Kultur

Beobachterin aus Mangel | 22.03.2002 00:00 | Werner Jung

Ein Kleid ist keine Haut

In Petra Nagenkögls Debüt-Roman "Dahinter der Osten" ist der Osten eine Metapher

Letzte Worte im Romanerstling der 33-jährigen Petra Nagenkögel aus Linz in Österreich. Hier und Jetzt. Eine Frau mittleren Alters kommt in einer österreichischen Provinzstadt, sagen wir behelfsmäßig einmal: eben Linz, an - nein, genauer noch wird sie eigentlich irgendwie hierher gespült. Nach jahrelanger Abwesenheit möchte sie ihre Mutter besuchen. Und das ist (wiederum) eigentlich schon alles, worum es in diesem kleinen-großen Roman geht. Denn der Text lebt von Wahrnehmungen und Beobachtungen, von Beschreibungen, davon, dass sich unter dem Blick der Protagonistin die Dinge und Erscheinungen, Menschen und Erinnerungen wieder neu, anders und auf fremd-vertraute Weise zusammenfügen: "Vereinzelt Dörfer, kleine Ansammlungen von Höfen und Häusern", nimmt sie aus dem fahrenden Zug wahr, "an den Waldrand gebaut und eines in die Nähe des anderen als würde man die Wärme suchen im Rauch, der aus fremden Schornsteinen kommt, oder im Geruch von verbrannter Milch aus dem Nachbarfenster."
Diese Frau, bemerkt der aufmerksame Leser schnell, hat ein Geheimnis; sie trägt Male eines Stigmas, dessen Prägungen an und auf der Oberfläche des Textes zur Sprache kommen, ohne dabei in der Tiefe erklärt oder gedeutet zu werden. Das wieder macht die Bedeutung dieses Romans aus. Die Frau ist zum Beobachten gezwungen; dabei ist sie freilich keine fröhliche Flaneurin, die sich am Abseitig-Alltäglichen delektiert oder in eine geheimnisvolle Kommunikation mit den Dingen tritt. Nein, sie ist eine Beobachterin aus Mangel! Das vielleicht wichtigste Wort des Textes, in auf- und absteigenden Bedeutungslinien immer wieder und zum Ende hin stets forcierter verwendet, ist "Fremdheit". Die Protagonistin, im längsten Teil des Romans in der dritten Person beschrieben, spricht sich im abschließenden, nur acht Seiten umfassenden Teil in der zweiten Person selbst an, um ihrem sehr grundsätzlichen Gefühl der Fremdheit im Leben Ausdruck zu geben.
Nicht um Entfremdung, wovon auch immer, geht es hier, mithin also um etwas, das, wie es frühere Vertreter der "Neuen Subjektivität" der siebziger Jahre, R. D. Brinkmann, N. Born oder H. Lenz, in ihren Texten formuliert haben, zumindest noch den utopisch-dystopischen Vorschein eines anderen Lebens, einer anderen Existenz, voraussetzt. Nagenkögel mag auf eine Formulierung von Hermann Lenz anspielen: "Vor deiner Haut beginnt die Fremde", worin zugleich das Zerfetzende der Außenwelt wie das Refugium eines Inneren Bezirks zusammengefasst sind, wenn sie, Lenz überbietend und somit radikalisierend, ihre Protagonistin einmal feststellen lässt: "Du kommst nicht an. Spürst an den Spuren nur, was einmal nahe war und dass doch die Fremdheit kein Ende findet an den Grenzen der Haut."
Diese Frau ist sich durch die Maschen gefallen; ihr Leben, resümiert sie, besteht einzig noch "aus Lücken". Lücken in der Wahrnehmung, in der Beobachtung, in der Beschreibung - in der Erinnerung nicht zuletzt, die sich aus der Betrachtung alter Fotografien aufzubauen versucht: Abgründe winken, Unverarbeitetes bricht unversehens auf, um spurlos wieder zu versinken. Die Spuren, das heißt die Narben vor allem, stecken im Inneren dieser Frau, deren Großvater an der Ostfront gewesen ist - daher auch der etwas willkürlich gewählte Titel des Romans -, der sich darüber definiert, aber zugleich das Töten immer weggelogen hat und selbst verwundet heimgekehrt ist, deren Vater ein Säufer gewesen ist und sich an der Tochter vergangen hat, deren Mutter sich vergeblich an den Vater festklammert, und deren psychisch kranker Freund sich das Leben genommen hat.
Bloß, Nagenkögels Roman verstetigt nichts, summiert und ordnet auch nicht, kennt keinen Höhe- oder Fixpunkt und lehnt - ganz entschieden - die Form des Epischen als eines ästhetischen Erinnerungsorts ab: "Ungewollt und zwanglos das Erinnern, Namen, Orte, Gesichter fallen ein, in kurzem Aufleuchten, Vorbeiziehen, Untergehen, das Gedächtnis kennt keine Ordnung. Und jedes Wiedererkennen ein scheinbares, vom Erinnern verletzt, gestört durch ein altes Bild, das nicht zutrifft auf das, was zu sehen ist."

Petra Nagenkögel: Dahinter der Osten. Roman. Residenz-Verlag, Salzburg 2002, 187 S., 16,90 EUR

 
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