästhetischen Schaffens erhoben, und nicht etwa die landsmannschaftliche Abstammung, und heftig gegen die alten Männer gegiftet, in deren trauter Quartett-Runde sie sich nun niedergelassen hat. Die hatten sich nämlich über die lackierten Eiswürfel in Sabine Riedels Debüt-Roman mokiert, die es angeblich gar nicht gebe. Doch was kümmert mich mein Kriterien-Schnee von gestern?

Autoren wie Kumpfmüller oder Schulze markieren zwar einen Generationenwechsel. Die literarische Ost-West-Spaltung ist damit aber nicht überwunden. Die notorischen Nostalgiker und Apokalyptiker Ost sind am Rande gelandet. Auch die dokumentarische Literatur der unmittelbaren Wendezeit mit ihrem Abrechnen und Rechthaben läuft aus. Das schreckliche Wort von der »inneren Einheit« sollte man bitte vermeiden - in Sachen Literatur erschöpft sich das Gute, was damit gemeint sein könnte, jedoch oft im Programmdesign. Adolf Endler wird nun nachträglich bei Suhrkamp zum Klassiker promoviert. Als underdog hatte er keine Chance. Währenddessen ist die Pop-Generation damit okkupiert, das Trauma der geschichtslosen 80er Jahre West zu verarbeiten. Merkwürdig: Eigentlich sollte die jüngere Literatur à la Schulze und Kumpfmüller den Differenzpunkt zur verderbten Gesinnungsästhetik markieren. Nun wird sie wie eine Ersatzhistorie diskutiert und diesmal durch eine Gesinnungskritik Projektionsfläche von Moral. Wer sich die Welt ohne Maßregeln anverwandelt, verfängt sich freilich immer in deren Schlingen. Zwar überwiegt der Gestus des Chronisten. Aber Schulzes Ost-Short-cuts sind so wenig wertneutral wie Michael Kumpfmüllers indirektes Lob des Durchlavierens. Georg M. Oswalds Kritik an der Welt des Geldes und der Banken in seinem neuen Buch Alles was zählt könnten wir auch noch hinzuzählen. Tja, liebe Kritik. Man soll der Literatur eben keine Vorschriften machen!

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