Eines der größten Probleme der amerikanischen Medien scheint zur Zeit darin zu bestehen, den Kriegsgegnern keine Öffentlichkeit zu verschaffen. Durch sorgfältige Einladungspolitik und Vorabsprachen versuchen die Sender zu verhindern, dass beliebte Stars in Live-Programmen ihre pazifistische Gesinnung kundtun. Für die bevorstehende Oscar-Verleihung hat man die Redezeit der Preisträger vorsorglich auf 45 Sekunden begrenzt - und so mancher Schauspieler, der bereits durch seine Anti-Kriegshaltung aufgefallen ist, taucht erst gar nicht auf der Gästeliste auf.
In dieser angespannten Situation bekommt die Meldung, dass ausgerechnet einem russischen Pop-Duo in der Talkshow von Jay Leno der Coup einer kleinen No-War-Demonstration gelang, besonderen Charme. Die beiden Mädchen, die unter dem Namen t.A.T.u. seit ein paar Wochen die Charts des Westens erobern, waren mit T-Shirts aufgetreten, auf die sie in großen kyrillischen Lettern etwas Ähnliches wie »fuck the war« geschrieben hatten. Es mussten erst Zuschauer anrufen, die des Russischen mächtig waren, bevor die Produzenten der Show überhaupt merkten, was sie da gerade sendeten.
In dieser Anekdote kommt zum Ausdruck, was man so gerne Ironie der Geschichte nennt. Die längste Zeit nämlich war es allenfalls anders herum denkbar: Westliche Popstars nutzen die rare Gelegenheit, um im Osten ein Statement für die Freiheit zu machen. Wie überhaupt die Tatsache, dass ein russischer Pop-Song die Hitparaden Europas und der USA anführt, eine gewisse Unruhe auslöst. Bislang gab es das im Sport, etwa wenn die kubanische Mannschaft die der USA im Baseball besiegte oder die ehemaligen britischen Kolonien das Mutterland des Commonwealth im Cricket alt aussehen ließen. Der erfahrene Kritiker kultureller Hegemonie sieht ein Stück Hegelsche Herr-Knecht-Dialektik am Werk. Russischer Pop, das klang noch vor kurzem wie ein Widerspruch in sich selbst. Mussten die nicht erst lernen, wie »Pop« geht, und nun verkaufen sie mehr Maxi-CDs als Eminem? Einzig der Umstand, dass der t.A.T.u.-Song All the things she said, um Erfolg außerhalb Russlands zu haben, doch noch ins Englische übersetzt werden musste, mildert das Gefühl des kulturellen Einbruchs etwas ab.
Die Eskalation des Irak-Konflikts hat wieder in den Hintergrund treten lassen, was zwischenzeitlich als Kampf um kulturelle Vorherrschaft im Konflikt zwischen USA, West- und Osteuropa erkennbar wurde. Rumsfelds Stichwort vom »alten Europa« konnte nur deshalb so schnell zum geflügelten Wort werden, weil die Angesprochenen sich so willig mit der Benennung identifizierten. Außerhalb des Kontexts der Kriegsvorbereitungen bekamen die zahlreichen Reaktionen der Intellektuellen auf die Rumsfeldsche Randbemerkung immer mehr den Charakter einer Patentrechtanmeldung, eines trotzigen Signals an die angeblichen osteuropäischen Musterschüler (zu denen Russland im engen Kontext ja nicht zählt): Wir sind die Alten, das heißt: wir waren zuerst da!
Im Übereifer der Bekenntnisse zum alten Europa brach sich auf diese Weise ein gewisses Unbehagen mit dem »neuen Europa« Bahn. Ein Unbehagen, das man sich sonst kaum zu artikulieren traut, dessen man sich nach der pflichtschuldigen Freude über den Fall des eisernen Vorhangs vielleicht gar nicht ganz bewusst ist. Doch so manche Abfälligkeit im Ton brachte es an den Tag: Selbst in den aufgeklärtesten Köpfen spuken vielerlei Ängste vor den rauen Sitten dieser »neuen Barbaren«. Kaum jemand äußert wirkliche Sympathie für Länder, deren Grad an Verrottung in der allgemeinen Wahrnehmung immer kriminellere Ausmaße annimmt. Die Furcht vor Mafia und Korruption deckt dabei nur die unterschwellige Angst vor der Dynamik der sozialen Gefälle: Wirklich bedroht fühlen sich viele von der Menge an Arbeitskräften, die allzu bereit scheinen, für sehr viel niedrigere Löhne und noch weniger Absicherung »unsere« Arbeit zu tun.
