Kultur

Im Kino | 03.10.2003 00:00 | Barbara Schweizerhof

Unsere kleine Welt

Der Roman über das alte Kreuzberg, "Herr Lehmann", verfilmt von Leander Haußmann

Ja, ja, das alte Westberlin. Eine Welt, in der der kulturelle Gegensatz von hergezogenen Schwaben und angestammten Westberlinern mehr Zünd- und Gesprächsstoff lieferte als der zwischen Türken und Deutschen. Letzteres wurde meist mit dem großspurigen Hinweis erledigt, Westberlin sei bekanntlich die drittgrößte türkische Stadt (nach Ankara und Istanbul); eine Fehlinformation, die so oft verbreitet wie widerlegt wurde und außerdem die legendäre Reiseunlust der hier Gestrandeten widerspiegelt. Aber so war Westberlin: Nicht nur im buchstäblichen Sinn ein wenig beschränkt.

Diese Beschränkung, kurz "die Mauer" genannt, beförderte ein weiteres, recht seltsames Phänomen, das man erst nach 1989 als "Matrjoschka-Effekt" - die Puppe in der Puppe, Sie wissen schon - zu beschreiben lernte: In jedem Mikrokosmos verbirgt sich ein weiterer Mikrokosmos. War Westberlin schon eine "kleine Welt" für sich, so fand sich darin eingeschlossen noch so etwas wie der Unterkosmos "Kreuzberg", und darin wiederum das ominöse "36" (wissen Sie noch, das alte Postleitzahlensystem!) und dort stieß man dann auf die kleine Welt der "Wiener Straße", wo sich diverse Kneipen befanden mit je ganz eigener Klientel, die wiederum Welten voneinander trennten.

Sven Regener hat diesem komplizierten Kosmos, wo eine Fahrt in den Stadtteil Charlottenburg schwere Entfremdungsgefühle auslösen konnte und die "Hauptstadt der DDR" gleichsam auf einem anderen Kontinent lag, ein schönes Requiem gesungen mit seinem Roman Herr Lehmann. Ausgesprochen redselig, erstaunlich wenig sentimental, aber mit angemessen traurigem Humor erzählte er darin von diesem Provisorium, in dem sich alle eingerichtet hatten, weil sie dachten, das hält am längsten. "Frühstück bis 17 Uhr" war hier in vielen Kneipen üblich, was viel aussagte: einerseits diese Neigung zur spätaufstehenden Boheme und andererseits diese übermäßige Ausdifferenzierung des Angebots mit erlesenen Käse- und vor allem Müsli-Sorten - eine Spießerwelt, die Herr Lehmann, Regeners Hauptfigur, natürlich hasst. Was wiederum eine typische Reaktion des Eingeschlossenseins ist: Der Insider muss immer neue Anlässe des Ressentiments erfinden, um noch insider-hafter zu werden. Doch Regeners Roman war mehr als ein launiges Porträt des skurrilen Kreuzberg unmittelbar vorm Mauerfall; das prekäre Moment der provisorischen Lebensentwürfe kam darin genau so vor wie die weise Einsicht, dass das baldige Ende irgendwie zwingend war.

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Leander Haußmann hat nun versucht, den Stoff und die Atmosphäre möglichst eins zu eins auf die Leinwand zu übertragen. Nahezu alles, was im Buch vorkommt, findet sich auch im Film - die ganze Geschichte von Frank, den alle Herr Lehmann nennen. Dessen 30. Geburtstag am 9.11.1989 bevorsteht. Der einen Berliner Straßenköter erst mit Whisky betäuben muss, um an ihm vorbeizukommen (ein typisch westberliner Gesprächsthema: die allgegenwärtigen Köter). Dessen Eltern ihren gar nicht erwünschten Besuch ankündigen, denen er dann unter Einsatz von Freunden und Bekannten nicht vorhandene Lebenserfolge vorspielt. Der sich in Katrin, "die schöne Köchin" verliebt, weil die so schön Widerworte geben kann. Für Katrin geht Herr Lehmann sogar ins Prinzenbad (kaum ein Westberliner, der an dieser Stelle keinen Vortrag darüber halten kann, wie speziell und besonders mikrokosmisch es dort zuging!).

Der Film hat diesen sympathischen Haußmann-Sound, den man aus der Sonnenallee kennt: dieses trocken Salbadernde, das Kokettieren mit dem Fast-Stillstand der Handlung, die Begeisterung für die artifiziellen Seiten des Alltags. Unendlich viel Bier wird hier getrunken und ständig sagt Detlev Buck als kellnernder Künstler Karl "Achtet auf die Elektrolyte!", womit er zum Verzehr von Kartoffelchips auffordert. Sehr schnell aber hat man das Gefühl, dass beides zu oft vorkommt; die schöne Redseligkeit des Romans wirkt auf der Leinwand auf einmal theaterhaft. Und die Kulissen, zum Teil übermäßig vertraut aus all den anderen deutschen Geschichtsfilmen der letzten Zeit, von Rosenstraße bis zum Wunder von Bern, sehen sehr nach Studio aus und gleichzeitig fehlt es ihnen an Patina. Er sei noch so jung, er habe sich bei den Dreharbeiten teilweise wie beim Gang ins Museum gefühlt, wird der Hauptdarsteller, MTV-Moderator Christian Ulmen in der Werbung zitiert. Leider sieht der Film danach aus.

Die Legende Kreuzberg lebt von den Erinnerungen der Insider: Wer es nicht gesehen hat, war nicht dabei. Man hätte sich eine Verfilmung gewünscht, die sich traut, aus diesem Insidermuff, aus der Kosmologie der kleinen Weltsichten herauszutreten und die Beschränkungen wenigstens im Nachhinein ein wenig aufzuheben.

 
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