Kultur

linksbündig | 28.11.2003 00:00 | Ingo Arend

Aneignung

Michael Jacksons Fall

In Frankreich hielt sich in den sechziger Jahren hartnäckig ein Gerücht. In den Umkleidekabinen der neuen Damen-Konfektionsgeschäfte, die zu dieser Zeit vermehrt öffneten, so hieß es, verschwänden junge Frauen. In Rouen sollte eines dieser Geschäfte gar als Zentrum des Mädchenhandels enttarnt worden sein. Nichts davon war wahr, doch die schaurige Idee hielt die kollektive Phantasie des Landes monatelang in Atem. Was ist ein Gerücht? Nimmt man es als Ausdruck des kollektiven Unbewussten stellt sich die Frage: Wovor hatten die Franzosen Angst?

Der Fall des Pop-Stars Michael Jackson weist verblüffende Parallelen auf. Hier wie da ging es um Jugendliche. Hier wie da war der Inkubationsort ein hermetisches Milieu: eine Mädchenschulklasse in Frankreich, das Traumreich Neverland in Kalifornien. Gleichzeitig ist Jacksons Fall komplizierter. Kein Rauch ohne Feuer: Das Gerücht, der androgyne Star neige sexuell zu kleinen Jungs, hält sich so hartnäckig, dass man nicht mehr recht an ein kollektives Phantasma glauben will. Zwar kann man zweifeln, ob das Sexuelle in dem bizarren Universum des millionenschweren Kindgottes überhaupt eine Rolle spielt. Aber hat nicht Jackson selbst bekannt, gelegentlich mit Kindern "ins Bett" zu gehen, wenn auch nur mit Milch und Keksen? Gesehen hat diese unwirkliche Kinderstunde bislang allerdings noch niemand. Genauso wenig wie man bis jetzt das ominöse Video zu Gesicht bekam, das Hollywood-Start Tom Cruise im geilen Tete-a-tete mit einem Bodybuilder zeigen soll. Nicht dass diese Geschichten nicht wahr sein könnten. Aber hinter der Hysterie jetzt verbirgt sich mehr als nur der Aufstand des amerikanischen Puritanismus, den die dehnbaren Vokabeln der kalifornischen Justiz von den "obszönen und zügellosen Handlungen" anzeigen. Denn die Stars des Pop-Olymp sind immer kollektive Projektionsflächen unserer eigenen Begierden und Ängste.

In Jackson Schicksal vollendet sich der Fall eines tragischen Oxymorons. So wie der Sänger afroamerikanischer Provenienz sich von der musikalischen Randlage zum Mainstream vorkämpfte, so sucht er sich - körperlich - den klassischen weißen Diven anzuverwandeln: Kathrine Hepburn, Elizabeth Taylor, Liza Minelli - exaltiert, triebstark, aber doch zugeknöpft. Die weiße amerikanische Mittelschicht fürchtet ihn trotzdem. So wie sich die Franzosen ängstigten, die Mode könnte ihnen ihre Nachkommen entfremden, projiziert Amerika auf Jackson die Angst vor der Überfremdung und der Vermischung, deren Opfer die Symbole der Reinheit sind - die Kinder. Hat nicht der "King of Pop" auf seiner letzten Tournee einen seiner Söhne aus dem Fenster des Berliner Hotels Adlon gehalten, ihn sekundenlang wie zum Zeichen zwischen Leben und Tod schweben lassen?

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Amerika liebt den Pop und vergöttert den Glam, den er abwirft. Doch es fackelt mit der schnellen Ächtung Jackson auch die Furcht ab, seine Abkömmlinge könnten von dem Fegefeuer auf dem Pop-Altar verzehrt werden. Die landesweite Psychose um Jackson spiegelt die Angst der Eltern über ihren Machtverlust in der Entertainment-Gesellschaft. Mit der Verhaftung ihres Gottes ist sie nicht gebannt.

Michael Jackson in Handschellen, sein bizarres Passfoto auf der Website der Polizei in Santa Barbara. Wenn sie nicht echt wäre, würde man die Bilder für die Requisiten eines raffinierten Relaunch-Videos halten. Jackson, der zeitweise die Luft der gewöhnlichen Welt nur durch weiße Tücher einatmete, ist ein Opfer seiner eigenen Distanzierungspraktiken geworden. Je mehr er sich in ein unerreichbares Neverland zurückzog, desto mehr weckte er die Neugier auf seine Intimsphäre. Was immer in seinem Schlafzimmer in Los Angeles vorgefallen sein mag. Seine Verhaftung ist auch die symbolische Aneignung eines Idols, der die Entrückung zu weit getrieben hat. Jetzt haben sie ihn mit Handschellen an das gefesselt, das ein anderer geläuterter Zwitter, David Bowie, programmatisch zum Titel seiner letzten CD machte - Reality.

Götzendämmerungen haben aber ihre Vorteile. Margarete Mitscherlich hat schon 1967 Das Ende der Vorbilder verkündet. Ob Michael Jackson schuldig ist oder nicht, überlassen wir den Gerichten. Sollte der Kindgott aus der Gerüchtewolke tatsächlich auf eine Gefängnispritsche fallen, wäre ein bedauernswerter Mensch aus der gefährlich dünnen Luft der Selbststilisierung auf die strauchelnden Füße einer normalen Existenz zurückgefallen. Könnte es eine bessere Nachricht geben? Ein Luftballon abdelegierter Hoffnungen wäre geplatzt, einer der gängigen Doppelmoral; ein Bildschirm hätte einen Riss bekommen, hinter dem wir uns selbst erkennen.

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