Kultur : Wittig und ein Engel aus dem fernen Osten

Der Molekularbiologe Burghardt Wittig entwickelte die Genfähre MIDGE, gründete die Mologen Holding AG und wurde "Unternehmer des Jahres 1999" für Berlin-Brandenburg

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Der Name Burghardt Wittig könnte irgendwann im Lexikon auftauchen. Gleich vor dem des polnischen Bildhauers Edward Wittig und kurz hinter Wittgenstein. Als Entwickler der nach bisherigem Ermessen gefahrlosen Genfähre MIDGE gehört er in eine Reihe gestellt mit Ignaz Semmelweis, der die Desinfektion zur Krankheitsvorsorge durchsetzte, und Sir Alexander Fleming, der als Erfinder des Penicillins gilt. Auch Wittig ist gelernter Mediziner. Einer wie aus dem Bilderbuch. Er strahlt jene Souveränität und Güte aus, die die "geborenen Ärzte" von den nur ausgebildeten trennen. Um das Klischee perfekt zu machen, spielt der weißhaarige, sonnengebräunte Mann im besten Chefarztalter von Anfang 50 auch vom Habitus her jeden TV-Doktor an die Wand.

Wittig ist Mediziner der neuen Generation. Schon während seines Studiums distanzierte er sich von der klinischen Medizin, die "zwar enorme Fortschritte in der Technik - also im Auseinanderschneiden und Zusammensetzen - machte, aber wenig gelernt hatte, die Ursachen von Krankheiten zu erforschen." Zuviel Energie, bemängelt er, galt dem Sozialstatus, der Aura in Weiß - und zu wenig naturwissenschaftlichen Methoden. Er studierte parallel Physik, erlernte im elterlichen Betrieb den Beruf des Hörgeräteakustikers und entschied sich für die molekularbiologische Forschung. Jetzt kann er als Molekularbiologe Schädigungen des menschlichen Organismus auf der Ebene von Zellen, Genen, Proteinen und Enzymen angehen. "Wenn man es nur weit genug sieht, dann sind die Krankheiten, die wir bekommen, nichts anderes als erworbene genetische Defekte." Ob Herzinfarkt, Diabetes, Arteriosklerose oder Krebs, fast alle Krankheiten beruhen auf im "Vorleben" eingetretenen Fehlfunktionen der genetisch gesteuerten Signalübertragungsnetze. "Selbst Phänomene wie Stress oder Überarbeitung", sagt Wittig radikal, "sieht man heute als Einfluss von mentalen und emotionalen Zuständen auf bestimmte gengesteuerte Signalketten. ›Das Immunsystem ist schwach‹ heißt: Die Information zur Produktion bestimmter biochemischer Verbindungen wird von den zugehörigen Genen in falscher Zusammensetzung oder zum falschen Zeitpunkt abgelesen."

Theoretisch ist die Sache geklärt. Man weiß, warum Metastasen wuchern und wie man dem Zuviel an Zellteilung und dem Mangel an Zelltod beikommen kann. Ein anderer, von Wittig momentan erprobter, therapeutischer Einsatz sieht vor, Patienten einige ihrer Tumorzellen herauszunehmen und ihr genetisches Produktionsprogramm so zu verändern, dass sie vom Immunsystem des Patienten als "fremd" und "fehlgesteuert" erkannt werden können. Dann werden die genmodifizierten Zellen den Patienten unter die Haut eingespritzt, und anhand dieser Zellen wird das körpereigene Immunsystem dafür ausgebildet, auch die nicht genmodifizierten Tumorzellen in den Patienten zu erkennen. Um die dafür notwendige neue genetische Information in den Zellkern zu befördern, benötigt man sogenannte Genfähren. Seit Anfang der neunziger Jahre wurden über 400 klinische Studien für Gentherapie eingeleitet. Entgegen der hochgesteckten Erwartungen führte bislang noch keine zu einem Erfolg. Die meisten Studien bleiben in Phase I oder II stecken, in denen vornehmlich Sicherheit und etwaige Nebenwirkungen der Medikamente getestet werden. Nur einige wenige Studien befinden sich in fortgeschrittenen Phasen, darunter eine Darmkrebstherapie und eine Therapie gegen bestimmte Lymphzelltumoren, an denen Wittig als Mitglied der Studienkommission beteiligt ist. Erst nach deren Abschluss können fundierte Aussagen über die Wirksamkeit der Substanzen gemacht werden. In der tiermedizinischen Erprobung wird ein genbasierter vorbeugender Impfstoff gegen FIV, das sogenannte Katzen-AIDS getestet, von dem man auch wichtige Erkenntnisse im Kampf gegen HIV erwartet. "Bloß keine verfrühte Hoffnung schüren", warnt Wittig jedoch. Erst in einigen Jahren könne man auf vorbeugende Impfstoffe gegen AIDS hoffen. Noch in einer Vorstufe befindet sich die Entwicklung eines genetischen Impfstoffes gegen Hepatitis B. Neben Gentherapien kann sich die genetische Impfung zu einem wirkungsvollen Mittel der Medizin der Zukunft entwickeln. Anstatt abgeschwächte - und mit einem Infektions- und anderen Sicherheitsrisiken behaftete - Erreger zu injizieren, bräuchte man nur Teile von deren DNA zu verwenden, um dann mit einem geimpften genetischen Bauplan das Immunsystem zur Bildung von Antikörpern und Abwehrzellen zu stimulieren.

