Kultur

Kolumne | 28.11.2003 00:00 | Thomas Wörtche

Crime Watch No. 79

Nach den Anschlägen in der Türkei ist die Terror-Hysterie wieder besonders laut geworden und in einem gewissem Sinn besonders beredt. Folgt man der ...

Nach den Anschlägen in der Türkei ist die Terror-Hysterie wieder besonders laut geworden und in einem gewissem Sinn besonders beredt. Folgt man der Argumentation der Herrschaften Bosbach & Co., dann wird deutlich, dass auch der große, internationale Terrorismus zum parteipolitisch-taktischen Kleingeld geworden ist: Wir wollen die Türkei aus allerlei irrationalen Gründen nicht in der EU, also dient ein Anschlag dort als Anlass, die näher rückende Gefahr zu beschwören und dadurch zu bannen, dass man die EU-Grenzen schließt. Die Absurdität einer solchen Gedankenführung ist nur eine außenpolitische, parteipolitisch indes ist sie logisch. Man muss über Terrorismus nichts wissen, um mit ihm dumpfe Ressentiments zu erzeugen. "Die moderne, global vernetzte Welt wird nur begrenzt eine Welt des rationalen Diskurses und der logischen Beweisführung, sondern eine der spektakulären Bilder sein", schreibt der Soziologe Peter Waldmann in seiner Aufsatzsammlung Terrorismus und Bürgerkrieg.

Die spektakulären Bilder von 9/11 werden gekontert von nicht minder spektakulären, weil imaginären Bildern vom Terror, der über die Grenzen langsam näher schleicht. Bosbach & Co. sind einerseits dieser a-rationalen Logik gefolgt, haben sie aber andererseits für die Tages- und Parteipolitik funktionalisiert und damit marginalisiert. Dagegen gibt es nur ein probates Gegenmittel: Rationale Analyse der Vorgänge und Differenzierung hinsichtlich der Motive, sozialpolitischer und personaler Kontexte und das Vermeiden jeglicher Unterstellungshermeneutik. Terrorismus ist ein in der Tat zu bedeutendes Thema, um es auf dem Niveau von Florida-Rolf oder Null-Runden für Beamte zu zerreiben.

Waldmanns Buch (und seine schon etwas ältere Studie: Terrorismus. Provokation der Macht, 1998) ist so ein Gegenmittel. Relativ jargonarm, also verständlich, hält er den Diskurs erfreulich auf dem Boden. So beantwortet er zum Beispiel die Frage, was denn nun strukturell wirklich neu (und nicht nur gewaltig, wie die Anzahl der Toten) gewesen sei an 9/11, sehr klar mit der These, dass es "weniger die Art und Form der Anschläge selbst als die überzogene Reaktion auf sie sowie ihre mittelfristigen Auswirkungen" gewesen seien und folgt damit nicht den bizarren Paranoiatheoremen von Bröckers & Co., ohne sich deshalb gleich in eine unkritische Ecke zu stellen.

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Waldmanns Argumentationen beschränken sich strikt auf das, was man gesichert sagen kann. Und das ist bis zu einem gewissen Maß historisch. Er analysiert die jeweiligen Kontexte, die den Terror der ETA, IRA, Hamas oder auch Gush Emunim bedingen und wie deren Motivationslage, Zeitperspektive, taktische und strategische Ziele sich allmählich zu einer Eigendynamik des Terrors verwandelt haben. Mit dem skeptisch machenden Ergebnis allerdings, dass die Einzelanalysen jeweils für ihren Gegenstand berechtigt sind, aber sonst Einzelanalysen bleiben müssen und sollen. Abgesehen von ein paar Standards, wie dem in den westlichen Gesellschaften "hochtabuisierten Thema" Hass und Rache, die man als Motive in allen nicht-permissiven Gesellschaften findet und die zur starken Motivationskräften werden können, warnt Waldmann dringend vor allzu schneller Analogisierung dieser Gruppen.

Er untersucht in der gleichen kühlen Manier die Bundesrepublik Deutschland als "Nährboden des radikalen Islamismus" und versieht dieses Schlagwort gleich von Anfang an mit dem notwendigen, dicken Fragezeichen. Natürlich weiß auch Waldmann, dass "Diskriminierung und die Konfrontation mit einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft eine verstärkte Hinwendung zum islamischen Glauben begünstigt, die auch Eifertum und einen gewissen Fanatismus einschließen kann." Aber eine zwangsläufige Gewaltbereitschaft, so Waldmann, gegen diese säkularisierte Gesellschaft folgt daraus nicht. Er hält militante Proteste für durchaus möglich, aber keine Frontalangriffe auf diese Gesellschaft. Eine vernünftige Außen- und Innenpolitik kann, so schließt er seine Argumentation ab, verhindern, dass das traditionell eher noch positiv besetzte Deutschlandbild zu einem Feindbild stilisiert wird. Natürlich haben eingereiste Täter von außerhalb keinerlei Hemmschwelle gegen die Bundesrepublik. Aber die reisen ein, von wo sie wollen. Mit der eventuellen Verschiebung der EU-Grenze hat das dann wahrlich wenig zu tun.

Wer sich also in global gefährlichen Zeiten einen kühlen Kopf bewahren will, der lese die beiden Bücher von Waldmann.

Peter Waldmann: Terrorismus und Bürgerkrieg. Der Staat in Bedrängnis. Gerling Akademie, München 2003, 270 S., 21,50 EUR

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