Kultur

Kolumne | 20.08.2004 00:00 | Paul Baskerville

Lauschangriff 20/04

Die britische Pophymne des Jahres heißt Run und ist von einer Band namens Snow Patrol. Der Song, eine sechsminütige, epische Popmelodie, läuft zur ...

Die britische Pophymne des Jahres heißt Run und ist von einer Band namens Snow Patrol. Der Song, eine sechsminütige, epische Popmelodie, läuft zur Zeit in allen Kneipen auf der Insel. Man könnte ihn als kitschig bezeichnen, wenn er nicht gleichzeitig so sanft und zurückhaltend produziert daher käme. Es gibt jedoch bereits Tausende, wenn nicht Millionen Engländer, die das Lied beim Biertrinken mitsingen und das Stück feiern, als ob es eine Partynummer sei. Viele kennen die Indierock-Vergangenheit der Band dabei gar nicht. Wer hätte auch ahnen können, dass diese Band einmal das Herz des Mainstreams erobern würde. Das aktuelle Album erschien in Großbritannien schon letztes Jahr, und war dort lange unter den Top zehn. Hierzulande kam es erst diesen Sommer raus. Final Straw - "Letzter Strohhalm" heißt das gute Stück und das ist kein Zufall. Die Gruppe war nämlich tatsächlich am Ende ihrer Kräfte. Zwei Alben hatten sie bereits für das Indielabel Jeepster gemacht und waren kaum bemerkt worden. Es sah ganz danach aus, dass sie sich entweder trennen oder damit abfinden müssten, bis zum Lebensende kleine Brötchen zu backen. Überraschenderweise bekamen sie dann einen Vertag bei dem großen Konzern Polydor, und das ausgerechnet in der absoluten Krisenzeit der Musikindustrie. Der Deal war ihr letzter Strohhalm. Nun ist alles blitzartig anders geworden. So schnell kann aus einem Loser ein Siegertyp werden. Ein Anruf genügt.

Vor fünf Jahren waren die Jungs von Belfast nach Glasgow gezogen, wo die Musikszene seit vielen Jahren gedeiht. Ihre Beziehung zu der schottischen Stadt hat sich seither so verfestigt, dass viele Leute gar nicht mehr wahrnehmen, dass sie Iren sind. In den letzten Jahren war der Snow Patrol-Sänger Gary Lightbody fast mehr mit seinem Nebenprojekt The Reindeer Section beschäftigt gewesen und alles deutete darauf hin, dass letztere bald seine eigentliche Band werden und Snow Patrols Bedeutung verblassen würde. Aber nun ist genau das Gegenteil davon eingetreten.

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Das Glück der Band ist verdient, weil Final Straw ein Popmeisterwerk ist. Snow Patrol haben sich zwar verändert, aber ohne kommerziellen Ausverkauf zu begehen. Sie haben ihre Identität bewahrt und trotzdem ihren Sound verbessert und verfeinert. Inwiefern es mit dem neuen Gitarristen Nathan Connolly zu tun hat, kann man nur spekulieren. Vielleicht hat er der Band den nötigen Adrenalinstoß versetzt. Oder liegt es daran, dass sie den Danceproduzenten Jackknife Lee engagierten, der sicherlich für das raffinierte Arrangement der Beats, Samples, und Drum-Machine-Loops verantwortlich ist? Ich habe es schon oft erlebt, dass Künstler erst mit ihrem dritten Album endlich so klingen, wie sie klingen wollen, wenn die künstlerische Pubertät überstanden ist. Genau so ist das Feeling dieser Platte: der Sound einer Band, die sich extrem wohl in ihrer Haut fühlt. In der Vergangenheit spielte Snow Patrol in zweierlei Modi: Ruhig, oder sehr ruhig. Nun ist ihr sanftes Gemüt zwar noch präsent, aber sie trauen sich gelegentlich, die Verstärker aufzudrehen. Das Resultat ist eine reizvolle Mischung aus rigorosen Gitarren und zarten Klängen. Man kann die Wichtigkeit von Gary Lightbodys Stimme nicht genug betonen. Der ganze Charakter der Band ist durch sie definiert. Lightbody klingt wie ein Frauenversteher, leicht feminin, aber doch männlich. Er steht zu seinen Gefühlen, und kann offen über sie sprechen. Die Sensibilität seines Gesangs wird unweigerlich dazu führen, dass Snow Patrol mit Coldplay verglichen werden, aber das ist letztlich ein Kompliment. Coldplay hatten schließlich deshalb Erfolg, weil ihr Songwriting so exzellent war. Sie haben mit ihrem Sound den Britpop neu definiert, und Snow Patrol scheint nun das nächste Kapitel zu schreiben. Lightbodys Gesang ist hauchig, dezent, sehr warmherzig, aber nicht missionarisch. Zyniker meinten, Coldplays Chris Martin könnte als der neue Bono kandidieren. Das wird Gary Lightbody nicht passieren. Er wird sich nicht von Popstarallüren verschlingen lassen. In einem Interview neulich für die englische Musikzeitung New Musical Express meinte er, dass man ihn in den Annalen der Popgeschichte dereinst als "tollen Songschreiber, aber enttäuschenden Fick" beschreiben würde. Wer so etwas im Spaß über sich selbst sagt, ist sicherlich nicht dazu prädestiniert, ein Rockgott zu werden. Dennoch ist Snow Patrol die Band der Stunde auf der Insel.

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