Kultur

Krimis | 21.12.2001 00:00 | Thomas Wörtche

Crime Watch No. 55

Wissenschaft ist manchmal nur die Form, Evidentes kompliziert zu sagen. Ein furchtbares Instrument dabei ist die Metapher: Sie erlaubt, Dinge ganz ...

Wissenschaft ist manchmal nur die Form, Evidentes kompliziert zu sagen. Ein furchtbares Instrument dabei ist die Metapher: Sie erlaubt, Dinge ganz zwanglos miteinander zu verknüpfen, ohne sich groß um deren Substanz scheren zu müssen.

Eine Geschichte des Krimis als Mediengeschichte lautet etwa der spannende Untertitel der Dissertation von Gabriela Holzmann: Schaulust und Verbrechen. Dabei riskiert die Verfasserin die Verwirrnis, die dadurch entsteht, dass man unter "Krimi" gleichzeitig nette, unterhaltsame Romänlein und veritable Literatur, doofe Fernsehserien und richtige Spielfilme verstehen kann. Immerhin, im Zuge der Argumentation wird dann bald klar, dass es ihr um die Textgruppe geht, die man umgangssprachlich als "Krimi" bezeichnet.

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Also beabsichtigt sie, "eine Gattungsgeschichte des Krimis als Mediengeschichte zu entwerfen", in der es "vorrangig um die Einflüsse der Medien auf die literarische Produktion geht". Gattungsgeschichten, Gattungstheorien oder gar Gattungspoetiken von umgangsprachlichen Gebilden lassen sich nun allerdings gerade nicht herstellen "Gebrauchsprädikatoren" heißt so etwas dann bei Wissenschaftlern. "Krimi" ist ein solcher, und bei einer wissenschaftlichen Arbeit auf derlei Feinheiten zu bestehen, ist nicht maliziös. Vor allem, weil in einem solchen Begriffsgemuddel alles unterzugehen droht, was an der Arbeit von Holzmann sinnvoll sein könnte. Denn recht eigentlich und vernünftigerweise will sie untersuchen, wie sich Film, Fotografie, Fernsehen, aber auch neue kriminalistische Techniken des 20. Jahrhunderts auf die Kriminalliteratur ausgewirkt haben. Oder schlicht und einfach die ausserliterarischen Kontexte aufzählen, die auch wichtig sein könnten für Kriminalliteratur, wie übrigens für alle Kunst. Die Kapitel, die sich ohne große theoretische Ambition direkt damit beschäftigen, sind die wirklich wertvollen Teile der Dissertation: Ein Steinbruch an Material und Zitaten über Spurenlesen, über Identifikationstechniken, über die Verwendung des Lichts in Film und Text, über die zunehmende Rolle der Akustik. All das und noch mehr jeweils schön analogisiert in den Konzepten der unterschiedlichsten Ausprägung von Kriminalliteratur. Zum Beispiel: Wie verhält sich Burkes Theorie des Erhabenen zu den Schreckensdichtungen des 18. Jahrhunderts? Inwieweit haben die Fortschritte in der Forensik das Werk von Conan Doyle beeinflusst? Und was könnten akustische Apparate zu Chandlers "Playback" beigetragen haben? Das sind alles in der Tat spannende Fragen, und Holzmann bietet auch höchst illustrative Antworten. Allerdings keine systematisch brauchbaren, denn wir sind auf der Ebene der Metaphorik angekommen. So wenig es möglich ist, eine Gattungsgeschichte von etwas zu schreiben, von dem noch nicht einmal klar ist, ob es sich dabei wirklich um eine Gattung handelt und nicht um ein Genre oder eine Schreibweise oder eine ganz andere Textgruppe, so unmöglich ist es auch, wissenschaftlich gesehen, hermeneutische Techniken wie die Beschreibung und Interpretation von Texten zu analogisieren mit "detektivischem Vorgehen" in der Realität. Das heißt, machen kann man das schon, man verlässt dann aber den wissenschaftlichen Diskurs. Das wiederum wäre gar nicht so schlimm, wenn man nicht gleichzeitig die Autorität wissenschaftlicher Rede beibehalten würde, wie Frau Holzmann das tut. Und das ist das wahre Ärgernis des Buches: Die Verfasserin erklärt quasi ex cathedra ganze Problemfelder für gelöst: Sie redet von der Gattung "Krimi", kann aber als deren Parameter nur die verschiedene Anordnung von Handlungselementen, Sujets oder gar Sujetpartikeln nennen. Sie ignoriert damit die gesamte gattungstheoretische Diskussion der letzten 25 Jahre, die viel tiefer liegende Textmerkmale als entscheidend betrachtet. Die kategorialen Unterschiede zwischen literarischem Text und "Text" als Metapher für alles und jedes gehen zudem dabei über Bord. Herauskommt am Ende doch wieder nur der Virtual-Kalauer der 80er Jahre, laut dem aufgrund "allgegenwärtiger Medienpräsenz die Wirklichkeit zum Phantom wird". An diesem Unfug bastelt schließlich, glaubt man Holzmann, auch die Kriminalliteratur, genau wie MTV und CNN. Für eine so überwältigende Trennschärfe braucht es wahrhaftig keine 357 Seiten Wissenschaft als rhetorische Drohgebärde.

Gabriela Holzmann: Schaulust und Verbrechen. Eine Geschichte des Krimis als Mediengeschichte. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2001, 357 S., 79,80 DM

 
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