Kultur

Entkopplung von Arbeit und Einkommen | 15.02.2002 00:00 | Thomas Rothschild

Nicht das gute Leben selbst

Johano Strasser plädiert in einem Essay zum gesellschaftlichen Status quo für eine neue Synthese aus Individualismus und Solidarität

Der Untertitel formuliert präzise, wogegen sich das Buch von Johano Strasser richtet: Wider die Zurichtung des Menschen zu einem Element des Marktes. Und wenn gelegentlich suggeriert wird, der Unterschied zwischen Rechts und Links sei obsolet geworden, so benennt genau diese Fragestellung eine Position, die das linke, aber auch ein christliches Menschen- und Gesellschaftsbild vom rechten unterscheidet, nicht weniger, sondern eher mehr als in früheren Jahren. Mehr deshalb, weil, was da kritisiert wird, rasant vorangeschritten ist. Mit dem Dogma von der segenbringenden Wirkung des Marktes ist der einzelne Mensch immer mehr aus dem Gesichtskreis der Politik und der sie propagierenden Medien geraten.
Im Menschenbild der Manager, der "Propheten des globalen Kapitalismus", so stellt Strasser fest, besteht "Optimismuspflicht". Die neoliberale Vorstellung vom Menschen als Funktionselement des Marktes ist, wie der Sozialdemokrat Strasser betont, bis weit in die Sozialdemokratie vorgedrungen. Der Autor zählt auf, was durch den "Totalitarismus der Ökonomie" auf dem Spiel steht: "die Vielfalt zivilgesellschaftlicher Institutionen, der Reichtum eigenwertiger menschlicher Äußerungsformen und Lebenssphären, der Eigensinn nichtökonomischer Aktivitäten, das Recht von Liebe, Muße, Meditation und Spiel".
Wo die Arbeit nicht mehr befriedigt, sucht sich der Mensch sein Glück anderswo, in erster Linie im Konsum. Strasser zeigt jedoch, dass die Einlösung des Glücksversprechens durch Konsum, wenn überhaupt, meist nur um den Preis von Frustration und Stress zu erreichen ist. Er weist auf die Gefahren einer kritiklosen Modernisierungseuphorie, der bedenkenlosen Kapitulation vor dem Machbaren hin, die nicht mehr danach fragt, welche Auswirkungen auf den Menschen daraus entstehen.
Strasser plädiert für eine Synthese aus Individualismus und Solidarität, also für eine Selbstverwirklichung, die nicht auf Kosten sozialer Rücksichtnahme geht, und setzt sich mit der aktuellen Politikverdrossenheit, insbesondere bei jungen Menschen, auseinander. Aus der Analyse des Status quo leitet er seine Vorschläge für die Zukunft ab. Auch in Zukunft werde die Ökonomie als Basis des guten Lebens wichtig bleiben, schreibt Strasser, aber sie ist nicht das gute Leben selbst. Deshalb muss der Stellenwert der Arbeit neu überdacht werden. Strasser schließt sich jenen Gesellschaftskritikern an, die eine Entkoppelung von Einkommen und Arbeit für nötig halten, Arbeit also ausschließlich als Erwerbsarbeit begreifen. Die Probleme, mit denen das in der Praxis verbunden ist, macht er ebenso klar, wie jene, die sich aus dem scheinbaren Widerspruch von sozialer Sicherheit und Freiheit ergeben. Schließlich betont Strasser die zunehmende Wichtigkeit der Bildungspolitik, die Bedeutung einer Bildung als Emanzipationsprozess. Sein Ausblick in eine mögliche und wünschbare Zukunft mündet in ein emphatisches Bekenntnis zu Europa. Da freilich wäre noch einiges zu ergänzen, wenn man dem Aspekt der Alternative zu den Vereinigten Staaten von Amerika jenen anderen gegenüberhält, der mit den Stichwörtern "Zentralismus" und "Brüsseler Bürokratie" markiert ist.
In seiner gut lesbaren essayistischen Argumentation spart Johano Strasser nicht mit konkreten Beispielen und Verweisen auf die aktuelle soziologische, nationalökonomische und politisch-philosophische Literatur, in der ja in den vergangenen paar Jahren interessanterweise die kapitalismuskritische Haltung in dem Maße zugenommen hat, wie sich der globale Kapitalismus, von jeder Konkurrenz befreit, selbstsicherer und ungenierter geriert. Es sind nicht zuletzt einsichtige Unternehmer, die Zeugnis ablegen von den Bedrohungen, die von einer ungebremsten Wachstumsideologie und der Entwürdigung des Menschen ausgehen. Strassers zusammenfassende Kritik ist entschieden, aber nicht dogmatisch, frei von taktischen Kompromissen, aber auch von eifernder Besserwisserei. Zugute mag dem Autor kommen, dass er, selbst Sozialwissenschaftler, als Generalsekretär des deutschen P.E.N.-Zentrums mit Schriftstellern zu tun hat und sich in unmittelbarer Berührung mit den schönen Künsten, dem natürlichen Feind eines bloß ökonomistischen Denkens, befindet.

Johano Strasser: Leben oder Überleben. Wider die Zurichtung des Menschen zu einem Element des Marktes. Pendo-Verlag, Zürich 2001, 288 S., EUR 19,90

 
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