Das kritische Element vieler Studien ist die verwendete Genfähre. Anfangs nutzten die Forscher den Mechanismus von Viren, um in die Zellkerne eindringen zu können. Die Viren werden abgeschwächt, das therapeutisch wirksame Gen in die Virushülle gepackt und das modifizierte Virus dem Patienten injiziert. Häufig genug stieß das Immunsystem des Probanden den Virus jedoch ab. In besonders tragischen Fällen lösten die Viren aber auch so schwere Nebenwirkungen aus, dass sie sogar zum Tode des Patienten führten. Der US-Amerikaner Jesse Helsinger war 1999 das erste bekannt gewordene Opfer dieser Neuauflage von "Russisch Roulette". Obwohl vereinzelt noch weiterhin eingesetzt, hätten virale Genfähren kaum Aussicht auf Zulassung zum Medikament, schätzt Wittig ein. Eine andere Art von Genfähre, die aus ringförmiger "nackter" DNA aus Bakterien besteht, sei wenig effizient. Darüber hinaus gebe es auch bei "nackter" DNA aus Bakterien Sicherheitsbedenken und ungewollte Fehlreaktionen des Immunsystems, weil sie neben der therapeutischen menschlichen Geninformation noch bakterielle Gene enthält. Die von Wittig und seinen Kollegen entwickelte Genfähre MIDGE hingegen besteht nur aus der therapeutischen DNA sowie Steuerelementen, die die Fähre zur gewünschten Zellart leitet. Der Trick besteht darin, dass Wittig DNA-Stränge an der gewünschten Stelle durchtrennen, versiegeln und transportieren kann. Entstanden ist es als "Abfallprodukt" eines Forschungsvorhabens, was Wittig noch heute in Entzücken versetzt. "Die MIGDE ist so begeisternd, weil sie ursprünglich nur als Modell-Molekül für die Grundlagenforschung geschaffen wurde."

Mittlerweile bringt der Forscher, der einst auch am renommierten MIT arbeitete und 1989 das Institut für Bioinformatik und Molekularbiologie der FU Berlin aufbaute, mehr Zeit im feinen Zwirn als im weißen Laborkittel zu. 1996 gründete er die Mologen GmbH, um besser Kapital für die Weiterentwicklung und Patentierung seiner Entwicklung akquirieren zu können. Zwei Jahre später ging die Mologen Holding AG an die Börse; Wittig wurde Vorstandsvorsitzender und ein Jahr später sogar "Unternehmer des Jahres 1999" für Berlin-Brandenburg. Neben dem Profanbau aus den siebziger Jahren, in dem das FU-Institut untergebracht ist, ließ Wittig für sein neues Unternehmen mit vier Millionen DM neue Laborräume bauen. 2003 geht dieser Trakt an die FU über - eine andere Form, die Universität für vorher bereitgestellte Forschungskapazitäten zu bezahlen, gab es zu diesem Zeitpunkt nicht.

Ein Faktor für den Aufstieg von Mologen an der Börse ist neben den Wissenschaftlern ein Engel aus dem Fernen Osten. Jian Zhou ist gebürtiger Chinese und seit elf Jahren in der Bundesrepublik Deutschland. Er sieht sich als "value added investor" - die nächsthöhere Entwicklungsstufe eines "Business Angel" der neben der langfristigen Bereitstellung von Kapital und Kontakten nur beratend und nicht diktierend in die Belange des Unternehmens eingreift. Etwa sechs Prozent der auf 500 Millionen DM geschätzten Mologen AG halten er und seine Frau.

