Kultur

Kolumne | 13.02.2004 00:00 | Paul Baskerville

Lauschangriff 4/04

In einem vergangenen Leben, da bin ich mir ganz sicher, war Greg Dulli im Wilden Westen. Das Dasein eines Rockkünstlers hat öfter etwas von ...

In einem vergangenen Leben, da bin ich mir ganz sicher, war Greg Dulli im Wilden Westen. Das Dasein eines Rockkünstlers hat öfter etwas von Cowboyromantik an sich, und Greg Dulli überzeugt in der Rolle. Er sieht im Grunde aus wie John Wayne.

Seit über einem Jahrzehnt beglückt er uns mit Songs, die seine raue Schale und seinen weichen Kern ausdrücken. Im klassischen Westernstil tritt er nach außen hin aggressiv auf, ist aber schließlich doch einer der Guten. Seine erste Band Afghan Wigs wurde vor vierzehn Jahren in Cinncinatti, Ohio, gegründet. Trotz der Entfernung von Seattle galt die Gruppe als eine der Grunge Bands der ersten Stunde, und ist vom Label Sub Pop in Seattle entdeckt worden. Man spricht zwar vom "Grungesound" als etwas Einheitlichem, aber in der Tat waren die Bands oft sehr verschieden. Da gab es erbarmungslose Krachkünstler wie Tad und eben melodische Bands wie Afghan Whigs; Dullis Band war jedoch nicht einmal annähend so erfolgreich wie Nirvana. Sie blieb immer in der zweiten Reihe. Sechs Alben gab es, drei davon waren durchaus bemerkenswert: Congregation 1992, Gentleman 1993 und Black Love 1996.

Seit drei Jahren hat Dulli nun eine neue Band, The Twilight Singers, die gerade ihr zweites Album Blackberry Belle veröffentlicht hat. Der Name Zwielichtige Sänger ist sehr angemessen für eine Band, deren Lead-Sänger schon immer mit der Zwielichtigkeit, und mit der Zwiespältigkeit dieser Welt beschäftigt war. Gut und Böse sind für Dulli unzertrennlich. Gern stellt er Spiel und Spaß unseres Daseins mit halbstarker Gestik heraus, wie zum Beispiel im Song Teenage Wristband auf dem neuen Blackberry Belle Album: "You wanna go for a ride? I got sixteen hours to burn and I wanna stay up all night". Man sollte wissen, dass er die Silben manchmal sehr in die Länge zieht, weil er ein Cowboy ist. Dulli singt zum Beispiel:"You wanna go for a riiiiiiiiiiide?" und klingt dabei wie ein Held und ein Schuft zugleich.

Dullis Späße sind nie ganz harmlos. Er gehört zu jener Sorte Mann, die Frauen zwar missbilligen, aber dennoch anziehend finden. Vor Kurzem auf der Bühne im Hamburger Logo versuchte er ein junges Mädchen in der ersten Reihe zu überreden, mit ihm über die "Reeeeeeperbahn" zu ziehen. Ob er Erfolg hatte, weiß ich nicht, aber er bestätigte damit, dass er die Männlichkeit der alten Schule verkörpert. Es gelingt ihm auch auf der Bühne Kette zu rauchen, obwohl er singt. Ein Lied sang er sogar mit Kippe im Mund.

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Die Grundstimmung seiner neuen Musik ist gedämpft; Dulli hat heutzutage gerne einen Hang zum Tragischen, wie beim Eröffnungstück Martin Eden auf dem neuen Album. Martin Eden ist ein Jack London-Roman, der von einem Schriftsteller erzählt, der Selbstmord begeht, weil er den Druck des Ruhms nicht aushält. Wenn man das neue Album hört, wird einem klar, dass die Welt ein verrückter und zwielichtiger Ort ist, falls man das nicht schon vorher gewusst hat. In einem Song wie Killer kommt zwar eine beklemmende Atmosphäre zum Ausdruck, wenn auf den eigenen Drogenkonsum angespielt wird - "I caught a fever, a holy fire, till I was crawling on the ceiling" -, dennoch wirkt das Lied wie ein Sieg, wie die Bewältigung eines Erlebnisses. Als Afghan Whigs anfingen, waren sie gerade dabei, bessere Musiker zu werden. The Twilight Singers sind bereits reife, überzeugende Musiker. Sessionmusiker und Gäste wie Mark Lanegan (Ex-Screaming Trees), Petra Haden (That Dog), und Appollonia (Prince´s Band) ergänzen das Ganze mit Violine, Pedal Steel, Banjo oder mit effektvollen Gesang. Der Sound ist opulent, aber trotzdem bodenständig.

1996 erzählte mir Greg Dulli, dass sein Lieblingssalbum Quadrophenia von The Who sei. Das merkt man heute noch. Greg Dulli kann nicht singen, aber das war nie ein Problem. Wenn er leise singt, vergreift er sich ein wenig, wenn er laut singt, schreit er, aber gerade diese Punkattitüde verknüpft mit musikalischer Souveränität wirkt authentisch und erfrischend wie eine Brise und ist letztendlich aufregender als bei jemand, der zwar immer den Ton trifft, aber dem das Feuer fehlt. Fühlen ist wichtiger als sprechen. Zwei Stunden spielten The Twilight Singers in Hamburg, und auch Greg Dulli gehört zu den Menschen, die nach einigen Whiskys unzusammenhängendes Zeug von sich geben, aber bei ihm ist es Rock´n´Roll.

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