Kultur

Kolumne | 28.03.2003 00:00 | Thomas Wörtche

Crime Watch No. 71

Natürlich ist Malibu, Leon de Winters neuer Roman, ein Polit-Thriller. Allerdings nicht in dem Sinn, wie man dieses Genre zu kennen meint. Das hat ...

Natürlich ist Malibu, Leon de Winters neuer Roman, ein Polit-Thriller. Allerdings nicht in dem Sinn, wie man dieses Genre zu kennen meint. Das hat etliche Irritationen ausgelöst und aus dem Feuilleton-Liebling de Winter plötzlich einen gescholtenen Autor gemacht. Man kennt diese neidgrünen Spiele: Wir schreiben dich hoch, dann schießen wir dich um so wollüstiger wieder ab. Bemerkenswert dabei ist lediglich, dass in vielen Verrissen, die es für Malibu setzte, das Killer-Argument »unterhaltsam« hieß. Zwar hatte man in den letzten Jahren von »unterhaltsam« nicht den Rachen voll kriegen können und jeden »eklen Ballen« im Sinne von Jean Paul besinnnungslos und ohne irgendwelche anderen Kriterien bejubelt, aber jetzt ist, so scheint´s, der Zeitgeist wieder auf Tiefes & Schwäres erpicht. Da kann Unterhaltsames noch so intelligent und aufregend sein, irgend wie steht es in »diesen düsteren Zeiten« dann doch wieder unter dem Generalverdacht des Seichten, womöglich leicht Schmuddeligen.

Diese nicht sehr neue Argumentationsfigur ausgerechnet an de Winter vorzuführen, ist schon einigermaßen grotesk. Denn Malibu ist ein sehr raffiniertes und kluges Buch. De Winter befreit den Polit-Thriller vom allzu engen Korsett seiner Normalform: Ein Polit-Thriller gibt vor, die wirklichen Hintergründe zu kennen, die sich zwischen einem historisch überprüfbaren Ereignis A und einem Ereignis B abgespielt haben. Weil A und B aber öffentlich bekannt sind, dürfen sie sich nicht ändern. Beispiel: Der Schakal in Frederic Forsyths gleichnamigem Roman darf während der OAS-Krise (A) durchaus ein Attentat auf Charles de Gaulle versuchen, aber es darf nicht gelingen, weil de Gaulle offensichtlich überlebt hat (B). Dazwischen ist Platz für hinreichend Fiktion.

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Bei de Winter greift der Mossad in das Leben des in Hollywood sich recht und schlecht verdingenden Drehbuchautors Joop Koopman ein. Dessen 17-jährige Tochter stirbt an den Folgen eines Verkehrsunfalls und Koopman findet sich plötzlich in einer Lebenssituation, die für alle möglichen Erklärungen offen ist. Hat der Mossad-Mann Philip, ein alter Freund aus Holland, mit Mirjams Tod zu tun? Oder nur damit, dass das Herz der Verunglückten dazu dient, als Organspende taktische Vorteile für einen Mossad-Deal zu schaffen? Ist das Betrügerpärchen, das Koopman Reichtümer verspricht, um ihn umso effektiver auszuplündern, Teil einer geheimdienstlichen Operation? Ist der Marokkaner Omar, auf den Koopman angesetzt wird, wirklich ein übler Terrorist? Und was geschieht mit ihm aus welchen Gründen? Ist der selbsternannte Schuldige am Tod von Tochter Mirjam, der schwarze Karatefreak Errol Washington, genannt Godzilla, abgekürzt God, tatsächlich der reuige Sünder, der sein Leben von nun an als Wiedergutmachung an Koopman leben will? God ist es nämlich, der die Ereignisse um Mirjams Tod mit fein ineinandergreifenden Kausalketten versieht, die stimmen könnten. Oder auch nicht.

Diese Passagen sind eine doppelte parodistische Leistung: Einerseits Parodie auf das Denken in Kausalzusammenhängen, das der übliche Polit-Thriller dringend braucht, um Konspiration und Paranoia zu unterfüttern; und zweitens Parodie auf die Manie von Formelschreibern mittlerer Bestseller, Nebenfiguren drei Seiten lang mit Biografien auszustatten und sie sodann aus der Handlung verschwinden zu lassen. Hier kippt de Winters sowieso immer leicht ironischer Erzählton ins vollends Skeptisch-Komische.

Die große Leistung des in der Tat sehr unterhaltsam, das heißt elegant und flüssig geschriebenen Romans aber ist, einen Menschen zu zeichnen, in dessen Leben das Tragische und das Nebulöse einbrechen, der nicht weiß, ob er von Zufällen oder von Intentionen anderer gequält wird, dessen persönliches Millimeterpapier an Gewissheiten also plötzlich unter ihm weggerissen wird. De Winter ist mit dieser Methode bedeutend subversiver als die üblichen Texte, die Fiktion und Realität gegeneinander ausspielen wollen. Er inszeniert die vielfältigen, sinnhaften oder sinnleeren, bösartigen oder wohlwollenden, zufälligen oder gewollten Möglichkeiten von Realität, vor denen ein Individuum nirgends sicher sein kann und an denen jede konsistente Sinnstiftung zerschellen muss. Deswegen ist Malibu ein sogar sehr aufregender Thriller.

Leon de Winter: Malibu (God´s Gym, 2002) Roman. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. Diogenes, Zürich 2003; 418 S., 22,90 EUR

 
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