Kultur

Sätze wie Sahnequark | 22.08.2003 00:00 | Rainer Kühn

Unort der Geschichte

Stefan Wackwitz´ breitgetretener Familienroman

Die Story ist durchaus interessant: Dem alten, am Bodensee lebenden Vater des Erzählers wird nach über 40 Jahren durch die Dienststelle für die Benachrichtigung ehemaliger Soldaten der Wehrmacht in Berlin-Tegel seine Kamera ausgehändigt, die 1939 von der Royal Navy beschlagnahmt wurde. Was wird auf den Bildern zu sehen sein von der damaligen Überfahrt von Deutsch-Südwestafrika ins kriegführende Nazideutschland?

An dieser Frage entzündet sich die Familienphantasie, und der Erzähler erinnert sich der regelmäßigen Aufzeichnungen seines Großvaters, der für seine Verwandten ein privatpolitisches Tagebuch geschrieben hat. Bisher nicht gelesen, wird das Schriftstück, das aus sechs schmalen Kladden besteht, zur Quelle intensiver Nachforschungen. Und er spricht mit seinem alten Vater, bereist mit ihm die Stätten der Vergangenheit. Doch der Film in der wiedererworbenen Kamera, der bleibt dunkel. Entwicklungsunfähig.

Alles stimmt bei Stephan Wackwitz. Der Stil des Autors ist voll fett sozusagen. Was aber meint: Überproportioniert, angedickt, pompös zur Schau gestellt in seinem Familienroman Ein unsichtbares Land. Das Schweigen ist steinern, der Negativfilm schwarz wie der Meeresgrund, das Gesicht weiß wie die Wand. Das Gesicht des Lesers aber auch, der von dem phrasenhaften Nichtleben dieser Art Literatur schnell angekränkelt wird. Aschfahl bleiben dagegen die nur mit Mühe hervorzulesenden inhaltlichen Zusammenhänge, bleibt einem durchschnittlichen Tageslichtleser das Bild der gezeichneten Familie, das er sich lesend machen soll. Weil Wackwitz jedoch jede abgelutschte Metapher und jede schon in der Parodie langweilige Phrase und als Tiefpunkt am liebsten lange und mit toten Bildungspartikeln überfrachtete Schachtelhutsätze für sein berechtigtes Aussagebegehren nutzt, als sei es die Aufgabe eines kleinen Familienromans, die gesamte Altlast Geschichte positiv aufzuhäufen, geht an einem genervten Leser die Geschichte selbst fast spurlos vorüber.

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Das titelgebende Kapitel erzählt vom Besuch der Gegend um Auschwitz im Jahre 2000. Und natürlich weiß der Vater, dass in seinen Kleinkinderjahren hier, so fünf Kilometer vorm Unort der Geschichte, wo sie jetzt stehen, eine Linde durch einen Blitz in der Nacht "entzweigespalten und gefällt" wurde. Und natürlich weiß der Erzähler bei der Besichtigung des ehemaligen Elternhauses die Stelle, wo sein Vater "gezeugt und geboren" worden ist. Gezeugt und geboren? Der Mensch glaubt ja einiges, aber jeden Doppelpack in Reihe nun auch nicht: Wie überhaupt mindestens die Hälfte dieses dokumentarischen Romans mir blank erdichtet scheint. Und welches Geschichtskonzept, welches Erinnerungskonzept, welche Interessen diesen Familienroman treiben, das bleibt vollkommen unaufklärbar, lässt man erst einmal zu, sich folgendes anzulesen: "Historische Ereignisse entstehen manchmal erst lang, nachdem sie geschehen sind. Man hat den Eindruck, dass auch ihre Existenz den Gesetzen jenes flüchtigen, locker und veränderlich zusammengefügten Landes der Erinnerungen, Stimmungslagen und Interessen folgt; dass sogar die so genannte historische Wirklichkeit erst in zweiter Linie eine Sache von Ort und Zeit ist." Bei einem solchen Satz hätten die Fachlehrer meiner Schule wohl einen Verweis von der traditionsreichen Erziehungsanstalt in Erwägung gezogen.

Wenn Wackwitz auf den 288 Seiten seines aufgeblasenen Berichts das Wort "entwicklungsunfähig" für seine in deutscher Geschichte eingebettete Familiengeschichte gefunden hätte, eben genau mitsamt seiner Aura vielschichtiger Bedeutung, dann hätte es vielleicht etwas werden können. So aber liest man tatsächlich am laufenden Band neben den ganzen Phrasen und Bildungsblasen Sätze wie diesen: "Er streckte die Hand in Richtung auf einen gewünschten Frühstücksgegenstand aus." Wahrscheinlich haben die Damen und Herren Lektoren an der Frankfurter Hedderichstraße das auch gemacht in den Bistros Sachsenhausens, statt ihrer Arbeit nachzugehen. Sonst hätten sie wohl auch nicht durchgehen lassen, wie sanft dieser selbsternannte "Erinnerungspalast" an die Stelle der Kritik von Geschichte das tolerante, ach was: grundlegende Einverständnis mit den kaisertreuen Vätern setzt. Oder doch?

Stephan Wackwitz: Ein unsichtbares Land. Familienroman, Frankfurt am Main:
S. Fischer 2003, 285 S., 19,90 EUR

 
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