Kultur

Krimis | 22.02.2002 00:00 | Thomas Wörtche

Crime Watch No. 57

Jonathan Lethem: Motherless Brooklyn

Das Tourette-Syndrom (TS) ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die durch Tics bestimmt ist. Diese Tics äußern sich motorisch (Muskelzuckungen), verbal (Wiederholen von Lauten, Wortspiele, Wortfetzen, "unlogisches" Reden) und als zwanghafte Verhaltensweisen (Rituale). TS-Patienten können aber ein völlig normales Leben führen. Sie können zum Beispiel Privatdetektiv sein. Das können sie sogar besonders gut, weil sie ob ihrer Tics stets "Außenseiter" sind, und damit einen wichtiges Merkmal literarischer Privatdetektive konstitutiv erfüllen. So einer ist Lionel Essrog, der Held von Jonathan Lethems Roman Motherless Brooklyn. Essrog ist nicht nur das sehr sympathisch und lebendig gezeichnete Porträt eines Menschen mit TS, sondern auch eine Figur, die in einer langen literarischen Reihe steht: In der der "beschädigten" Privatdetektive. Nach der Phase der Ikonisierung des männlichen private eye als letztem Held im Asphaltdschungel (also nach Raymond Chandlers Philip Marlowe und Ross Macdonalds Lew Archer) kam es, grob nachgezeichnet, zur Demontage dieses Typus. Eine Demontage, die gleichzeitig Ausdruck einer tiefen Skepsis gegenüber der Aufklärbarkeit von Verbrechen und deren Sinn in einer durch und durch als verbrecherisch empfundenen Gesellschaft und letztlich als Bilanz der physischen und psychischen Kosten solch romantischen Denkens verstanden werden konnte. Der PI wurde zunehmend drogensüchtig (bei James Crumley), Alkoholiker (bei Lawrence Block und Reed Stephens), zum Krüppel (wie bei Michael J. Collins oder Steve Knickmeyer) oder zum moralischen Exzentriker (wie bei Robert W. Campbell oder J.W. Rider). Am Ende dieser literarischen Entwicklung war der PI wieder an seinem Ursprung angekommen: Beim "Verbrecher mit legalistischem Anstrich", also bei Dashiell Hammetts Continental Op, der all die giftigen, dialektischen und bösartigen Keime des Zerfalls der Figur schon in sich trug.
Essrog agiert nicht nur als PI, er ist auch Gangster. Als Knabe wurde er zusammen mit drei Schicksalsgenossen aus einem Waisenhaus in Brooklyn von dem kleinkriminellen Gernegross Frank Minna rekrutiert, um als "Minna´s Men" allerlei dunkle Geschäfte für zwei gespenstische Mafia-Dons und ein milliardenschweres japanisches Interessenkonglomerat zu erledigen. Als Frank Minna ermordet wird, will Essrog die Gründe herausfinden. Und tut dies mit dem gnadenlosen Perfektionismus, der ebenfalls zum Krankheitsbild von TS gehört. Bis zum bitteren Ende, in dem er auch Minnas Bruder ohne geringsten Skrupel der Mafia zum Abschuss hinwirft. Dennoch ist Essrog nicht nur das vorläufig letzte Glied einer literarischen Reihe. Lethem setzt die Demontage des Typs tiefer an. Er zersetzt das sprachliche Material, mit dem er seinen defekten Detektiv inszeniert. Essrogs verbale Tics sind ein großer Sprachspiel- und Sprachwitz-Generator, mit dem er den genretypischen wisecrack übertreibt und überzeichnet. Er streut andauernd Sand und in die banale Alltagskommunikation. Essrog "tict" Schurken und Polizisten buchstäblich in die Resignation. Er durchbricht die Logik von Situationen und eröffnet so andere und neue Dimensionen, die keineswegs unlogischer sind. Und er benutzt die anscheinend nicht-stringenten Assoziationsketten, die durch sein phonetisches und semantisches Herumschleudern und Durcheinanderwirbeln von Sprachmaterial entstehen, als Erkenntnisinstrumente. Das ist meisterhaft gemacht und ziemlich kongenial ins Deutsche übertragen. In der radikalsten Demontage einer literarischen Figur entsteht so etwas wie eine neue Perspektive.
Aber es wäre zu eindimensional, Essrog nur in diesem Kontext zu sehen. "Minna´s Men" und ihre Verwurzeltheit in Brooklyn, über das tausend wunderbare Geschichten in dem Buch stecken, sind auch ein Reflex auf Jerome Charyns übermenschlich großen Isaac Sidel, der zum Vizepräsidenten der USA aufgestiegene Bulle, Mörder und Mafioso, und seine diversen Privat-Banden aus der Bronx. Essrog und seine Jungs sind die bodenständige Korrektur, die ihre neuropsychiatrische Deformation brauchen, um im Menschenmaß zu bleiben. Ein schöner Kommentar zum uralten Thema "Neurose und Gesellschaft" und seinen literarischen Artikulationen.

Jonathan Lethem: Motherless Brooklyn (1990). Roman. Deutsch von Michael Zöllner. Tropen Verlag, Köln 2001, 370 S., EUR 19,80
Kompakte Infos zum TS auf: www.tourette.de

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