Selbst das traditionelle Wohlwollen, das man der osteuropäischen Intelligenzija entgegenbrachte, ist nicht mehr das, was es mal war: Als nun György Konrád, Vaclav Havel und Adam Michnik dem amerikanischen Einsatz im Irak das Wort redeten, wollte sich mit ihnen kaum jemand ernsthaft auseinandersetzen.
Worin sich zeigt, dass besonders die westliche Linke auf verquere Weise Groll empfindet gegenüber diesem neuen Europa. Ganz so, als kreide man dem mangelnden Durchhaltevermögen der Menschen dort den Zusammenbruch des Sozialismus an. Den man im alten Europa um so schmerzlicher vermisst, weil mit ihm ein wichtiges Korrektiv für die hiesige soziale Marktwirtschaft verloren ging. Der, wie schlecht er auch immer gewesen sein mag, doch realen Druck ausübte, auch im Westen soziale Zugeständnisse zu machen.
Nicht zuletzt ist es die Dynamik der Veränderungen an sich, die manches ungute Gefühl im Westen auslöst: Solange das »neue« Euopa deshalb neu ist, weil es in die Fußstapfen des »alten« tritt, ist alles noch in Ordnung. Aber was, wenn die, die eben noch »nachmodernisieren« mussten, auf einmal die Erfinder der Modernität an Modernität überflügeln? Reichlich schwerfällig passt sich der Westen immer noch an die veränderten Bedingungen nach dem Mauerfall an. Die Schnelligkeit der vollzogenen Adaptationen im Osten an viel größere Umwälzungen erscheint dagegen fast unheimlich.
Alles andere als bedrohlich zu sein, damit machen die beiden Mädchen des beschriebenen Pop-Duos t.A.T.u. für sich Werbung. Tatsächlich scheinen sie auf den ersten Blick das diametrale Gegenteil von Roter-Armee-Chor und Ivan-Rebroff-Bässen, jener Mischung aus Militär- und Kältefolklore, die unser Russlandbild bestimmt. Wobei die demonstrative Harmlosigkeit die eigentliche Provokation ihres Auftretens ist. In britische Schuluniformen gekleidet, sind die beiden 17-Jährigen als Lolitas inszeniert, deren zur Schau gestellte Artigkeit unterschwellig eine eindeutig erotische Sprache spricht. Nicht nur dass sie mit ihren Uniformen pittoresk in den Regen geraten, den Höhepunkt ihres Videos bildet ein gemeinsamer Kuss. Als Abkürzung verbrämt beinhaltet t.a.t.u nämlich die implizite Antwort auf die Frage »Wer - wen?« und könnte mit »die eine die andere« übersetzt werden. Das absichtsvoll Unartige tritt dabei in Kontrast mit ihren adretten Wesen und dem ebenso adretten Popsong. Beim erwähnten Auftritt in der amerikanischen Talkshow wurde dieser Effekt noch dadurch gesteigert, dass sie für ihre zur Schau getragene Verurteilung des Krieges das obszönste Sprachniveau wählten, das es im Russischen gibt. »Fuck the war« ist die wohltönende Übersetzungsvariante eines Spruchs, mit dem sie im Übrigen im russischen Fernsehen keinesfalls hätten auftreten können.
Wie um den gar nicht so harmlosen Kern dieser russischen Pop-Provokation zu verdeutlichen, findet sich in allen Artikeln zu t.A.T.u. der Hinweis auf ihren Produzenten. Ivan Shapovalov gibt an, ehemals Psychologe gewesen zu sein (oder treffender noch: Kinderpsychologe), und kolportiert außerdem freimütig, bereits auf Kinderpornoseiten im Internet recherchiert zu haben. Das Image seines Mädchen-Duos, so genau es auf Außenwirkung hin berechnet sei, stehe damit allerdings in keinem Zusammenhang. (Sein Vorhaben, für die Damenwelt von sechs bis 60 ein entsprechendes männliches Gesangsduo auf den Weg zu bringen, zeigt, wie gleichberechtigt er an die Sache herangeht.)
Den vor allem in Großbritannien laut gewordenen Vorwürfen, das t.A.T.u.-Video würde mit seiner erotischen Inszenierung von Schulmädchen der Kinderpornografie Vorschub leisten, hält Shapovalov kaltschnäuzig entgegen, die von ihm vor drei Jahren entdeckten jungen Frauen machten, was sie tun, schließlich freiwillig. Außerdem sei keinerlei Gewalt im Spiel; zwei Mädchen, die von der Liebe singen und sich küssen - könne es etwas Friedvolleres geben? Dem Westen wirft er Heuchelei - was in Russland an illegalen Videos produziert werde, gehe schließlich an Konsumenten in den Westen - und Verklemmtheit vor. In Russland sei man in dieser Beziehung ehrlicher und freier.