Auf Pressekonferenzen und Hauptversammlungen weiß der 32-jährige regelmäßig sein Publikum zu verblüffen und langjährige Geschäftspartner mitunter zu ermüden. Das bremst den Mann aus Shanghai jedoch keineswegs in seinem Argumentationsdrang. Er predigt einen Kapitalismus mit "menschlichem Antlitz". Nicht um schnelle Gewinne gehe es, sondern darum, eine fundierte Innovation zu unterstützen. Investoren trügen eine Verantwortung für die Firmen, an denen sie sich beteiligen. Sie hätten die Aufgabe, sie vom Baby zum Kind bis hin zum Erwachsenen reifen zu lassen. Wenn sich später einmal das eingesetzte Kapital vermehre, sei das nichts anderes als eine Belohnung für das Engagement. Zhou bezeichnet sich selbst als fanatischen Investor von Netscape. Er ist der Firma auch treu geblieben, als der Kurs zu Boden sackte und die Zocker das sinkende Schiff verließen. Aus Prinzip hielt er die Anteile. Weil er überzeugt war, dass der erste Internet-Browser ein technologischer Meilenstein sei und deshalb auch über kurz oder lang ein kommerzieller Erfolg. "Prinzipien", sagt Zhou, und jetzt klingt es wie der Spruch auf einem Kalenderblatt, "erweisen sich nur als Prinzipien, wenn man auch dann an ihnen festhält, wenn man Verluste erleidet." Allerdings müsse man von falschen Prinzipien auch Abstand nehmen können.

Kurse hält Zhou für weitgehend überschätzt. Sie seien ein Instrument zur Bewertung der Firma und ein gutes Mittel, sich feindlicher Übernahmen zu erwehren. Aber eine Orientierung nur anhand der Kurse sei kurzsichtig. Mit fast schon marxistischem Vokabular kritisiert Zhou Risikokapitalgeber, die nur an die kurzfristige Vermehrung ihres Einsatzes denken, das Wohl des Unternehmens jedoch aus dem Auge verlieren. Er sieht sich selbst lieber als weitsichtigen Unterstützer von fundierten Ideen und Technologien. Er ist sich sicher, mit Mologen solch ein Unternehmen gefunden zu haben. Schließlich war seine ganze weitverzweigte Familie an der Entscheidungsfindung über den Einsatz des Familienkapitals beteiligt. Zhou schildert das wie ein Lehrbeispiel aus einem Handbuch für konsensuelle Demokratie. "Ich habe mit meinen Verwandten und vielen Freunden gesprochen. Das sind Wissenschaftler, Ärzte, Bänker, Politiker. Sie haben das Projekt aus inhaltlicher, finanzieller und ethischer Perspektive beurteilt. Es kamen Einwände und Anmerkungen. Die haben wir alle in die Überlegungen einbezogen. Und erst, als nichts mehr dagegen sprach, haben wir uns engagiert." Das Familiennetzwerk gedenkt der alerte Unternehmensberater auch weiterhin einzusetzen. Die US-Fraktion möge den Einstieg in den amerikanischen Markt und an der Technologiebörse Nasdac erleichtern. Und in Shanghai selbst könnten klinische Studien durchgeführt werden. Vater Zhou ist Chefarzt eines Krankenhauses, die Mutter Ärztin; Bürgermeister, Minister und Administratoren sind Verwandte und Freunde. Das sei das Vitamin B, das man in China halt brauche, so Zhou. Entscheidend ist jedoch, dass sich in einer 16-Millionenstadt wie Shanghai und erst recht unter dem Milliardenvolk viel schneller und leichter Probanden finden lassen als in Berlin oder Deutschland. Damit beschleunigten sich die Tests beträchtlich. Auch hätte China ein Eigeninteresse an der Hepatitis-, Krebs- und Leukämieforschung, die Mologen und ihre europäischen Partner betreiben. Momentan stehe dem nur entgegen, dass es in China zwar ein Patentrecht gebe, es allerdings nur mangelhaft durchgesetzt werde. Die Forschungsergebnisse sollten schon vor fremdem Zugriff sicher sein.

Jian Zhou verließ seine Heimat nur wenige Monate vor dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Es war wohl ganz gut, sinniert er; mit seiner temperamentvollen Art wäre er wahrscheinlich genau ins Epizentrum geraten. In Deutschland hat er sich wenig um Politik, dafür mehr um Studium und Business gekümmert. In nicht allzu ferner Zukunft möchte er wieder zurück nach China und dort an der politischen Umgestaltung des Landes mitwirken. "Jetzt prägen die Reformer die chinesische Politik. Irgendwann werden sie auch meine Generation von im Ausland ausgebildeten Experten brauchen." Trotz des Verzichts auf einige Annehmlichkeiten im Alltag würde er keinen Moment zögern.