Und so verkehren sich die Verhältnisse kurzfristig zur Unkenntlichkeit: Angesichts der Herrschaft der Konservativen in den USA und speziell Präsident Bushs religiös-konservativ-patriotischem Geisteshorizont erscheint es auf einmal so, als überhole das sonst so strenge, autoritäre Russland die Heimat des Liberalismus und der Freizügigkeit auf ureigenstem Terrain, der Popkultur.
Die Existenz von t.A.T.u. weist darauf hin, dass sich in Russland, bislang weitgehend unbeachtet von der übrigen Welt, eine eigene Unterhaltungsindustrie herangebildet hat - in der sich ganz offensichtlich der Hang zum Tabubruch und der Einsatz von schockartigen Provokationen zum Ziel der Verkaufsförderung sehr viel schneller durchgesetzt hat, als das etwa in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall war. Verachtet von der alten Elite, der Intelligenzija, haben die einheimischen Schlager- und Popstars den Schriftstellern an Geltung und Popularität längst den Rang abgelaufen.
Wer genau hinhört, entdeckt vielerlei Referenzen, die hier den großen anglo-amerikanischen Vorbildern noch gemacht werden; Lieder heißen Forever young und Alben programmatisch Born in the USSR. Die längste Zeit war das Verhältnis zur Popkultur eines der unerfüllten Sehnsucht; nicht zuletzt mit der repressiven Regelung des Zugangs haben sich die einstigen Machthaber den Zuspruch der Jugend zum System entscheidend verspielt. Anders als die früheren Zensurbehörden es verstehen wollten, sehnte man mit der Popkultur weniger den Kapitalismus herbei, als vielmehr dessen Credo der Freizügigkeit.
»Goodbye Amerika, deine verwaschenen Jeans sind mir zu klein geworden, man hat uns lange gelehrt, deine verbotenen Früchte zu lieben«, sang die Rockband Nautilius Pompilius schon 1988. Da stand die Überschwemmung Russlands mit westlichen Konsumgütern noch bevor. Vor allem die alte Bildungselite erlebte die Wende als Einbruch in die eigene kulturelle Autonomie, als Überfremdung mit amerikanisierter Massenkultur und letztlich als moralischen Zusammenbruch. Erst langsam schlägt die Stimmung um in Stolz auf Boygroups und Sängerinnen aus eigener Produktion - und eben die neue Freizügigkeit.
Wobei in letzter Ironie t.A.T.u. sich gar nicht als genuin russisches Phänomen erweist, sondern vielmehr das Ergebnis eines erfolgreichen Crossovers sind: Der amerikanische Major Universal hat das in Russland seit drei Jahren erfolgreiche Duo für den Weltmarkt aufgebaut und neu abgemischt. Das »Russische« an ihnen wird zum trendigen Beiwerk - auf der CD wird wie mit Absicht falsch transkribiert. Aber auch das gehört zum Pop: dass mit Authentizität gespielt wird. Und man sich über die kommerziellen Entstehungsbedingungen keine Illusionen machen darf.
Daran scheiden sich allerdings schon immer die Diskurse von Kulturindustrie und Popkultur. Wo die Kritiker der Kulturindustrie selbige als »rechten Mythos« entlarven, als konsumistische Scheinbefriedigung und Opium fürs Volk, stellen die Popkulturkritiker sie als »linken Mythos« vor, als Ausdrucksmöglichkeit für Rebellentum, des Multikulturalismus, der Ambivalenz und Emanzipation. Nicht immer redet man dabei über Vergleichbares. Während es in Russland also t.A.T.u. gibt, stößt man sich hierzulande an Dieter Bohlen und Alexander. Sieht so das alte und das neue Europa des Pop aus? Beides sind weniger künstlerische als vielmehr künstliche Phänomene und als solche für die jeweiligen Gesellschaften vielleicht um so typischer.
Wer darüber in Kulturpessimismus ausbrechen will, sei mit folgenden Überlegungen getröstet: Popkultur, egal ob westlicher oder östlicher Machart, steht für Jugendkultur, für die Idolisierung des Unreifen, für »instant gratification« und die Verabschiedung von Bedürfnisaufschub und Verzicht. Hedonistisch, körper- und affektbetont, das Gegenteil allen Soldatischen, ist mit Pop im Grunde kein Krieg zu machen.